Kanada: Heiße 15 Grad minus

08.02.2013 | 18:23 |  CARSTEN HEINKE (Die Presse)

In Ottawa wird der Frost mit einem Festival vertrieben. In den Wäldern von Muskoka laufen Wanderer und Huskys warm.

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Das Thermometer zeigt eine zweistellige Minustemperatur – und dennoch kommen die Künstler ins Schwitzen: Die Arbeit mit Motorsäge und Feile ist anstrengend. Und es bleiben ihnen auch nur mehr wenige Stunden, einen Eisblock in ein Kunstwerk zu verwandeln, das der gestrengen Jury standhalten kann. Hier, im Crystal Garden von Ottawa, ringen Bildhauer aus der ganzen Welt um die begehrten Preise im internationalen Eisschnitzen.

Dieser Wettbewerb gehört zum Winterlude-Festival wie heiße Biberschwänze – frittierter Hefeteig mit Zimt und Zucker. Wie jetzt gerade feiern die Kanadier jeden Februar mit Gästen aus aller Welt das Open-Air-Spektakel mit Shows, Konzerten, Gastro- und Sportevents. Die Temperaturen tun dem keinen Abbruch, mit Graden bis zu minus 39,9 (anno 1933 gemessen) ist Ottawa eine der kältesten Hauptstädte der Welt.

Mit ohrenbetäubendem Trommeln, Rasseln und Gesang lockt auf der anderen Seite des Ottawa-Flusses ein tanzender Drachen, dessen Rumpf und Hinterteil aus schreienden Zwergen bestehen, Familien ins „Reich der Schneeflocken“. Hier sind die Kinder an der Macht. Auf Bahnen rutschen sie durchs Gelände, angeln wie die Inuits Fische an richtigen Eislöchern und lassen sich von Pferdeschlitten kutschieren. Mittelpunkt des größten Winterspielplatzes Amerikas sind fast vier Meter hohe Figuren aus 40 Tonnen Schnee sowie die Familie der arktischen Murmeltiere, den Maskottchen des Festivals. Fast märchenhaft mutet die verschneite Skyline von Kanadas Hauptstadt an. Kupfergedeckte Türme und Dächer über dem Parlamentshügel ragen in den Abendhimmel, wo sich das Grau der Schneewolken mit den Lichtern des Fests vermischt. Passend zum Zuckerbäckerdesign der Regierungsgebäude ergänzt das Fairmont Chateau Laurier Hotel das Panorama von Ottawa. Die 1912 eröffnete Luxusherberge ist einem Loire-Schloss nachempfunden. Die Rolle des Flusses übernimmt hier der 202 Kilometer lange Rideau Canal, der Ottawa mit Kingston am Ontario-See verbindet.

 

Rekord-Eisbahn

Die 1832 eröffnete künstliche Wasserstraße wird heute ausschließlich touristisch genutzt – zum Rudern und Paddeln oder als Kulisse für Wander- und Radtouren. Wenn die Frostperiode beginnt, verwandelt sich der Rideau Canal in die längste natürlich gefrorene Eisbahn der Welt. Eisläufer aller Alters- und Qualifikationsklassen tummeln sich auf dem acht Kilometer langen Abschnitt des Rideau Skateway, der die eisige Hauptachse der „Winterlude“ bildet. Ein Volksfest auf Kufen. Angestellte laufen mit umgehängten Schlittschuhen durch die Stadt, weil sie ihre Mittagspause auf dem Rideau verbringen. Kinder basteln sich Rutschfahrzeuge. Anfänger benutzen Stühle als Laufhilfe.

