Namibia

Der Mond liegt am Ende der Welt

Die Küstenwüste Namib ist kahl und lebensfeindlich und liegt unter einem Nebelschleier. Auch die angrenzenden Nationalparks wirken wie große Leerräume. Doch Leben existiert im Kleinen: kaum wahrnehmbare Flechten, wüstenangepasste Tiere und außerirdisch anmutende Pflanzen.

 Nach Regen mutiert die aride Namib-Naukluft-Region kurz zur Oase.
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 Nach Regen mutiert die aride Namib-Naukluft-Region kurz zur Oase.
Nach Regen mutiert die aride Namib-Naukluft-Region kurz zur Oase. – Jürgen Goetz

Auf das Wetter in Walvis Bay ist Verlass. Entweder scheint morgens die Sonne, oder dichter Nebel hüllt alles in Grau. Nachmittags kommt Wind auf, und Regen gibt es fast nie, erklärt Nick. Aufgeräumt und trocken, so sieht Walvis Bay aus. Nick kommt aus Swakopmund oder Swakop, wie er sagt. „Thirty k's“ – dreißig Kilometer – nördlich von hier. Seine Heimat ist der schmale Küstenstreifen zwischen der Namib im Osten, einem Meer aus Sand, Geröll und Fels, und einem aus Wasser im Westen, dem Atlantik. Diesen kühlt der von der Antarktis nordwärts ausholende Benguelastrom derart krass ab, dass die Luft darüber zu Nebel kondensiert und landeinwärts treibt – als Treibnebel. Plankton gedeiht en masse in der kalten See. Das schmeckt Walen gut, die hier immer wieder gesehen werden, und dem Ort seinen Namen gaben – Walfischbucht im Deutschen.

Walvis Bay liegt am Ozean und in der Wüste, an der über einhundert Meter hohen Sanddünen-Berühmtheit Dune 7. Quasi am Ende der Welt, das Nachtleben ist daher ziemlich aufregend. Zuletzt kamen Hyänen in der Finsternis in die Stadt, weil sie von den fetten Robben angezogen wurden, die vorn am Meer lagen. Von den zwei Hunden, die sich ihnen entgegenstellten, blieb nur mehr wenig übrig. Mit ihren mächtigen Kauwerkzeugen knacken Hyänen selbst Nilpferdknochen und Schildkrötenpanzer. Das wussten die Hunde nicht. „Eines Nachts“, fährt Nick mit der Gute-Nacht-Geschichte fort, „wurden unsere Zelte bei einer Wüstentour von Hyänen umstellt. Eine fiel in einem Zelt auf einen schlafenden Mann, verzog sich aber wieder. ,Sie hatten großes Glück, Sir‘, tröstete ich den verschreckten Abenteurer.“ Die Temperaturunterschiede sind enorm: „37 Grad sind es in der Wüste jetzt, an der Küste haben wir immer zwischen 16 und 25 Grad. Heute Nachmittag wird Wind aufkommen“, prophezeit Nick, „Wind weht ständig, wenn nicht jeden Tag, dann mindestens jeden zweiten. Deshalb haben wir auch den ganzen Dünensand hier.“

Natur als Kapital

Für die Wüstenpirsch aber passt alles: laues Lüftchen, Sonne und Glück, denn zwei Drittel aller Tage starten im Nebel, der sich sonst oft eine ganze Woche halten kann. Manchmal sieht man sogar das Nachbarhaus nicht mehr in der grauen Suppe. Aus dieser praktisch und flach gebauten Stadt geht es hinaus, immer entlang des Ozeans. Die Luft ist klar, Sicht ohne Ende, alles Land aus Sand, ein dürrer Busch und die Straße ein gutes Stück weit eine Palmenallee. Ihr grafisch arrangiertes Grün setzt in der beigen Endlosigkeit ein eigenartiges Zeichen menschlichen Gestaltungswillens. Davon lassen sich die winzigen Dünenlerchen nicht beirren. Sie brüten nahe dem Highway, räumten dafür Steine beiseite, legten zwei gesprenkelte Eier in die Unwirtlichkeit und nehmen nachmittags darauf Platz. Umzäunungen schirmen sie ab – Natur gilt als wertvollstes Pfand von Namibias Tourismuswirtschaft.

