Estland: Alte Hansestadt erinnert sich an das Meer

Jahrhundertelang war Tallinn einer der wichtigsten Häfen der Ostsee. Bis die Sowjets kamen und die Stadt dem Meer den Rücken zukehren musste. Für das Kulturhauptstadtjahr belebt Tallinn sein Hafenviertel wieder.

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(c) AP (TIMUR NESAMETDINOV)

Geschichten vom Meer erzählt die estnische Hauptstadt Tallinn im Jahr 2011, einem Jahr, in dem Tallinn, das frühere Reval, gemeinsam mit der finnischen Hafenstadt Turku als europäische Kulturhauptstadt im Fokus der Aufmerksamkeit steht. Geschichten vom Meer – was liegt näher, schließlich ist Tallinn eine Stadt, die sich über Jahrhunderte der Hanse zugehörig fühlte, einem Städtebund, dem Tallinn schon 1284 offiziell beitrat. Tallinn ist zudem einer der wichtigsten Fähr- und Kreuzfahrthäfen der Ostsee, mit besten Verbindungen nach Rostock, Helsinki, Stockholm, St. Petersburg und Åland.

Wäre da nicht diese merkwürdige Trennung zwischen der Hafenstadt und dem Meer. In den rund 50 Jahren, in denen Tallinn zur Sowjetunion gehörte, war das Meer eine Tabuzone. Weil die Herrschenden nicht wollten, dass Bürger per Boot über die Ostsee das Weite suchten. Und weil die meisten Industrie- und Hafenanlagen für die dort Beschäftigten zugänglich, doch für Normalbürger gesperrt waren.

So nutzt Tallinn die Wahl zur europäischen Kulturhauptstadt ganz bewusst, um den Blick der Stadt wieder Richtung Ostsee zu wenden. 2011 gibt es nicht nur eine Fülle von kulturellen Veranstaltungen, etwa 250 Projekte, die Stadt investiert auch in ihre Infrastruktur – und zwar weniger in die Sanierung der mittelalterlichen Altstadt mit ihren Speicherhäusern, Wehrtürmen und Kirchen, die schon 1997 zum Weltkulturerbe wurde, sondern vor allem in die Stadtviertel am Meer: So entsteht in Tallinn, einer Stadt, in deren Kernbereich es bislang kein einziges Café direkt am Wasser gibt, erstmals eine ausgebaute und befestigte Strandpromenade, die den Kulturkessel, ein ehemaliges Kraftwerk, das zu einer Veranstaltungs- und Begegnungsstätte umgebaut wurde, mit einem neuen Teil des Meeresmuseums verbindet.

Wie sehr die Lage am Meer in Vergessenheit geraten ist, zeigt ein Besuch im mehr 150 Jahre alten Rotermann-Quartier, einem Viertel, das im 19. Jahrhundert unter anderem einen Markt, ein Sägewerk, eine Brennerei und eine Wollspinnerei beherbergte, das jedoch in Sowjetzeiten vernachlässigt wurde und seit 2001 wiederbelebt wird. „Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war das Rotermann-Quartier ein Mittelpunkt des städtischen Lebens, in der sowjetischen Zeit jedoch ein abgeschirmtes Industriegebiet. Häuser, die nah am Meer lagen, hatten keine Fenster Richtung Westen, man hatte Angst, dass westliche Spione Signale erhalten könnten“, berichtet Andrus Kõresaar vom Büro Koko, einer der Architekten, der das neue Rotermann-Quartier mitentworfen hat. Beim Umbau eines alten zweistöckigen Sägewerks wurde beispielsweise Raum für Büros gewonnen, indem dem Gebäude kühlturmartige Aufbauten zugefügt worden sind.

Die Geschichten von der Meeresküste, die Tallinn 2011 erzählt, orientieren sich an drei Leitthemen: Geschichten vom gemeinsamen Singen, Geschichten von Träumen und Überraschungen und Geschichten von einer lebendigen alten Stadt. Und eine alte Stadt ist die 400.000-Einwohner-Metropole, die eine US-amerikanische Fachzeitschrift zu einem von vier Top-Kreuzfahrtzielen in Europa gekürt hat, in der Tat. Wer Tallinn besucht, sollte deshalb nicht nur das preisgekrönte Kunstmuseum Kumu, das Meeresmuseum oder das alternativ geprägte EKKM besuchen, sondern auch die Altstadt kennenlernen. Den besten Blick hat man vom knapp 124 Meter hohen Turm der Olaikirche. Zwischen 1549 und 1625 war die Tallinner Olaikirche das höchste Gebäude der Welt – an ihrem Turm, damals 159 Meter hoch, orientierten sich die Seeleute. Als 1625 ein Blitz in den Kirchturm einschlug und die Kirche abbrannte, waren die Flammen noch in Finnland zu sehen.

Die Olaikirche in der Tallinner Unterstadt ist nicht weit entfernt von den drei Schwestern, drei sehenswerten Kaufmannshäusern aus dem 14. Jahrhundert. Wer seinen Blick über die Dächer der Stadt schweifen lassen möchte, muss dazu aber nicht unbedingt einen Kirchturm besteigen, auch zwei Aussichtsterrassen auf dem Tallinner Domberg, ehedem der Sitz von Bischöfen und Ordensleuten, bieten einen imposanten Panoramablick.

Tallinn Infos

Anreise: Siehe Flüge der Woche Seite R4.

Auskunft: Estnisches Fremdenverkehrsamt, Hamburg, +49/40/30 38 78 99
www.tourism.tallinn.ee und www.visitestonia.com/de

Kulturhauptstadtprogramm
+372/659 41 13, www.tallinn2011.ee

Museen in Tallinn
Kumu Art Museum, Weizenbergi 34/Valge 1, Tallinn, +372/602 60 00,www.ekm.ee

Eesti Kaasaegse Kunsti Muuseum – Contemporary Museum of Art, Põhja pst 35, Tallinn, Tel.: +372/566 366 23, http://ekkm-came.blogspot.com

Seehafen des Estnischen Meeresmuseums, Küti 15a, Tallinn, +372/641 14 08,
www.meremuuseum.ee

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2011)

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