Gewalt im Film

Gewalt im Film – die Fortsetzung. Anhand von Quentin Tarantino und von mörderischen Mäusen gefragt: Ist der ganz normale Sadismus auf der Leinwand noch normal?

Gewalt im Film ist eine seltsame Sache. „Chinatown“ etwa, ein Film mit wenig Brutalität, ist wegen der kurzen Szene, in der Roman Polanski Jack Nicholsons Nasenflügel aufschlitzt, vielen Zuschauern als besonders gewalttätig in Erinnerung. Oder: Warum erscheint es uns nicht brutal, wenn in „Tom & Jerry“ der Kater zerstückelt, in die Luft gesprengt oder erschlagen wird, bei „Itchy and Scratchy“, der Zeichentrickserie in der Zeichentrickserie „The Simpsons“, aber sehr wohl?

Gewalt im Film ist zweifellos attraktiv. Mich als Amateur interessiert, ob es Grenzen gibt, jenseits derer die Darstellung von Gewalt ihre Unschuld verliert. Damit ist noch gar nicht die Frage gemeint, ob es filmische Gewalt gibt, die reale Gewalt auslösen kann. Sondern ob es eine gibt, die die Seele des Zuschauers, zumindest sein Gemüt verletzt. „Itchy and Scratchy“ thematisiert das satirisch: Nicht nur der zynische Bart, sondern auch seine menschenfreundliche Schwester Lisa hauen sich richtig ab über den genüsslich geschilderten Sadismus der Maus, während Vater Homer und das Baby Maggie oft mit schreckgeweiteten Augen stumm dasitzen.

Meine älteren Kinder (für Volksschüler ist das nichts), haben diskutiert, was den Unterschied zu „Tom & Jerry“ ausmacht: nicht nur, dass Scratchy in Todesangst zittert und vor Schmerzen schreit. Auch das Blut und die Eingeweide: Wenn Tom in Scheiben zerschnitten wird, fließt kein Blut. Bei Scratchy tropft es, fließt und sprüht. Und explodiert der Kater, regnet es Fetzen blutiger Innereien.

Meine Kinder nennen diesen Realismus den Itchy-und-Scratchy-Effekt, und man sieht ihn immer öfter auch im normalen Spielfilm. Früher sind Komparsen, von Kugeln durchsiebt, bloß mehr oder weniger artistisch umgefallen, manchmal mit Blutflecken auf dem Hemd. Zunehmend quillt heute in Actionfilmen für die ganze Familie routinemäßig das Blut in dicken Strahlen, und Gewebestücke fliegen davon.

Quentin Tarantino (der folgerichtig einmal als fiktiver Gastregisseur bei „Itchy und Scratchy“ vorkommt) hat 2010 erklärt, dass Edison die Filmkamera genau dafür erfunden habe: „...because violence is so good. It affects audiences in a big way. You know you're watching a movie.“ Für Tarantino ist klar: „Wenn einem Kerl in den Bauch geschossen wird, und er blutet wie ein abgestochenes Schwein, dann ist es genau das, was ich sehen will – nicht einen Mann mit Bauchweh und einem kleinen roten Fleck auf dem Bauch.”

Aber ist es auch gut, das zu sehen oder zu zeigen? Und bin ich das letzte Fossil, das sich überhaupt noch so etwas fragt?


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2013)

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