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Bugatti Veyron 16.4 Vitesse: Der Faltenstraffer

Bild: (c) Juergen Skarwan 

Die vierte Spielart des Überautos versammelt 1200 PS unter freiem Himmel. Höchstens 150 Bugatti gibt es in Europa; wer einen auf der Straße sieht, darf sich was wünschen.

 (Die Presse)

Irgendwo in Spanien: Die Versuchsstrecke ist geheim, der Weg dorthin verschlungen, nichts ist angeschrieben, und die Wachleute an den Toren sind bewaffnet. Das alles beeindruckt die Hasenkolonie, die sich auf dem Gelände ausgebreitet hat, nur mäßig, und so kam es, dass Bugatti-Testfahrer Loris Bicocchi bei deutlich über 300 km/h tat, was Profis bei Wildwechsel zu tun pflegen: nichts.
Ausweichmanöver empfehlen sich bei dem Tempo einfach nicht, und das Bremsen kann man auch bleiben lassen. Ähnlich jäh verschied Hase Nummer zwei wenige Tage später, nicht aber, ohne Protest nach Hasenart einzulegen: Die Kühler des Bugatti waren so gründlich mit Ragout durchsetzt, dass die Ingenieure das Auto für die Dauer der Veranstaltung aus dem Verkehr ziehen mussten. Bugatti gegen Hasen: 2:1.

Wir konnten nur hoffen, dass es alle Seiten bei diesem schönen Ergebnis belassen würden, als wir zum Selbstversuch antraten. Es galt zu überprüfen, wie der Bugatti von Tempo 200 in der Steilkurve auf 330 auf der Geraden beschleunigt und wie sich das ohne Dach so anfühlt. Würde einem auf dem Oval nicht allzu bald die nächste Steilkurve entgegeneilen, könnte man auf
375 km/h erhöhen, dann müsste das Dach drauf, um einen Vorstoß auf 410 unternehmen zu können. Das ist zwar möglich, aber doch eher theoretisch, da es nicht viele ausreichend lange Geraden gibt, die man zu dem Zweck befahren kann. Eine gehört zur Teststrecke von Volkswagen nahe Wolfsburg, auf der wiederum ein anderer Bugatti-Werksfahrer im Vorjahr den Geschwindigkeitsrekord von 431 km/h eingefahren hat, mit einem 1200 PS starken Veyron Super Sport. Das ist ein Schippel über der offiziell angegebenen Höchstgeschwindigkeit, niemand wusste, ob die Reifen halten würden. Pilot Henri-Pierre hat keinerlei  Lust bekundet, die Fahrt zu wiederholen.

330 sind aber nicht nur unbedenklich im Veyron Vitesse, sondern nahezu unaufregend: Das Auto ist dafür gebaut, und weil die Ingenieure an der Aerodynamik gefeilt haben, zieht es einem auch nicht das Heu vom Kopf. Nimmt man das Glasdach ab, ändert automatisch der Heckflügel seinen Anstellwinkel, um der veränderten Luftströmung Rechnung zu tragen; ein kleiner Spoiler mit „Störnase“ an der Oberkante der Windschutzscheibe teilt die herantosende Luft in zwei Bahnen, was der Akustik zugute kommt. Auch das Windschott, das die Turbulenzen im Cockpit glättet, gab es beim ersten offenen Veyron noch nicht. So stöbern die Techniker nach und nach all die kleinen Rädchen und Schräubchen auf, an denen man noch einen Tick drehen kann. Infolgedessen ist der Vitesse nun der beste Veyron, wenn man so will, sagenhaft austariert im Fahrwerk, ebenso agil wie komfortabel und monströs schnell sowieso.

Fertig ist man nie, auch wenn das Projekt Veyron nun definitiv in die Zielgerade eingebogen ist. Der Vitesse ist die vierte und (vermutlich) letzte Spielart des Autos, es vereint die Dachlosigkeit des Gran Sport mit den zusätzlichen PS des Super Sport. 300 Veyron-Coupés sind verkauft, wenn auch noch nicht alle gebaut und ausgeliefert. Bei den Offenen kann man noch im Bugatti-Atelier im elsässischen  Molsheim vorstellig werden, wo die Autos im gemächlichen Takt von Hand zusammengebaut werden.

