Urlaub: Eine Rückreise

Badeplatz. Mittelmeerküsten erleben seit den Siebzigern einen Ansturm in Wellen.

Sandstrand für alle

Eigentlich eine logische Entwicklung: Wo es schön ist, da wollen die Hotels wachsen. Aber ist es dann noch schön dort?
Es war einmal ein Fischerdorf: Diese Entwicklung trifft auf ziemlich viele Orte am Mittelmeer zu, und ganz besonders auf solche kategoriebildenden Augenweiden wie Benidorm in Spanien: Sie stehen für eine Industrie, die die seit den Siebzigern anrückenden Touristenmassen aus Mittel- und Nordeuropa zu verwalten sucht. Das rasante Wachstum entbehrt oft jeder städtebaulichen Grundsatzüberlegung, außer der, möglichst viele Menschen auf möglichst wenig Quadratmetern mit möglichst hohem Deckungsbeitrag unterzubringen. Verständlich sogar angesichts der daranhängenden Wertschöpfungskette. Und manchen scheint gerade diese Dichte, das Getriebe, das Urbane auch gut zu gefallen. Nicht überall sind Küsten so versiegelt, wie sie nach der ersten Welle des Massentourismus sein könnten. Und heute wird mancherorts an Fehlern von einst gearbeitet. Indem man saniert, rückbaut. Oder umdeutet: Der Unort von gestern wird Kult von heute.

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Horizonterweiterung. Coolness auf der nächsten Stufe. Der Roadtrip durch die USA.

In die weite Welt hinaus

Urlaub ist ein Breitenphänomen. Spätestens in den Achtzigern verreist mindestens die Hälfte der Österreicher.
Gilt der erste Reisedrang der Nachkriegsgeneration noch der Überwindung der Alpen oder der Eroberung der Nachbarländer, treibt es die Mittel-, West- und Nordeuropäer als Nächstes in die Welt hinaus. Ab den 1970er-Jahren steigt die Reiseintensität, Orte rund ums Mittelmeer werden zu Tourismushochburgen, Destinationen wie Kenia, Karibik, Südafrika, Bali oder Thailand tauchen auf dem Radar des Urlaubers auf. Als Inbegriff von Lässigkeit gilt der USA-Trip mit dem Wohnmobil, cool ein Abstecher nach London oder Paris. Junge Menschen treten die obligate Interrailfahrt quer durch Europa und Marokko an, um sich später individuell nach Indonesien, Peru oder Australien aufzumachen. Auch die Experimentierlust steigt, zumindest für ein paar Tage: Man zahlt mit Muschelgeld. Man teilt sich Kajüten, zeltet in der Wüste. Mit der Expansion erlangt der Durchschnittsreisende wertvolle Kenntnisse örtlicher Kulturtechniken: Essen mit Stäbchen! Bitte, danke in der Landessprache! Reiten auf Kamelen! Er muss oder will zur Kenntnis nehmen: In fremden Ländern herrschen fremde Sitten. Wenn nicht, gibt es den Urlaub im vertrauteren Setting auf ausländischem Boden: Im Club, all inclusive. 

(c) Getty/Peter Bischoff

Beziehungsstatus. Die heimische Flotte auf dem heimischen Flughafen, das waren noch Zeiten.

Leicht abheben, hart landen

Wir fliegen weg. Immer weiter, immer öfter. Manchmal günstiger. Nicht zwingend komfortabler.
In den Boeings herrschte 1977 dicke Luft, denn Passagiere durften rauchen. Die Vorstellung, sich auf der Toilette eines Airbus heute eine anzuheizen, erscheint so kriminell, wie den Einreisefragebogen in die USA mit „Planen Sie einen terroristischen Anschlag?“ mit „Ja“ anzukreuzen. In kaum einem Segment hat sich mehr getan als beim Fliegen: Es hat eine Demokratisierung erfahren. Aber wo die Masse als Kundschaft nachrückt, differenziert sich das Angebot weiter aus: Neben Businessclass (flachliegen) oder First Class (wohnen), schaffen Zwischenformen jene Distinktion, die für ein paar Zentimeter mehr Beinspiel oder eine andere Qualität von Essbesteck stehen. Die jüngsten Entwicklungen bei den Airlines sind das Resultat einiger bis etlicher wirtschaftlich schwieriger Vorjahre. In den Endneunzigern und 2000ern etwa erlebte die Branche einen beispiellosen Aufstieg und Fall von Low-Cost-Carriern, auch etablierte Airlines mussten ihr Leben lassen. Steuern, Ölpreis und weltpolitische Weichenstellungen haben direkte Einwirkung auf das Geschäft in der Luft – wo sich die Flugzeugbauer um Maschinen matchen, in denen man eine ganze Marktgemeinde unterbringen könnte. Oder Neuseeland ohne Stopp und in einem halben Tag erreicht. Der Drang zum Großen gilt auch auf dem Boden: In den vergangenen Jahren ist eine neue Generation Flughafenum- und -neubauten entstanden, die großen Stadtentwicklungsgebieten gleichen: Einkaufszentrum, Erlebnisgastronomie, Hotels, Konferenzflächen, nicht selten geplant vom Stararchitekten, weil Repräsentationsobjekte. Ob sie in Time oder im Budget fertiggestellt wurden, sei dahingestellt.

