Südsee-Kreuzfahrt: 1200 Flaschen Champagner bis Rapa Nui

Wer mit dem französischen Luxusschiff Austral von Tahiti zur Osterinsel reist, sieht viel von der Südsee – und lernt nebenbei so einiges über die Grande Nation.

Zwei Tage lang bewundern die Passagiere auf der Osterinsel Vulkankrater, kahle Hänge, wilde Pferde, Anakena, den womöglich schönsten aller Südseestrände.
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Zwei Tage lang bewundern die Passagiere auf der Osterinsel Vulkankrater, kahle Hänge, wilde Pferde, Anakena, den womöglich schönsten aller Südseestrände.
Zwei Tage lang bewundern die Passagiere auf der Osterinsel Vulkankrater, kahle Hänge, wilde Pferde, Anakena, den womöglich schönsten aller Südseestrände. – (c) Bisping

Alls der Anker der Austral in der Lagune von Fakarava im Tuamotu-Archipel zu Boden rasselt, reißt der Himmel auf. Mit Zodiacs erreichen die Passagiere den Landungssteg. Dort erwarten sie ein Ukulele-Spieler und ein Korb voller duftender Blütenkränze. Das Wasser in der Lagune leuchtet in unwirklichem Türkis. Am Strand recken sich Palmen mit langen, gebogenen Stämmen in tiefblauen Himmel.

Ein junger Mann mit dickem Haarknoten, ebenmäßigen Gesichtszügen und dunkelblauem Pareo um die Hüften öffnet mit scharfem Messer Kokosnüsse. Zwischendurch greift er zur Ukulele und stimmt Südseegesänge an. Nicht minder schöne junge Frauen in Blumenkleidern und mit Blütenkränzen auf dem Kopf verkaufen schwarze Perlen. Die kleinen Häuser mit Veranden, deren Geländer große Muscheln schmücken, sind verlassen. Heute bestimmt das Schiff das Geschehen, dessen Passagiere ungläubig ins Tropenparadies blinzeln. In strömendem Regen waren sie auf Tahiti gelandet. Nach ein paar Stunden kraftlosen Dösens unter stahlgrauem Himmel ging es zum Hafen in Papeete und zur Austral, einer von fünf luxuriösen Jachten der französischen Kreuzfahrtgesellschaft Le Ponant. Funkelnd lag sie im Nieselregen, ein kleines Juwel mit nur 132 Kabinen, die ihrer großzügigen Maße und der feudalen Ausstattung wegen State Rooms heißen. Zwei Restaurants, zwei Bars, eine Boutique, einen Fitnessraum und ein Spa besitzt die Austral; sie würden für die dreizehntägige Reise durch Französisch-Polynesien über Pitcairn bis zur Osterinsel die Koordinaten des Lebens an Bord bilden.

 

Die unergründlichen Moai, die steinernen Zeugen des mysteriösen Ahnenkults Rapa Nuis.
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Die unergründlichen Moai, die steinernen Zeugen des mysteriösen Ahnenkults Rapa Nuis.
Die unergründlichen Moai, die steinernen Zeugen des mysteriösen Ahnenkults Rapa Nuis. – (c) Bisping

Erster Landgang

Zurück an Bord feiern die Passagiere den ersten Landgang, den Erwerb des ersten Perlenschmucks und das erste Bad in der Südsee mit Champagner. Kapitän Jean-Philippe Lemaire steuert unterdessen die Austral aus dem über 1000 Quadratkilometer großen Atoll Fakarava ins offene Meer. Er nimmt Kurs auf die Gambier-Inseln. 1852 Kilometer sind es bis nach Mangareva; erst am übernächsten Tag wird die Austral vor Rikitea ankern, dem Hauptort der Insel.

Den Weg dorthin begleiten viele Passagiere aus nächster Nähe. Kapitän Lemaire, ein Bretone, in dessen Adern eigenen Angaben zufolge Salzwasser fließt, führt eine offene Brücke. Solange das Wetter keine Kapriolen schlägt und keine komplizierten Ein- und Ausfahrten die Anwesenheit eines Lotsen erforderlich machen, dürfen die Passagiere ihm jederzeit bei der Arbeit über die Schulter schauen. Diese Nähe zwischen der Crew – 142 Menschen aus zehn Nationen – und den diesmal knapp 200 Gästen ist nicht der geringste Vorteil des Reisens auf einem kleinen Schiff.

