Notenbanken bleiben gierig auf Gold

18.01.2013 | 18:32 |  NIKOLAUS JILCH (Die Presse)

Dollar und Euro schwächeln, die Zinsen sinken, und die Notenbanken kaufen weiter kräftig Gold, das nach der Trendwende 2010 ein Comeback als Reservewährung feiert.

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Wien. Die internationalen Zentralbanken haben im vergangenen Jahr so viel Gold gekauft wie seit mindestens fünf Jahrzehnten nicht mehr. Und zwar 536 Tonnen. Das geht aus dem aktuellen Goldreport des Branchenbeobachters Thomson Reuters GFMS hervor. 2012 war damit das dritte Jahr in Folge, in dem Zentralbanken auf der Netto-Käuferseite standen. Eine massive Trendwende: Zuvor warfen die Währungshüter pro Jahr 400 bis 600 Tonnen auf den Markt – und zwar unter der Führung der europäischen Zentralbanken.

Nach der Euro-Einführung wurden die Goldverkäufe zurückgefahren und 2010 komplett eingestellt. Mit rund 10.000 Tonnen verfügt die Eurozone aber noch immer über den weltgrößten Goldschatz – gefolgt von den USA mit 8000 Tonnen. China hat offiziell nur 1000 Tonnen, kauft aber laut Experten bei jeder Gelegenheit dazu und gilt inzwischen auch als der größte Goldproduzent der Welt.

Nach dem Ende der europäischen Goldverkäufe ist für ein Jahr der Internationale Währungsfonds (IWF) eingesprungen und hat rund 200 Tonnen auf den Markt geworfen (siehe Grafik). Die neu entdeckte Gier der Zentralbanken auf das glänzende Metall wirkt preistreibend. Die Notenbanken halten insgesamt fast 20.000 Tonnen Gold, jene im aufstrebenden Asien aber relativ zum Westen gesehen noch sehr wenig. Gleichzeitig kontrollieren die Notenbanken die Zinsen. Und fallende Zinsen (also billiges Geld) führt zu einer Abwertung der Währung – und somit zu einem steigenden Goldpreis.

 

Ein neuer Goldstandard?

Setzt sich dieser Trend fort, könnte Gold sich als „dritte Reservewährung“ neben Dollar und Euro etablieren – und ein neuer De-facto-Goldstandard entstehen. Und zwar durch Marktkräfte – und nicht durch die willkürliche politische Goldpreisbindung, wie beim klassischen Goldstandard, die große Probleme verursachen kann.

Diesen Trend haben auch die internationalen Minenbetreiber erkannt. Die haben laut GFMS ihr Hedging inzwischen komplett eingestellt. Durch Hedging kann sich ein Minenbetreiber gegen einen fallenden Goldpreis absichern, indem er seine Produktion bereits im Voraus zu einem bestimmten Preis verkauft. Jetzt spekulieren die Minenbetreiber offensichtlich ebenfalls auf weiter steigende Preise.

Die private Goldnachfrage ist 2012 gleichzeitig gestiegen und gefallen. Gefallen sind die umgesetzten Mengen: von 1200 auf 960Tonnen. Gestiegen ist jedoch die investierte Summe: von 80 Milliarden Dollar im Jahr 2011 auf den Rekordwert von 87 Mrd. Dollar im Jahr 2012. Was auf den ersten Blick kontraintuitiv aussieht, hat freilich auch seinen Grund: Nachfrage ist meist ein Währungswert. Ein Investor sagt sich: „Ich will 1300 Euro in Gold investieren“, und nicht etwa: „Ich will eine Unze Gold kaufen.“

 

Bruchgold füllt Angebotslücke

So tariert der physische Goldmarkt sich auf einem hohen Preisniveau aus. Ähnliches passiert auf der Angebotsseite: Die Zentralbanken haben durch den Stopp ihrer Verkäufe den Preisanstieg ausgelöst – jetzt kommt immer mehr alter Schmuck als Bruchgold auf den Markt und wird sozusagen wiederverwertet.

Die Schmucknachfrage im goldverrückten Indien hat derweil im vergangenen Jahr nachgelassen – nach Streiks der Goldhändler und Steuererhöhungen. Der Anteil asiatischer Käufer wächst trotzdem stark. Größter Goldmarkt für Privatanleger bleibt aber Europa. Das GFMS geht für heuer von weiteren Preissteigerungen aus (auf mindestens 1900 Dollar pro Unze) – solange die Niedrigzinspolitik der Zentralbanken anhält.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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