25.05.2012 11:17 | Meine Presse Merkliste 0

Dem Tod zuvorkommen

26.11.2011 | 18:03 |  von Michael Prüller (Die Presse)

Ein australisches Spital entschuldigt sich für die Tragödie eines letalen Kunstfehlers. Aber nicht nur der Fehler war tragisch und letal.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Es ist nicht einfach, darüber zu schreiben; verzeihen Sie mir, wenn ich den gebotenen Ton nicht treffen sollte: In Australien hat eine Mutter Zwillinge erwartet. Einer der beiden hatte einen Herzfehler, der – sofern der Bub überhaupt lange genug gelebt hätte – jahrelang Operationen nötig gemacht hätte. Der Mutter wurde dringend geraten, das kranke Kind in der 32. Schwangerschaftswoche abzutreiben. Versehentlich töteten die Ärzte durch Herzinjektion aber das gesunde Kind. Danach musste, wie australische Zeitungen schreiben, „die Mutter noch eine längere Kaiserschnittoperation erdulden, um auch das Leben des kranken Kindes zu beenden“.

Nicht nur der konkrete Fall, auch die Rezeption gibt mir zu denken. Zum Beispiel der verschämte Gleichmut dem Faktum gegenüber, zu welchem Schlachtfeld die gynäkologischen Abteilungen mancher Krankenhäuser geworden sind. Ein Kaiserschnitt „to end the life of the sick foetus“: Was tun da die Ärzte? Wurde der Fötus, ein Acht-Monate-Baby, während des Kaiserschnitts getötet, oder danach – oder ist er dabei von allein gestorben?

Das andere ist die Logik, dass es besser ist, ein Kind zu töten, als ihm Leid – hier eine Serie gefährlicher Herzoperationen – zuzumuten. Ist denn nicht jede Geburt der Anfang eines – potenziell schweren – Leidensweges? Die Zeitungen nennen als Grund für die Empfehlung zur Abtreibung auch, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit des Kindes eingeschränkt gewesen sei. Aber stirbt nicht jeder Mensch? Warum ist ein 80 Jahre langes Leben einen ungeheuren medizinischen Aufwand wert, aber ein Leben, das nur drei, fünf, zehn Jahre dauert, gar nichts? Im Mittelalter hatte jedes geborene Kind eine Wahrscheinlichkeit von weniger als 50 Prozent, das 15. Lebensjahr zu erreichen. Mit der heutigen Mentalität wären wir damals ausgestorben.

Es ist ein kaum zu bewältigender Schmerz, sein Kind schwer leiden und sterben sehen zu müssen. Ich wünsche das niemandem und bin dankbar, dass mir das bisher erspart geblieben ist. Aber dass das heute selbstverständlich als Grund angesehen wird, das Leben des Kindes selbst zu beenden? Ist nicht das eigentlich Menschliche gewesen, um jeden Tag Leben zu kämpfen? So wie Edith Piaf in einem ihrer letzten, berührendsten Lieder mit Gott um noch ein bisschen Zeit mit ihrem Geliebten ringt: „Sechs Monate, drei Monate, zwei Monate . . . Lass ihn mir doch noch für nur einen Monat!“

Die Tragödie beginnt, wenn im Sprechzimmer keiner der Mutter zuredet und ihr Hilfe im Kampf im und um das Leben ihres Kindes zusagt: „Wir stehen das gemeinsam durch!“


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

5 Kommentare
Gast: marila w
12.12.2011 17:30
0 0

Wer hatte da den größeren Herz-fehler?

Ein Kind in der 32 SSW wiegt ca 2000g ist schon lebensfähig da alle Organe gut ausgereift sind- Abtreibung ist da sicher das falsche Wort! Außerdem ist die Herzchirugie erstaunlich weit und kann vielen Kindern gut helfen es wird ja der Herzfehler nicht näher beschrieben. Es ist eine doppelte Tragödie

Gast: papsttreuer
28.11.2011 17:07
2 0

Das sind wir!

Herr Dr. Prüller beschreibt hier sehr gut die eigentliche Tragödie hinter der medizinischen. Als ob der Tod des kranken Jungen keine Tragödie gewesen wäre.