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Kultstatus. Hans Holleins Verkehrsbüro (1976–78).

Vor Ort buchen, im Netz suchen

Die Rituale auf dem Weg vom ersten Reisewunsch zur fixen Buchung.
Es hatte einmal etwas durchaus Feierliches, an den Counter zu gehen, sich beraten zu lassen, Destination oder Hotel zu wählen und dann mit dicken Flugtickets aus dem Reisebüro zu marschieren. Insofern ist das Buchen eines Fluges im Internet oder das Reservieren auf einer Hotelplattform ziemlich unglamourös. Auch dem Wälzen der vielen bunten Katalogseiten war einiges abzugewinnen, denn man konnte darüber spekulieren, was da alles zwischen den Zeilen geschrieben stand. Insgesamt war der Entscheidungsprozess zwischen Wunsch und Buchung wohl ein längerer. Das Reisebüro gibt es zum Glück noch immer, auch weil das Internet nicht übersichtlicher wird – und das Reisen oft komplizierter, individualisierter. Nicht jeder hat den Nerv für die Selbstorganisation von Gabelflügen, Gruppentarifen, Kulturprogrammen, Konzertkarten, Spezialfahrzeugen, Bootstrips. Und so manches Reisebüro ist längst kein einfaches Geschäftslokal mehr, sondern eine entspannte Lounge.

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Hinfahren oder nicht hinfahren?

Reisende vergessen Katastrophen oft sehr schnell. Doch schlechtes Image und Konflikte in der Nachbarschaft halten von bestimmten Zielen fern.
Vielleicht erinnern sich einige noch daran: Der aktuelle US-amerikanische Präsident ist nicht der erste in den vergangenen vierzig Jahren, dessentwegen man USA-Reisepläne dreimal überdacht (und dann oft doch realisiert) hat. Politische Entwicklungen schlagen ziemlich unmittelbar auf das Image von Destinationen durch. Aber die Sache ist ambivalent: Denn gleichzeitig scheinen Reisende anderen Kleinigkeiten wie etwa Menschenrechtsverletzungen gegenüber immun, wenn die Destination darin schon immer oder sehr lang Übung hat. Auch mit der exakten Geografie ist das ein Kreuz: Nicht selten wird das friedliche Nachbarland eines Kriegsschauplatzes zur No-Go-Area, weil manchen Reisenden nicht klar genug ist, dass Grenzen und Welten dazwischenliegen. Klar: Reisewarnungen erfüllen ihren Sinn, einen von Trips in gefährliche Gebiete abzuhalten. Übrigens: Dass Afghanistan das Lieblingsland auf dem Hippietrail war, kann man sich nicht einmal mehr ansatzweise vorstellen.

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Wirkstoff. Neue Architektur ist ein starkes Reise-Motiv.

Es lebe der Sogeffekt

Ein Bauwerk entzündet die Strahlkraft einer Stadt. Und frühere Nebenschauplätze steigen in der Gunst.
Bis 1997 war Bilbao ein eher exotisches Ziel für den Durchschnittsreisenden. Doch dann eröffnete dort das Guggenheim-Museum – ein großer, spektakulärer Bau des berühmten amerikanischen Architekten Frank O. Gehry – und alle wollten ihn sehen. Das brachte viele Touristen und die wiederum Wertschöpfung für die nordspanische Stadt. Damit der sprichwörtlich gewordene „Bilbao-Effekt“ funktioniert, sollten laut Experten allerdings ein paar Faktoren auf den Ort zutreffen: Es braucht ein außergewöhnliches Baukunstwerk, Wasser in unmittelbarer Umgebung und eine gut erreichbare Lage. Nicht gerade ungünstig kam für solche Bilbaos hinzu, dass die großen Städte vom Urlauber bereits abgegrast waren – Rom, Paris, Amsterdam – so hatten die zweitgrößeren oder kleineren die Gelegenheit, in der Gunst aufzusteigen. Das bleibt nicht ohne Nebeneffekt: Barcelona etwa ist bereits so überlaufen, dass sich Unmut bei den Locals regt. Und der Wohnungsmarkt von San Francisco hat sich extrem verschärft, weil es sich sehr viel mehr rentiert, die eigene Bude über Airbnb als über einen Dauermieter zu refinanzieren.

