Konformitätsdruck

24.11.2012 | 18:04 |  Michael Prüller (Die Presse)

Von unkorrekten Kinderbüchern, EU-Attacken und der Frage, ob Mann und Frau freier werden, wenn man alte Geschlechterstereotypen durch neue ersetzt.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Der in die Sowjetunion zurückgekehrte Dichter Maxim Gorki hat 1936, in seinem letzten Lebensjahr, Stalin und das Politbüro aufgefordert, sie mögen doch die Werke der Weltliteratur durch Schriftsteller des Sozialistischen Realismus neu schreiben lassen. Stalin ist dieser Idee nicht nähergetreten, aber ich musste doch dran denken, als ich kürzlich las, die EU beabsichtige, die Kinderliteratur umzuschreiben, weil die Klassiker nur so wimmeln vor Geschlechterstereotypen: erwerbstätigen Männern und haushaltsführenden Frauen.

Seriöse Medien wie „Die Presse“ haben freilich sofort die Zeitungsente gerochen und aufgespießt: Es war nur ein unverbindlicher Ausschussbericht des Europaparlamentes, und da stand auch nichts von Umschreiben. Die 54 Damen und sechs Herren des „Parlamentarischen Ausschusses für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter“ unter Leitung des schwedischen Grünen Mikael Gustavsson haben lediglich in ihrem „Bericht über den Abbau von Geschlechterstereotypen“ angemerkt, dass „Geschlechterstereotypen in Grundschulen und weiterführenden Schulen die Wahrnehmung junger Kinder und Jugendlicher beeinflussen, wie Männer und Frauen sich verhalten sollten“. Neue Lernmaterialien sollten daher Männer und Frauen nicht mehr in ihren „traditionellen Rollen“ zeigen, „mit dem Mann als Ernährer der Familie und der Frau als derjenigen, die die Betreuung der Kinder übernimmt“.

Das ist ja nun wirklich kein sensationell neues Ansinnen. Aber das dahinterstehende Dilemma ist doch immer wieder spannend: Soll man nun den Kindern in der Schule zeigen, wie die Welt ist, auf die Gefahr hin, dass sie dann auch so bleibt? Oder soll man ihnen etwas vorgaukeln – damit die Welt einmal so wird? Aber ist das dann noch Bildung oder schon Manipulation? Oder ist Bildung sowieso Manipulation?

Es scheint hier jedenfalls nicht darum zu gehen, Menschen aus einer Fremdbestimmtheit herauszuhelfen. Der gesellschaftliche Druck, die Beeinflussung der „Wahrnehmung junger Kinder und Jugendlicher“ soll ja gar nicht verringert werden, sondern nur mit den „richtigen“ Normen gefüllt: Wie sollt ihr euch verhalten? Nicht traditionell! Ach, immer diese Imperative...

Schade. Aber vielleicht ist meine Vorstellung von Erziehung ja wirklich abseitig – dass sie nämlich Kindern ermöglichen soll, später einmal möglichst unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen Lebensentscheidungen treffen zu können. Vielleicht sollen sie das ja gar nicht können, und ich habe als Kind nur einfach zu viele Bücher gelesen, in denen solche freien Leute vorgekommen sind.
Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

DiePresse.com/cultureclash

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

1 Kommentare

Ich danke meiner Schwesterzeitung, dass sie dem Propagandachef der Erzdiözese Wien ein Forum für seine Arbeit überläßt, während die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen römisch-katholische Priester gefliessentlich verschwiegen werden.



http://www.spiegel.tv/?t=1108.473#/filme/magazin-25112012/



Top-News

  • Ostern ist das neue Weihnachten
    Während die Konsumlaune zu Weihnachten stagniert, geben die Österreicher immer mehr für Ostergeschenke aus. Der Handel steigert die Kauflust mit Umfragen und Lockangeboten.
    Ostukraine: Fünf Tote bei Schusswechsel
    Bei einem Angriff auf einen Stützpunkt prorussischer Separatisten starben drei Separatisten und zwei der Angreifer, berichtet der russische Sender Rossija 24.
    Formel 1: Hamilton holt dritten GP-Sieg in Folge
    Der Mercedes-Pilot Lewis Hamilton gewann am Sonntag in Shanghai vor Nico Rosberg und Fernando Alonso. Sebastian Vettel landete auf Platz fünf.
    Die Industrie probt den Aufstand
    Österreichs Spitzenmanager haben genug von hohen Lohn- und Energiekosten und drohen schon mit Abwanderung. Voest, OMV, Lenzing und Industriellenvereinigung gehen vor der Budgetrede des Finanzministers in die Offensive.
    Der Kunde als Testfahrer
    Nach einer Reihe von Unfällen, die 13 Menschenleben gekostet hat, musste General Motors heuer schon 6,6 Millionen Autos zurückrufen. Sind neue Modelle für die Kunden ein Risiko?
    Sind Chinas Schulden gefährlich?
    Die hohe Verschuldung chinesischer Unternehmen bereitet westlichen Investoren Kopfzerbrechen. Die Sorgen seien übertrieben, meinen hingegen Anleihenexperten aus Hongkong.
AnmeldenAnmelden