Am Schiff.
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Am Schiff.
Am Schiff. – (c) Bisping

Franzosen plaudern lautstark

Lemaire lässt den Kontakt nicht abreißen. Mehrmals am Tag meldet er sich von der Brücke und bringt seine Passagiere auf den neuesten Stand – erst auf Französisch, dann auf Englisch. Dass die 125 französischen Gäste nach dem letzten Wort, das in ihrer Sprache von der Brücke perlt, stets in lebhaftes Geplauder verfallen, das alles Weitere unhörbar macht, wird unter der das Englische bevorzugenden Minderheit – 23 Australier, dreizehn Schweizer, acht Deutsche sowie rund zwei Dutzend Angehörige anderer nicht frankophoner Nationen – mit wachsendem Unmut erörtert.

Auf Mangareva, einer Insel mit zwei Bergen, 900 Einwohnern, zwei Schulen und einer Kathedrale, wird die Austral bereits sehnsüchtig erwartet. 1600 Kilometer von Tahiti und 3000 Kilometer von der Osterinsel entfernt ist ein Besuch trotz einer wöchentlichen Flugverbindung nach Tahiti eher die Ausnahme. Drei, vier Kreuzfahrtschiffe kommen im Jahr und sorgen für Abwechslung und Aufschwung. Die Bewohner begrüßen die Landgänger mit Blumenkränzen und tropischen Früchten, Tanz und Gesang, sie öffnen ihre Geschäfte und erzählen Geschichten. Sandrine Tepoe Dorchain sogar auf Deutsch. Die 30-jährige Lehrerin ist Tochter eines Franzosen und einer Polynesierin aus Rikitea. In Neukaledonien geboren, wuchs sie in Frankreich auf und studierte in Kiel Germanistik. Seit eineinhalb Jahren lebt und lehrt sie in der Heimat ihrer Mutter. Sie erzählt vom Projekt der Gruppe 193, die ein Buch über die 193 Nukleartests vorbereitet, die Frankreich von den Sechzigern bis in die Neunzigerjahre im 400 Kilometer entfernten Mururoa-Atoll durchführte – als hätten die Insulaner durch den eifernden Missionar Père Laval im Jahrhundert zuvor nicht schon genug gelitten. Nicht immer verzog sich der Fallout wie versprochen über dem Ozean, aber wenigstens gab es diesmal keine Zwangsarbeit beim Kirchenbau.

Der letzte König Mangarevas

Die Kreuzfahrer lassen die üppigen Gärten und die kühle Kathedrale Rikiteas hinter sich und schwitzen zum Friedhof hinauf, wo der letzte König Mangarevas in einem Mausoleum seine letzte Ruhe gefunden hat; sie wandern zu den Ruinen des Klosters und in einen Wald voller Blüten und Schmetterlinge. Hier befindet sich mit dem steinernen Becken, das einstmals der Prinzessin von Mangareva als Bad diente, eine letzte Erinnerung an präkoloniale Zeiten.

Am Abend erhellt ein großer Vollmond den Ozean. Nach dem Dinner trifft sich das internationale Publikum in der Observatory Lounge auf Deck sechs. Raimanu, der Barmann aus Tahiti, der aussieht wie Manuel Neuer mit dunklem Schopf, weiß längst, wer nun noch Champagner nimmt und wer sich einen, vielleicht auch zwei Whiskys genehmigt. Am Tresen haben die üblichen Verdächtigen Platz genommen: Der hemdsärmelige deutsche Botschaftsangestellte aus Uruguay, der auf allen Weltmeeren unterwegs war, aber nun zum ersten Mal auf einem Luxusschiff reist; der Wirtschaftsprüfer im Ruhestand aus Frankfurt und seine Frau, die schon die vorangegangenen beiden Fahrten der Austral mitgemacht haben und somit seit mehreren Wochen an Bord sind; der gesprächige Niederländer, ein ehemaliger Flottenkommandant, der in Frankreich lebt und dank seiner Vielsprachigkeit mühelos von Gruppe zu Gruppe wechselt; oder der schweigsame Schweizer, der nach dem Abendessen gleich wieder in bequeme Shorts geschlüpft ist.

Die Vielgereisten tauschen sich über Schiffe, Strecken und das Leben an Bord aus. Sie wundern sich über die ledergegerbte Französin, die morgens im wie eine Rettungsweste leuchtenden orangefarbenen Monokini barbusig in den Pool steigt, während Angehörige biederer Nationen fünf Meter weiter bei Toast und Ei sitzen. Die Amerikaner seien geradezu erschüttert über das Schauspiel. Und die Anthropologin lasse ihre Vorträge synchronisieren, da sie des Englischen nicht mächtig sei. Ein Gefummel sei das mit dem Knopf im Ohr, und ständig versuche sie, ihre französischen Bücher zu verkaufen. Raimanu schenkt nach; das hilft. Auch der Champagner ist inklusive, achtzig Flaschen gehen täglich weg wie nichts.