Leben in der Erosion

Im Nichts des Dorob-Nationalparks: Auf rappeligen Pisten tauchen wir tiefer in diese Wüste ein, der die Nama den Namen gaben: Namib bedeutet „leerer Platz“. Sie hat viele Gesichter. In Braun, Beige, Dunkelgrau zeigt sie sich hier endlos weit, mit einem Horizont, der alles öffnet und alles umfängt. Vor Urzeiten schoben sich Gesteinsplatten übereinander, Magma drang empor und erstarrte, anderes erodierte durch Salznebel zu zerbröselten Hügeln. Felstrümmer und Steintürme trotzten Wasser, Hitze, Eis und Sturm.

Diese Mondlandschaft lag einst auf dem Urkontinent Gondwana – man muss in vielen Jahrmillionen denken. Und da steht man dann in Sand und Geröll, wo sich das Auge in totenstiller Größe und Zeitlosigkeit verliert, und eine halbe Milliarde Jahre im Kopf zu nichts zerrinnt. Das ist keine „Himmel über der Wüste“-Wüste, keine Kulisse für Filmepen, wo verlorene Seelen auf der Suche nach sich selbst herumreisen. Hier wurden „Mad Max“ und „Flight of the Phoenix“ gedreht, hier ist alles rau, alles alles oder nichts.

Wo nichts ist außer Steinen und Sand, möchte man Leben sehen, zumindest spüren. Das ausgetrocknete Flusstal, in das der Geländewagen steil und schwankend hinunterklettert, lässt hoffen: Augen auf, sagt Nick, möglicherweise könne man Oryxantilopen oder Strauße im Schatten von Bäumen oder Felsen sehen. Schauen, warten, suchen – nichts. Nur Schatten zeichnen sich ab. Doch da, an ein paar dürren Büschen leistet die Natur ein kleines Wunder: Kleine wasserhaltige Melonen hängen am blattlosen Gestrüpp des Narastrauchs, der seit 40 Millionen Jahren in der Namib zu Hause ist.

Alle acht bis zehn Jahre wälzt sich an dieser Stelle, im trockenen Bett des Swakop Rivier, eine Sturzflut talwärts, die selbst das 45 Kilometer entfernte Swakopmund erreicht. Apokalyptische Wassermengen müssen dafür in kürzester Zeit niederprasseln. Unvorstellbar, sieht man den mächtigen Taltrog. Lebenszyklen können hier explosionsartig kurz oder unendlich lang sein, die älteste Wüste der Welt erzwingt es. Evolution und DNS sind erfinderisch: Transparent schimmernde Namibgeckos, Nebeltrinker-Käfer, Wüstenelefanten und Wüstenmull sind Schöpfungen, die im glühend heißen Sand zurechtkommen, Morgentau und Treibnebel trinken – und sich nicht zeigen wollen.

Lebendes Pflanzenfossil

Das gilt auch für die Flechten, diese sieht nur das geübte Auge. Fast unsichtbar bedecken sie schwärzlich, gräulich das Gestein. Sie sind empfindlich und meiden Luftverschmutzung. In der Namib existieren sehr viele davon – an die 25.000 Arten dieser Symbiose aus Alge und Pilz wachsen in allen möglichen Lebensräumen der Erde. Die begutachteten Exemplare hier wachsen in zehn Jahren bloß einen Zentimeter und fühlen sich wie totes Moos an. Staubtrocken ist es, die Sonne brennt, exponierter kann man nicht sein. Nick schüttet etwas Wasser auf die Flechten, und eine öffnet tatsächlich ihre „Blätter“, wird zart limettenfarbig. Eine andere, vorher unsichtbar, ist nun ein roter Teppich. Wüstenzauber.

