Gewalt im Film

19.01.2013 | 18:40 |  Michael Prüller (Die Presse)

Gewalt im Film – die Fortsetzung. Anhand von Quentin Tarantino und von mörderischen Mäusen gefragt: Ist der ganz normale Sadismus auf der Leinwand noch normal?

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Gewalt im Film ist eine seltsame Sache. „Chinatown“ etwa, ein Film mit wenig Brutalität, ist wegen der kurzen Szene, in der Roman Polanski Jack Nicholsons Nasenflügel aufschlitzt, vielen Zuschauern als besonders gewalttätig in Erinnerung. Oder: Warum erscheint es uns nicht brutal, wenn in „Tom & Jerry“ der Kater zerstückelt, in die Luft gesprengt oder erschlagen wird, bei „Itchy and Scratchy“, der Zeichentrickserie in der Zeichentrickserie „The Simpsons“, aber sehr wohl?

Gewalt im Film ist zweifellos attraktiv. Mich als Amateur interessiert, ob es Grenzen gibt, jenseits derer die Darstellung von Gewalt ihre Unschuld verliert. Damit ist noch gar nicht die Frage gemeint, ob es filmische Gewalt gibt, die reale Gewalt auslösen kann. Sondern ob es eine gibt, die die Seele des Zuschauers, zumindest sein Gemüt verletzt. „Itchy and Scratchy“ thematisiert das satirisch: Nicht nur der zynische Bart, sondern auch seine menschenfreundliche Schwester Lisa hauen sich richtig ab über den genüsslich geschilderten Sadismus der Maus, während Vater Homer und das Baby Maggie oft mit schreckgeweiteten Augen stumm dasitzen.

Meine älteren Kinder (für Volksschüler ist das nichts), haben diskutiert, was den Unterschied zu „Tom & Jerry“ ausmacht: nicht nur, dass Scratchy in Todesangst zittert und vor Schmerzen schreit. Auch das Blut und die Eingeweide: Wenn Tom in Scheiben zerschnitten wird, fließt kein Blut. Bei Scratchy tropft es, fließt und sprüht. Und explodiert der Kater, regnet es Fetzen blutiger Innereien.

Meine Kinder nennen diesen Realismus den Itchy-und-Scratchy-Effekt, und man sieht ihn immer öfter auch im normalen Spielfilm. Früher sind Komparsen, von Kugeln durchsiebt, bloß mehr oder weniger artistisch umgefallen, manchmal mit Blutflecken auf dem Hemd. Zunehmend quillt heute in Actionfilmen für die ganze Familie routinemäßig das Blut in dicken Strahlen, und Gewebestücke fliegen davon.

Quentin Tarantino (der folgerichtig einmal als fiktiver Gastregisseur bei „Itchy und Scratchy“ vorkommt) hat 2010 erklärt, dass Edison die Filmkamera genau dafür erfunden habe: „...because violence is so good. It affects audiences in a big way. You know you're watching a movie.“ Für Tarantino ist klar: „Wenn einem Kerl in den Bauch geschossen wird, und er blutet wie ein abgestochenes Schwein, dann ist es genau das, was ich sehen will – nicht einen Mann mit Bauchweh und einem kleinen roten Fleck auf dem Bauch.”

Aber ist es auch gut, das zu sehen oder zu zeigen? Und bin ich das letzte Fossil, das sich überhaupt noch so etwas fragt?


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2013)

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3 Kommentare
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Gewalt im Film

Habe soeben Django Unchained gesehen und mich nach einer Hand voll Dollar zurückgesehnt.

Tarrantino irgend etwas anderes als Geschäftemacherei mit Brutalitäten zu zuschreiben halte ich für verfehlt. Dass die Brutalo-Kasperliade auch noch unlogisch ist - soeben Kastrierter geht im abschließenden Showdown als Sieger hervor - macht den Film auch noch schlecht.

Ich verstehe, dass Morricone angeblich nicht mehr mit Tarantino arbeiten will.

Wenn Filme, die immerhin als bester Film und für das beste Originaldrehbuch Oscar nominiert sind, so aussehen, kann man den Kritikern nur misstrauen.l

Sehr geehrter Herr Pressesprecher der ED Wien, lieber Herr Prüller,



vor einiger Zeit gab es Berichte über die Ermittlungen des Verfassungsschutzes gegen Priester (auch der ED-Wien) wegen Verhetzung und Wiederbetätigung.

http://www.spiegel.tv/?t=1108.473#/filme/magazin-25112012/

Erst nachdem die Ermittlungen gegen die Priester publik wurden, wurde die gegenständliche Homepage „kreuz.net“ nach 8-jährigem Bestehen (!) vom Netz genommen.

Mich würde wirklich interessieren, welche Konsequenzen es gegeben hat, da sogar der Wiener Kardinal seit langem Vermutungen zu den Personen, die in der Kirche dahinterstehen hatte.

http://diepresse.com/home/panorama/religion/1315256/kreuznet_Verfassungsschutz-ermittelt-wegen-Verhetzung-

Der Standard (Die Presse berichtete nicht darüber) berichtet:

„Auch in Österreich hat sich der Verfassungsschutz mit der Internetseite befasst. Die gesammelten Erkenntnisse seien so schwerwiegend, dass derzeit die Staatsanwaltschaft Wien den Fall prüft, erfuhr die Kathpress von den zuständigen Stellen.“

Zudem ist eine Nachfolgeseite wiederholt im Netz ist, unverblühmt mit einem Impressum, das schnurstraks ins Wiener Milieu führt.

http://derstandard.at/1358303863483/Kreuznet-Ableger-mit-oesterreichischer-Kennung-erneut-online

Braucht es wirklich die Polizei, oder gibt es irgendwelche Konsequenzen innerhalb der Kirche?

Danke im Voraus für Ihre Antwort!



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Gut gegen Böse

Mir fällt bei Ihren Betrachtungen des Themas die wiederkehrende Frage auf, ob die Sache gut ist. Sind Tarantino-Filme gut? Ist diese Gewaltdarstellung gut? Die Antwort (ja oder nein) können Sie sich aussuchen. Sie dürfen auch unschlüssig bleiben. Denn wie die meisten Dinge des Lebens verwehren sich auch Kunst- und Kulturobjekte einer so schlichten Betrachtungsweise. Und auch wenn Ihre Bewertung einer Sache so zweidimensional ausfällt, bleibt das eine subjektive Wahl. Vergessen Sie doch einmal Ihre Bewertungslust und setzen sich tiefergehend mit dem Werk auseinander. Warum wird das Gesehene gerade so gezeigt, was fühlen Sie dabei und warum? Und auch wenn Sie sich nach längere Betrachtung dazu entschließen, dass Ketchup in ein Glas aber nicht in einen Film gehört, dann ist das immer noch keine allgemein gültige Schlussfolgerung, sondern Ihre persönliche Neigung. Wissen Sie, warum es gefährlich ist, wenn Menschen Dinge allgemeingültig in gut und schlecht/böse einteilen wollen? Weil sie immer nur einen Teil des Bildes kennen und viele Aspekte gar nicht verstehen. Wenn die Kirche ein Diskussion über Gewalt in der Kunst anstimmt und dabei völlig unreflektiert nur die Frage nach gut und böse verfolgt, dann stellt es mir die Haare auf. Gut und Böse gibt es nur im Beichtstuhl und in Star Wars.

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