Chefdiplomat an Bord

Kapitän Lemaire kennt seine Aufgabe als Chefdiplomat an Bord und lädt sprachlich oder kulturell isolierte Minderheiten gelegentlich zum privaten Cocktail auf die Brücke oder in sein Büro. Wenn der französische Küchenchef alles hinzuwerfen droht, weil amerikanische Gäste Cola zur Foie gras bestellen oder deutsche Passagiere sich beschweren, weil sie sich durch das französisch geprägte Unterhaltungsprogramm in der Bar „gerade noch geduldet“ fühlen, sind die Erfahrungen von fast dreißig Berufsjahren und das Fingerspitzengefühl eines Herzchirurgen nötig, um zu besänftigen und abzuwiegeln.

Die internationalen Beziehungen an Bord sind Luxusprobleme im Vergleich zur realen Gefahr, womöglich auf Pitcairn nicht landen zu können. Die Insel, auf die sich jene Meuterer flüchteten, deren Kapitän Bligh in Sachen Menschenführung von Lemaire hätte lernen können, ist nicht nur Mahnmal dafür, was alles schieflaufen kann an Bord. Aufgrund ihrer isolierten Lage im größten Ozean der Welt ist sie auch beständig schwierigen Wellenverhältnissen ausgesetzt. Von allen Seiten wogt die Dünung auf die Insel zu, vor der noch immer die Trümmer der Bounty im Wasser liegen. Nur bei dreißig Prozent lägen die Chancen, an Land zu gehen, wird in der Observatory Lounge kolportiert. Doch Lemaire macht es möglich. Mit Vollgas reiten die Zodiacs auf hohen Woge in die schützende, winzige Mole. Für alle Fälle hat der Kapitän sechs Optionen ausgearbeitet, um seine Passagiere nach dem Besuch in Adamstown mit seinen 45 Bewohnern, die fast alle Adams, Young und Christian heißen wie ihre meuternden Vorfahren, auch wieder an Bord zu schaffen. Kein Risiko eingehen, aber versuchen, was geht – das gilt hier genauso wie in der Antarktis, wo auch Expeditionsreisende im neunten Lebensjahrzehnt sicher an Land gebracht werden wollen.

Der Ahnenkult Rapa Nui

240 Flaschen Champagner, diverse Gelage im Restaurant und viele Sonnenstuhlstunden später kündet das Scheppern des Ankerns im Morgenlicht von der Ankunft der Austral vor Hanga Roa, dem Hafen Rapa Nuis. Der Anblick der legendären Osterinsel beschleunigt den Herzschlag. Zwei Tage lang werden die Passagiere Vulkankrater, kahle Hänge und wilde Pferde sehen. Sie werden Anakena, den womöglich schönsten aller Südseestrände, und immer wieder die Moai erkunden, die Zeugen des mysteriösen Ahnenkults Rapa Nuis. Dann steuert Kapitän Lemaire die Austral nach Santiago de Chile. Hier gehen die meisten von Bord, einige Glückliche bleiben, denn nun geht es weiter nach Ushuaia in Argentinien und von dort in die Antarktis.

 

Kreuzfahrt

Anreise: Wien–Paris mit Air France, 18 Stunden Aufenthalt, Paris–Papeete mit Air Tahiti Nui, tour-retour ab 2125 Euro. airfrance.com

Die Reederei Ponant hat alljährlich im Herbst Südsee-Kreuzfahrten im Programm. In diesem Jahr fährt die Boréal, ein Schwesternschiff der Austral, am 25. Oktober von Papeete zur Osterinsel. Die Reise beginnt auf Tahiti und dauert 14 Tage. Stationen sind Fakarava, Rikitea, Aukena (Gambier-Inseln), Pitcairn und schließlich Hanga Roa. Die Kreuzfahrt kostet ohne Flüge ab 4010 Euro pro Person mit Landausflügen, Vollpension und Getränken in der Superior Kabine, die bis zu drei Personen Platz bietet. Ein Nachprogramm, das den Flug von der Osterinsel nach Santiago de Chile, eine Übernachtung im Vier-Sterne-Hotel, eine Stadtrundfahrt, Verpflegung und die Transfers vom und zum Flughafen umfasst, kostet ab 830 Euro pro Person.

Ponant unterhält ein Büro in Hamburg (Neuer Wall 63, 20354 Hamburg, +49/40/80 80 93 143, de.ponant.com).

Compliance-Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung von Ponant.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2017)

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