Facebook gefällt den Börsen fast schon zu gut

Das soziale Netzwerk Facebook ist angeblich schon mehr wert als Coca-Cola oder Toyota. Die Warnungen vor einer neuen Internet-Bubble in New York werden lauter. Aber noch fehlen einige Zutaten.

File photo of a Facebook application logo on a mobile phone in this photo illustration taken in Lavigny
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Facebook – REUTERS

Wien. 20 Minuten ohne Facebook. Der weltweite Ausfall des sozialen Netzwerks am Samstag Morgen hat nicht nur für Spott und Hohn im Internet gesorgt. Auch so manchem Investor dürfte das Frühstückskipferl kurz im Hals stecken geblieben sein. Denn an der Börse wurde das Netzwerk des ehemaligen Harvard-Studenten Mark Zuckerberg zuletzt mit 192 Mrd. Dollar bewertet. Die Summe ergibt sich aus einer simplen Rechnung.

Anzahl der ausgegebenen Aktien multipliziert mit dem aktuellen Wert einer Aktie. Heißt: Nach aktueller Lage glauben die Investoren, dass Facebook mit seinen 1,3 Milliarden Nutzern weltweit 192 Mrd. Dollar wert ist. Bleibt die Frage: Kann das stimmen? Oder sehen wir hier eine neue Tech-Blase, wie sie Anfang der Nullerjahre schon einmal laut und deutlich geplatzt ist? Möglich ist das allemal, denn Facebook ist wahrlich nicht allein in der schönen neuen Tech-Welt der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten.

 

Facebook auf Einkaufstour

Zum Vergleich: Mit 192 Mrd. Dollar wird Facebook derzeit höher bewertet als der Autobauer Toyota (189 Mrd. Dollar), die Telekomfirma AT&T (184 Mrd. Dollar), der Zuckerwasserkonzern Coca-Cola (180 Mrd. Dollar) und sogar die Großbank Bank of America (164 Mrd. Dollar). Vergangenes Jahr hat Facebook einen Nettogewinn von 1,5 Mrd. Dollar gemacht– die Bewertung entspricht also rund dem 128-Fachen des Vorjahresgewinns.

Es gibt natürlich eine Reihe von Gründen für Optimismus. Den aktuellen Euphorieschub hat Facebook der Tatsache zu verdanken, dass man zuletzt deutlich mehr Werbeeinnahmen aus dem immer wichtigeren mobilen Geschäft erzielt hat – und die Angst der Investoren vor einem Versagen der Zuckerberg-Firma auf mobilen Plattformen deshalb gedämpft wurde. Aber jetzt, da man das mobile Geschäft im Griff hat, müssen neue Innovationen her. Die 1,3 Milliarden Menschen große Nutzerbasis ist zwar die mit Abstand größte für ein soziales Netzwerk – aber der Zuwachs an neuen Nutzern ist sehr verhalten. Ein Hoffnungsmarkt ist zwar China, aber weil Facebook dort offiziell verboten ist, gibt es keine offiziellen Zahlen. Nur so viel wissen wir: Hunderte Millionen Chinesen dürften Facebook inzwischen über VPN-Server nützen, die die chinesischen Sperren umgehen. Gute Nachrichten also für Facebook. Aber keine Daten, auf denen man eine Investmententscheidung aufbauen kann.

Innovationen hat sich Facebook zuletzt vor allem zugekauft – was ja keine schlechte Strategie sein muss, wenn man viel Cash zur Verfügung hat. Eine Mrd. Dollar hat man für den Fotodienst Instagram ausgegeben. Zwei Mrd. Dollar für Oculus VR, den Hersteller einer viel versprechenden 3-D-Virtual-Reality-Brille, die eigentlich für Spiele gedacht ist.

Den größten Brocken hat der Messaging-Service WhatsApp gekostet. 19 Mrd. Dollar war Facebook die Software wert. Der Grund ist (wie bei Instagram) klar: Facebook braucht wieder junge Kunden. Das soziale Netzwerk ist mit seinen ersten Nutzern alt geworden – und vor allem in den USA gibt es viele Teenager, die im Internet nicht mit ihren Eltern „befreundet“ sein wollen. Das ist uncool und birgt die Gefahr, entdeckt und kontrolliert zu werden. WhatsApp und Instagram sind bei Jugendlichen aber große Hits.

