Hundertsiebzig Jahre auf Schiene

„Entzückend! Ein wahrhaftiges Eisenbahnparadies!“ ist im Gästebuch des Eisenbahnmuseums in Pietrarsa zu lesen. 36.000 Quadratmeter, die der Industrie-Archäologie gewidmet sind, ein Erlebnisparcours der Kunst des Reisens.

Neapel. Lautlos gleitet der rote Blitz, der Frecciarossa 1000, in den Bahnhof. Barbara Morgante, Chief Executive Officer von Trenitalia und damit eine der profiliertesten Karrierefrauen Italiens, klettert in einem eleganten schwarz-weißen Modellkleid aus dem knallroten Zug: „Der Frecciarossa ist der beste Zug der Welt“, sagt sie strahlend, „er verbindet fortschrittlichste Technologie und schönstes Design.“ Barbara Morante hat auf ihrer exklusiven Zugfahrt rund 200Business-Menschen aus Europa und den USA dabei. Der Zielbahnhof der Reise öffnet sich direkt auf das weitläufige Areal des Eisenbahn-Museums von Pietrarsa.

Hier, am Golf von Neapel, wird der hohen Kunst des Zügebauens gehuldigt. Im Eisenbahnmuseum kann man auch in historischen Zügen einfahren und dann die frisch renovierten Hallen bestaunen, wo gerade 16 Monate lang auf Hochdruck neu gestaltet und alles hergerichtet wurde. Es ist eine Reise in die Geschichte des Reisens auf Schienen, und das an einem mehr als bemerkenswerten Ort. Das Museum liegt direkt am Meer, freier Blick auf Capri bei herrlichem Wetter.

Barbara Morgante geleitet ihr Gefolge, hauptsächlich Männer, in die Haupthalle des Bahnmuseums, wo sie eine Bühnenshow organisiert hat. Hauptdarsteller sind Manager von Trenitalia und von SAP, dem Softwaregiganten aus Deutschland. Ein gemeinsames Projekt wird vorgestellt. Es geht um das Internet of Things – in Bezug auf Züge bedeutet das, dass ab jetzt die Wartungsarbeiten an den Loks und Wagons von Trenitalia nicht mehr routinemäßig in bestimmten Kilometer-Intervallen durchgeführt werden, sondern dass mittels eines ausgeklügelten Systems von Sensoren alle technischen Details in Echtzeit am Computer der Zugsverwalter auftauchen und so das Funktionieren der Züge beobachtet wird. Wenn ein Wartungsbedarf auftritt, schlägt das SAP-Programm „Hana“ Alarm – der Zug kann bedarfsgenau und umgehend gewartet werden. Zugausfälle und Verspätungen werden verhindert, Wartungskosten gesenkt. Faszinierend, wohin sich die Eisenbahnbau in 170 Jahren in Italien entwickelt hat. Und logisch, dass das an jenem Ort gezeigt wird, der für die erste Zugstrecke Italiens steht: Die Linie Neapel–Portici wurde am 3. Oktober 1839 eröffnet, die Jungfernfahrt hat zehn Minuten gedauert, im Zug hat sich der neapolitanische Bourbonen-König Ferdinand II. mit Familie und Mitgliedern seines Hofstaats befunden.


Acht Meter langer Schreibtisch

Am 22. Mai 1843 ordnete ein königliches Edikt an: „Es ist der Wille Seiner Hoheit, dass die Fabrik von Pietrarsa sich der Konstruktion der Lokomotiven, den Reparaturen und der Wartung der Eisenbahnloks und Wagons widmet.“ Die ersten sieben Lokomotiven, die direkt am Meer mit englischem Material und nach englischen Vorbildern gebaut wurden, hießen: Pietrarsa, Corsi, Robertson, Vesuvio, Maria Theresia, Aetna und Partenope.

Heute ist eines der Prunkstücke der Sammlung der Wagen Nummer zehn des königlichen Zugs, den Fiat 1929 für die Hochzeitsreise von König Umberto II. mit Maria Josè von Belgien baute. Das Tollste an dem Retro-Gefährt ist seine Innenausstattung, der Salon mit acht Meter langem Mahagonitisch und 26 Sitzplätzen rundherum – schöner Reisen eben. An der Waggondecke vergoldete Intarsien und die Wappen der vier Seerepubliken Italiens. Erste, zweite, dritte Klasse, alle Arten der einkommensabhängigen Fortbewegung auf Schienen sind in den Hallen von Petrarsa als riesige Ausstellungsobjekte vertreten – naturgemäß kann der Lauf der Zeit und der technischen Entwicklung an den Zügen bestens nachvollzogen werden. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Glanzzeit der Fabrik am Meer, siebenhundert Arbeiter waren beschäftigt, am Fabrikeingang richtete man eine Kirche ein, deren Altar heute ein Museumsstück ist.

1863 kam es erstmals zu drastische Personalkürzungen, bei den Protesten der Arbeiter wurden sieben von ihnen von den Vertretern der Staatsmacht, den Bersaglieri, getötet. Trotz internationaler Erfolge – bei der Weltausstellung in Wien 1873 wurde eine Güterlokomotive aus Pietrarsa mit einer Goldmedaille ausgezeichnet – wurden die Mitarbeiterzahlen zu Ende des 19. Jahrhunderts auf hundert Beschäftigte gesenkt. Hundert Jahre später wurde das Werk geschlossen und 1977 zum ersten Nationalen Eisenbahnmuseum Italiens gewidmet.
Fondazione FS Italiane: Museo nazionale ferroviario di Pietrarsa, Traversa Pietrarsa, 80146 Napoli.
fondazionefs.it; museodipietrarsa.it

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2016)

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