Früher Nachmittag ist es im unbehausten Nichts der Namib geworden, die Tour führt in sonnendurchglühte Senken. Holzige Stängel erheben sich knapp über den heißen Sand, die meterlangen, fleischigen, zerfetzten Blätter verwittern, wo sie den Boden berühren. Wie ein Wesen von einem anderen Stern erscheint diese merkwürdige Pflanze. Oder wie ein Baum, der von oben nach unten wächst – eine tief reichende Pfahlwurzel versorgt sie mit dem bisschen Nass, das zum Überleben reicht. Der Kärntner Friedrich Welwitsch hat diese botanische Besonderheit aufgestöbert: Welwitschia mirabilis. Über zweitausend Jahre alt kann eine Welwitschie werden. Sie ist die Königin der Namibflora und ziert die Staatsflagge. Seit dem Paläozän ist das lebende Fossil hier heimisch, hat 22.000 Poren pro Quadratzentimeter, und man weiß nicht recht, wie es sich fortpflanzt. Der Verdacht fiel auf einen Käfer als Bestäuber, der nun wie bestellt auch gerade vorbeikrabbelt. Es könnte aber auch eine Wanze, Wespe oder der Wind sein, dem die Pflanze ihre Existenz verdankt. Den regungslosen Welwitschien käme man wohl nur mit jahrelanger Beobachtung im Zeitraffer auf die Schliche.

Später Nachmittag, es geht wieder zurück nach Walvis Bay. Nebel ist aufgezogen, Zwielicht legt sich über das Land, als halte die Welt inne. Ein blassgrüner Schimmer überzieht den Wüstenboden. „Flechten“, erklärt Nick. Wind kommt nun auf, Staubpartikel wirbeln empor, bald schon peitscht Sturm über den Highway, alles riecht und schmeckt nach Sand. Der Geländewagen arbeitet sich durch einen graugelben Vorhang, der nie zu Ende gehen will. Auf der Straße wachsen die Sanddünen.
Als wir im fauchenden Gestöber vor Dune 7 ankommen, sind selbst jetzt noch Gipfelstürmer unterwegs auf diesen steilen Berg aus Sand. Diesem Sand, der hier alles bestimmt, aus einer Wüste, die allgegenwärtig ist und ihr eigenes Leben hervorbringt. Unten am Meer stehen Flamingos im Sandsturm wie ein rosa Scherenschnitt. Es ist derselbe Ort, derselbe Tag, und doch ist alles anders.

Sand und Meer

Wüstenpirsch in der Region Namib-Skelettküste-Nationalpark und Dorob-Nationalpark und in Namib Naukluft.

Unterkünfte gibt es in Swakopmund und Walvis Bay reichlich. Viele Lodges haben neben Zimmern und Bungalows auch Campsites. In Walfish Bay: Lagoon Lodge, www.lagoonloge.com.na

In der Wüste: Goanikontes Oasis, 58 km von Swakopmund in einer Oase im Swakoptal, Restaurant in historischem Farmhaus von 1907, Bungalows, Rundhäuser, Camping, goanikontes-oasisrestcamp.wheretostay.na

Tipp: In Walvis Bay kann man Austern aus örtlicher Produktion schlürfen, Wale und Delfine beobachten, kitesurfen, sandboarden. Die geschützten Regionen Namib Naukluft und Dorob liegen vor der Tür. www.walvisbaycc.org.na

Buchtipp

Wüste kann vieles sein, mehr Variationen über das Thema als in Namibia gibt es vermutlich nicht: Fotograf Jürgen Wettke zeigt diese uralten Landmassen als ein Musterbucht an Patterns, Schraffuren, Texturen. Luftbilder, in denen man lesen könnte wie in einem Geologiebuch oder an denen man sich entzückt wie an einer Ausstellung, denn Wettke setzt dem Naturkunstwerk ein Denkmal.

Jürgen Wettke: "The Namib Desert", teNeues 59,90 €

Compliance-Hinweis: Die Reise wurde von NLW Tourismus unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.2.2017)

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