Eine weitere Strategie ist die Fragmentierung des Kernangebots. So wurde der Chat zuletzt aus den offiziellen Facebook-Apps für iPhone und Android herausgenommen und durch eine eigene, reine Messaging-App ersetzt. Aber auch hier scheint Facebook schon an seine Grenzen zu stoßen, denn weitere neue Facebook-Apps sind zumindest bisher keine in Aussicht. Außerdem besteht bei dieser Strategie freilich die Gefahr, dass Facebook seine Nutzer vom Kernangebot abkoppelt. Bei all diesen offenen Fragen ist es kein Wunder, dass Zeitungen wie der britische „Guardian“ schon Zweifel am Tech-Boom anmelden.

„Dass eine Firma auf dem Markt mit mehr als dem Hundertfachen des aktuellen Gewinns bewertet wird, das ist nicht einfach optimistisch. Das ist noch nicht mal extrem optimistisch. Das ist euphorisch.“ Zum Beweis hier die Profite der erwähnten „Oldschool“-Unternehmen: Toyota hat vergangenes Jahr 17,7 Mrd. Dollar Nettogewinn gemacht, AT&T 18,2 Mrd., Coca-Cola 8,5 Mrd. und Bank of America 11,4 Mrd. Allesamt also deutlich mehr als Facebook mit seinen 1,5 Mrd. Dollar.

Aber das blaue Netzwerk ist nicht die einzige Firma, die von der neuen Dotcom-Euphorie profitiert. Da wäre zum Beispiel Rivale Twitter: Die Nummer der aktiven Nutzer ist im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 24 Prozent gestiegen – auf 271 Millionen. Die Aktie ist nach Bekanntwerden der neuesten Zahlen vergangene Woche stark gestiegen – nachdem sie heuer schon um fast 44 Prozent gefallen war.

Das Problem: Anders als Facebook macht Twitter keinen Gewinn, sondern Verlust: konkret 144 Mio. Dollar im zweiten Quartal – nach „nur“ 42 Mio. Verlust im Vorjahr. Twitter macht pro User einen Umsatz von 1,15 Dollar– aber Facebook streicht schon 2,24 Dollar pro Nutzer ein. Ähnlich sieht es auf dem mobilen Markt aus, wo Twitter 1,06 Dollar pro User kassiert – und Facebook 1,69 Dollar.

Twitter ist deutlich höher bewertet als Facebook. „Wenn Facebook so bewertet wäre wie Twitter, es wäre schon fast eine Billion Dollar wert – also fast 100 Milliarden“, schreibt die Finanznachrichtenagentur Reuters. Bleibt die Frage: Was heißt das? Sind Facebook und Twitter tatsächlich so viel wert, oder steht hier die nächste Tech-Bubble kurz vor dem Platzen?

 

Noch ist das Geld günstig

Die Antwort ist natürlich: Wir wissen es nicht. Wert liegt immer im Auge des Betrachters, und in diesem Fall gefällt den Investoren, was sie sehen. Aber wenn es zu einer drastischen Zinswende kommt und Geld wieder teurer wird, könnte das ein empfindlicher Dämpfer für die Webriesen sein. Umgekehrt könnte die Reise noch einige Zeit nach oben gehen, solange das Geld so extrem günstig bleibt, wie es aktuell ist.

Als die letzte Dotcom-Bubble so gewaltig platzte, hatten die Zentralbanken zwar noch mehr Zins-Spielraum nach unten – was sie auch nutzten. Es gab damals aber keine Unternehmen von der Größe und Relevanz von Facebook. Das Internet und seine Ökonomie steckten einfach noch in den Kinderschuhen. Aber was es damals auch gab, war Euphorie. Praktisch jede Firma, deren Name auf „.com“ endete, wurde damals nach oben gepusht und wie wild von den Investoren gekauft. Den Investoren fehlte freilich jegliche Onlinekompetenz, das ist heute anders.

Und eine wichtige Zutat für eine Bubble fehlt diesmal auch noch – eben weil die Investoren sich diesmal besser auskennen. Bei einer Blase wird immer auch das Angebot ausgeweitet – bis das Angebot so riesig ist, dass die Blase nicht mehr lebensfähig ist und platzt. Das kann man bis zurück zur Tulpenblase in der Geschichte beobachten. Damals wurden einfach immer mehr Tulpen produziert. In der Dotcom-Manie wurden jede Menge Firmen mit technisch anmutenden Namen gegründet. So weit scheinen wir diesmal noch nicht. Aber die Börsenfaustregel Nummer eins gilt natürlich immer: Wenn der Taxifahrer Facebook-Aktien empfiehlt, ist es Zeit zu verkaufen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2014)

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