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Imagewandel. Gar nicht schlecht, die obere Adria: Darauf können sich viele wieder einigen.

Die neue Liebe zur alten Nähe

Die Wiederentdeckung der klassischen Ziele der Siebziger ist nicht bloßer Nostalgie geschuldet. Nur ein bisschen.
Hausmeisterstrand, Putzfraueninsel und andere herablassende Attribute: So manche Destination war selbst in den heftigsten Zeiten des Billigtourismus besser als sie – ein Ballermann steht auch nicht für eine ganze Insel. Die Talfahrt auf der Trendkurve dürfte in manchen Orten Nachhaltigeres bewirkt haben: Neugestaltung des Angebots, Qualitätsoffensiven in der Gastronomie und Hotellerie, anspruchsvollere Bautätigkeit. Vielleicht auch Widerstand der Einheimischen gegen den Einfall der Horden. Zudem sorgt der Faktor Nostalgie dafür, dass die einst Geringgeschätzten nun offensichtlich jene Ziele sind, die hoch im Kurs stehen. Die Obere Adria oder Mallorca: salonfähig bis chic. Der Campingplatz unter der dalmatinischen Sonne: Wird bereits ein Jahr vorher gebucht, für die Familie, Freunde, Verwandten gleich mit. Die mehrtägige Hüttenwanderung über die heimischen Gipfel: Ach, wie schön ist Österreich. Und überhaupt die Idee, zu Hause bleiben: Wozu hat man denn einen Garten, einen Balkon? Einen Badesee in nächster Nähe? Und lebt in einem Land, einer Stadt, die Touristen lieben?

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Stilvorlage. Das Urlaubsparadies ist heute vor allem eines: trendy (hier das Amankila auf Bali).

Das Leben ist schön

Der Erschöpfte will entspannen, der Ausgebrannte auftanken. Baden geht immer.
Daran hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel geändert: Erholen und Baden werden als die wichtigsten Motive für einen Urlaub genannt. Offensichtlich bringen unsere Gesellschaften noch immer mehr Erschöpfte hervor als extrem Sportliche, Hochaktive oder schlicht Neugierige, die jeden Tag ein neues Abenteuer, eine neue Attraktion auf der Agenda brauchen. Dieses Erholungsbedürfnis wird von der Tourismusindustrie schließlich sehr gut bedient, denn der Gast, der mehr oder weniger stationär bleibt und vor Ort abhängt, lässt sich gut einschätzen und berechnen: So entstehen laufend neue exklusive Urlaubsresorts unter Palmen, am fernen und am nahen Strand, mit privatem Pool, Butlerservice, Spitzenküche für Adults only. Oder Spa-Landschaften mit allen erdenklichen Behandlungen, viele unter asiatischem Namen, nicht immer im richtigen Kontext. Oder originellere Angebote wie Yoga-Camps auf der Alm, Digital-Detox in den Bergen oder Auszeiten im Wald. Die Aufenthaltsqualität muss für den unentspannten, verwöhnten und reiserfahrenen Gast jedenfalls hoch sein, was die Anbieter dazu bringt, stilistisch und atmosphärisch aufzurüsten – er investiert in Interieurdesign, Gartengestaltung, Architektur.

(c) Amanresorts

Aufbruchstimmung. Der Weg durch das Eis wird immer freier.

Die Leerstellen schwinden

Wenn er überall schon war, wo will der globale Tourist noch hin?
Durch den Tourismus scheint die Welt heute klein geworden, die weißen Flecken auf der Landkarte schwinden. Der Durchschnittsurlauber heute hat zigmal mehr Länder bereist als die beiden Generationen davor. Wobei manche Reisen damals technisch auch gar nicht möglich waren – etwa der Weg durch das Eis zum Nordpol, durch die Nordwest- oder die Nordostpassage. Anderes war ein Privileg: Weltreisen etwa. Oder Kreuzfahrten als Angebot an eine vermögende Klientel, die nunmehr mehrheitsfähig geworden ist, das Segment boomt wie nie. Und wieder anderes scheiterte an einfacher Erreichbarkeit und großem organisatorischen Aufwand: Heute ist der Trip durch den Dschungel von Papua Neuguinea genauso buchbar wie die Trekkingtour im hintersten Himalaja. Ungeachtet aller Nebengeräusche, die das Reisen unter Umständen so machen kann: große ökologische Fußabdrücke, soziale Ausbeutung, Umweltverschmutzung, Zerstörung von Ressourcen. Doch hat diesbezüglich zumindest in unseren Breiten mehr Bewusstsein eingesetzt. Wie nachhaltig allerdings das nächste große Reiseziel ist, wird sich weisen: Reisen ins All sind bald keine Utopie – das gilt höchstens für das Budget.

Hurtigruten/Rolls Royce Illustration
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