Im Windschatten dieser mikroskopischen Stückzahlen duckt sich das Auto unter die berechtigten Einwände, nach denen ein CO2-Ausstoß von 512 g/km kaum als zeitgemäß durchgehen kann. Die durchschnittliche Laufleistung eines Kundenautos betrage 1500 bis 2000 Kilometer im Jahr, so Bugatti, damit ließe sich die Ökobilanz eines Golf errechnen. Die Aufgabe der meisten Bugattis wird es wohl sein, exquisite Autosammlungen zu krönen, als Ikone des vergangenen Jahrzehnts, „maßlos, unnötig, ultimativ“, wie wir bei einer früheren Begegnung notierten – ein letzter Tusch des Benzinzeitalters.

Und Benzin fließt reichlich, wenn der Vitesse freie Bahn vorfindet. Reichten für die erste Generation mit 1001 PS noch zwei Benzinpumpen, schlürfen nun vier davon am Kraftstofftank, mit solch einer Gier, dass sie unter Volllast in einer Stunde dreieinhalb Badewannen leer gepumpt hätten. „Mit dem Eimer einspritzen“ nennt das der Ingenieur. Die unter drei Sekunden, in denen man den Ur-Veyron aus dem Stand auf 100 km/h jagen konnte, ließen sich dennoch nicht verbessern, „weil wir an der Schlupfgrenze der Reifen angelangt sind“. Auf 200 und 300 und 400 km/h konnte man aber schon noch etwas gutmachen. Dass der Vitesse nicht zwangsläufig alle Streckenrekorde dieser Welt unterbietet, liegt an seiner Auslegung als Super GT, womit gemeint ist, dass man keinen puristischen Rennwagen gebaut hat. Bei fast zwei Tonnen Gewicht gelangt auch die allertollste Keramikkohlefaserbremse, und eine solche ist selbstredend verbaut, an ihre Grenzen. Der Veyron lässt sich dafür manierlich bewegen, er bockt und sperrt sich nicht wie ein nervöser Exot – genau das hatte VW-Patriarch Ferdinand Piëch im Sinn, als er den Ingenieuren vorgab, man müsse mit dem Auto an der Oper vorfahren können.

Auch wenn sich der Vitesse völlig umstandslos fahren lässt: Wenn man so dahinströmt im Verkehr, sitzt einem das Tier immer im Nacken, wie ein drachenartiges Fabelwesen, das entzündlichen Schwefel atmet und nur darauf wartet, dass du es sekkierst. Das akustische Spektakel ist wohl der beste Grund, offen zu fahren. Der Veyron macht keinen Krawall, den man kilometerweit hören könnte. Der acht Liter große Motor dreht nicht übermäßig hoch, und vier Turbolader sind wirkungsvolle Dämpfer. Aber im Cockpit bricht die Hölle los, sobald man ins Gaspedal steigt, da zischt die komprimierte Luft in den Ladern und strafft sich die Haut auf der Stirn unter der Beschleunigung. Lupft man, wird die aufgestaute Luft mit einem zornigen Fauchen abgeblasen. Jeder Millimeter auf dem Gaspedal dirigiert dieses Konzert. Wie wild es im Orchestergraben zugeht, lässt sich auch an einer Uhr ablesen, die die momentan abgerufene Leistung anzeigt. Bei 200 km/h braucht der Bugatti 200 PS, Golf-GTI-Liga. 1000 PS Reserve, wie beruhigend.

(c) Juergen Skarwan / Bild: (c) Juergen Skarwan 
Name: Bugatti Veyron 16.4 Vitesse
Preis: 2.380.000 Euro
Motor: W16-Zylinder-Boxer, 7993 ccm
Leistung: 1200 PS bei 6400 U/min
Gewicht: 1990 kg
0–100/200/300: 2,6 sec/7,1 sec/16,0 sec
Vmax: 410 km/h
Verbrauch: 23,1 l/100 km laut Norm

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