An den Imbissbuden, die den Kanal dann säumen, wärmen sich die Leute mit heißem Apfel-Cidre oder Kakao und stärken sich mit Poutine (Pommes mit Käse und Bratensaft) oder Biberschwänzen, die anderswo in Nordamerika Tigerohr, Walschwanz oder Unfalltod heißen. Zum Glück bietet das Festival mit „Taste of Winterlude“ aber auch ambitionierte Küche. Mit von der Partie ist etwa das noble Restaurant „Le Cordon Bleu Signatures“ – dort bekommt man in herrlich schrulliger Atmosphäre die angeblich besten Hummergerichte Kanadas mit Chardonnays aus der Niagara-Region. Die Speisekarte der „Algonquin Lunch Bar“ in Whitney am Highway 60 ist da rustikaler und günstiger. Der „Große Elch-Huf-Burger“ mit Bergen an frittierten Kartoffeln kostet elf Dollar. Aber wer soll das essen? Die Männer in den dicken, rot-karierten Holzfällerhemden am Nachbartisch lachen sich kaputt. „Die Elche hier haben ziemlich große Füße!“ ruft einer herüber.

 

Schneeschuh und Hundeschlitten

Man glaubt dem Holzfäller, dass er sich auskennt, leben doch weit mehr Vier- als Zweibeiner in seiner Heimat Muskoka, den Lakelands. Wegen der über 1600 Seen war diese Region kaum zur Landwirtschaft zu gebrauchen, so überließen die Siedler das Gebiet zwischen Toronto und Ottawa vor mehr als 100 Jahren den Großstädtern von Ontario zur Sommerfrische. Romantische alte Landhäuser und Hotels belegen die lange Tradition, die heute von modernen Gästehäusern gepflegt wird.

Im Infozentrum des Algonquin Provincial Park, einem Holzhaus mit riesigem Elchgeweih über der Tür, empfängt Gordon Becker seine Gäste. Mit einer heißen Tasse Kaffee in der Hand sucht sich jeder ein Paar Schneeschuhe, gleich geht's hinaus in die Wildnis. „Im Sommer kommen die Leute zum Kanufahren, Angeln, Zelten oder Mountainbiken. Im Winter zum Langlaufen, Schneeschuhwandern und Schneemobilfahren. Es gibt keinen besseren Platz in Kanada, um Elche zu sehen“, schwärmt der Parkführer. Eventuell hat er recht: Nur wenig später stehen die Tiere wie bestellt am Waldrand.

„Über Jahrhunderte war das heutige Parkgebiet Jagd- und Fischrevier der Algonquin-Indianer, die die Natur im Gleichgewicht ließen. Das änderte sich, als Mitte des 19. Jahrhunderts die Holzfäller kamen. In nur wenigen Jahrzehnten wurden fast alle Weymouth-Kiefern geschlagen und nach Europa gebracht. Erst durch die Gründung des Parks 1893 wurde der restliche Bestand gerettet“, erzählt Gordon. Hinter ihm brodeln die Stromschnellen des Oxtongue-Rivers, durch die einst die behauenen Stämme der Nadelbäume geflößt wurden.

„Heidi, Liesl, Timba“, ruft Elke Schleifenbaum und fast alle 70 Husky-Damen, die zur Schlittenhundefarm von Haliburton Forest gehören, stürmen auf sie zu. Auch die Besucher werden aufgeregt von ihnen begrüßt. Die Rüden sehen aus dem Nachbargehege winselnd zu, doch ihre Bettelei, rauszudürfen, hilft nichts. Da an diesem Tag das Thermometer überraschend auf über null Grad angestiegen ist, muss die geplante Schlittentour ausfallen. Die Huskys, die sich bei minus 20 Grad pudelwohl fühlen, könnten sich lebensgefährlich überhitzen. „Ab null Grad lassen wir die Hunde nicht fahren“, erklärt Peter Schleifenbaum, Chef des Forest & Wildlife Reserve. Der aus Deutschland stammende Förster kam vor 20 Jahren mit seiner Frau nach Kanada, kaufte das über 24.000 Hektar große Wald- und Seengebiet und baute einen Betrieb auf, der streng ökologisch arbeitet. Insbesondere mit seinem Wolf-Center leistet er hier Naturschutzarbeit.

Die Wärme ist nicht von langer Dauer, die Kälte kehrt zurück. Der Rückweg führt durch Berge an Schnee. Ganz still ist es im Wald. Und plötzlich taucht am Rand wieder ein Elch auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)

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