Django & Co.

Nicht dass Quentin Tarantino Grausamkeit minutiös in Szene setzt, sondern wie – das macht seine Filme besonders. Aber deswegen sind sie auch keine guten Filme.

Einer meiner Söhne hat als Kind, mit einem feinen Sinn für Sprache begabt, einmal gesagt: „Es gibt Witze, die sind lustig, aber nicht gut.“ Dieser Satz kommt mir bei Quentin Tarantino in den Sinn. Seine Filme sind in meinen Amateuraugen hervorragend, hochinteressant. Aber nicht gut.

Den neuesten, „Django Unchained“, kenne ich noch nicht, er kommt gerade erst ins Kino. Den Kritiken nach weist der Film jedenfalls das Markenzeichen Tarantinos auf: explizite Gewalt. Als der Nachrichtenredakteur des Senders Channel 4 ihn vor drei Tagen gefragt hat: „Why do you like making violent movies?“, antwortete Tarantino schlicht: „It's a... I think... I think it's good cinema.“ Die Frage, ob er überzeugt sei, dass es keinen Zusammenhang gäbe zwischen der Freude an gefilmter und der Freude an echter Gewalt, lehnte er dann sehr heftig ab. Er denke nicht daran, darüber zu sprechen. Er sei nicht der Sklave des Redakteurs, nicht sein Affe.

Auch in anderen Medien wird das Thema behandelt. In den „Financial Times“ spricht Filmkritiker Chris Caldwell von der „Veredlung“ (ennobling) der Gewalt, weil der Film die Sklaverei thematisiert (wie, so Caldwell, ein Krankenschwesternporno das Thema Krankenpflege thematisiert).

Aber ich glaube, die meisten treffen nicht den Punkt. Explizite Gewalt setzen ja auch andere ein. Meiner Wahrnehmung nach ist das Besondere bei Tarantino: Er inszeniert Grausamkeit und angewandte Menschenverachtung lustig. Das Publikum soll sich dabei amüsieren. Oft nur in wenigen Szenen: das Abschneiden eines Ohres eines hilflosen Polizisten („Reservoir Dogs“), die Verbrennung eines jungen Supermarktverkäufers („From Dusk Till Dawn“, das Skript ist von Tarantino, der auch den Täter spielt), die lakonische Ermordung von Studenten („Pulp Fiction“) oder die Szene, in der Robert De Niro einen Rappel kriegt und eine junge Frau erschießt („Jackie Brown“) – sie alle haben bewusst etwas Komisches.

Wenn anderswo selbst in lustigen Filmen exzessive Gewaltszenen vorkommen, sind sie nicht lustig. In „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ etwa wird ein verzweifelter Mann in einer langen Szene bei lebendigem Leib verbrannt. Ohne jede Ironie. Im Splatter-Movie ist die Grausamkeit ein Härtetest für die Nerven des Publikums. Bei Tarantino ist sie unterhaltend. Sie sagt laut und gut gelaunt: He, ist das nicht geil?

Das ist vielleicht ehrlicher, aber halt so, wie ein Porno auch „ehrlicher“ mit dem Voyeurismus der Zuschauer umgeht. Jedenfalls eine Grenzüberschreitung. Freilich im aktuellen Kino nur eine von mehreren. Doch dazu nächste Woche.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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