Vielleicht darf ich auf den folgenden Link verweisen, in der Hoffnung, hier einen ähnlich guten Ton zu treffen, wie Dr. Prüller ihn getroffen hat?
http://papsttreuer.blog.de/2011/11/27/rahel-advent-12228985/

wmaurer
28.11.2011 10:51
1 0

Sie sind unbequem Herr Doktor Prüller,

Sie halten mir und uns allen einen Spiegel vor, aus dem uns deformierte Wohlstands- und Bequemlichkeitsfratzen entgegenstarren.

Wir scheuen jede Mühsal und delegieren sie gerne an die Allgemeinheit. Und wenn uns Wohlstand und sorgenfreies Dasein nicht garantiert werden kann, ziehen wir brutal und vorbeugend die Konsequenzen.

Als ich vor Tagen den Bericht über den tragischen "Kunstfehler" aus dem ach so fernen Australien erstmalig und rasch überflogen hatte, dachte ich lediglich "naja". Beim nachdenklichen Studim Ihres recht schonungslosen Statements packte mich ein kalter Schauer. Sind das wirklich wir?

wmaurer
28.11.2011 09:59
0 0

Sie sind unbequem Herr Doktor Prüller,

Sie halten mir und uns allen einen Spiegel vor aus dem uns deformierte Egoismus, -Wohlstands- und Bequemlichkeitsfratzen entgegenstarren. Wir scheuen jede Mühsal und delegieren sie gerne an die Allgemeinheit. Und wenn uns Wohlstand und sorgenfreies Dasein nicht garantiert werden kann, ziehen wir brutal und vorbeugend die Konsequenzen. Als ich vor Tagen den Bericht über den tragischen "Kunstfehler" aus dem ach so fernen Australien erstmalig und rasch überflogen hatte, dachte ich lediglich "naja". Beim nachdenklichen Studim Ihres recht schonungslosen Statements packte mich ein kalter Schauer. Sind das wirklich wir?

Gast: Gerne nur Gast
26.11.2011 23:00
3 1

Ihr Kommentar

ist erstaunlich mutig. Mut zur Wahrheit. Danke!

Wohl deshalb, weil sie, im Gegensatz zur Mehrheit der heutigen "JournalistInnen", Kinder haben.

Respekt, jedesfalls!
Ein Artikel gegen die Abtreibung - auch in der der "Presse" mittlerweile eine Seltenheit.

Mehr Culture Clash:

  • Nichts als Kunst, Kunst als Nichts
    Eine Londoner Galerie zeigt 50 unsichtbare Kunstwerke. Wieder ein Zeichen, dass die Welt nicht mehr lange steht.
    Ist das Ende der Welt nahe?
    Wir fragen um. Ist das Ende der Welt nahe? Jeder siebente Weltbürger sagt: Ja! Ein sicheres Indiz dafür ist die grassierende Umfrageritis.
    Scheinheilig gesprochen
    Warum regt uns der Zölibat so auf? Vielleicht, weil wir unser Streben nach Heiligkeit an die Priester delegiert haben.
  • Sex wie im alten Rom
    Sind wir mit unseren Lebensweisen wieder in der Antike angekommen? Und sind deswegen das Christentum und seine Moral heute so sperrig?
    Aufregende Ehelosigkeit
    Was immer man theologisch gegen den Zölibat sagen möchte, pragmatisch hält er dem Vergleich mit Seelsorger-Ehen stand.
    Trennungsschmerzen
    Wie soll ein säkularer Staat mit einer Minderheitenreligion umgehen, von deren Kultur sich das Volk mehrheitlich nicht trennen will?
  • Religiöser Überfall
    Sonntagsfreies Pölten. Wenn eine einminütige Karfreitagsstille im ORF ein religiöser Überfall ist, dann bitte auch keine Weihnachtslieder mehr im Öffentlich-Rechtlichen!
    Der Tod in Preußen
    Eine Studie belegt, dass die Suizidgefahr in protestantischen Gegenden höher ist als in katholischen. Aber wie viel hat das tatsächlich mit Religion zu tun?
    Kompetenz oder Anmaßung?
    Warum die EU heute eine Bürgerrechtsbewegung ist und die Kommission dabei trotzdem an Kaiser Franz Josef erinnert.

Top-News