Europas langer Weg zur Moschee

Wie weit werden die europäischen Gesellschaften gehen, um der schnell wachsenden Minderheit der Moslems Platz zu bieten, die nicht nur vor großen Schwierigkeiten bei der sozialen und kulturellen Integration steht, sondern sich ihr in beträchtlichem Ausmaß widersetzt? Ein Warnruf.

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Eurabia“, die Idee, dass die Moslems einmal eine Mehrheit in Europa sein würden, ist in ihren Ursprüngen kein westliches Konzept, dass in den Kabalen der Neokonservativen zusammengebraut worden wäre. Es ist ein muslimisches, oder genauer ein arabisches Konzept. Die Idee ist bei öffentlichen Figuren und Schriftstellern des Nahen Ostens seit Langem ein Thema. Ein bekanntes frühes Beispiel war die Rede des damaligen algerischen Präsidenten Houari Boumedienne vor der UNO-Generalversammlung 1974, in der er eine solche Entwicklung angesichts der hohen Geburtenrate muslimischer Frauen und der abnehmenden Geburtenrate in Europa für mehr oder weniger unausweichlich erklärt hatte. Boumedienne war nicht unter den führenden Demografen seiner Generation, aber um die Veränderungen in Europas Städten zu deuten, brauchte und braucht es kein besonderes Training.

Die sich verändernde Lage in Europa wird in allen Einzelheiten in Büchern und Artikeln arabischer Medien beschrieben. So schrieb Aijaz Zaka Syed (keineswegs ein Extremist) im Mai in den „Saudi Arab News“ aus Brüssel, dass „die Hauptstadt des Neuen Europa immer mehr wie Beirut, Istanbul oder irgendeine andere große Stadt des Nahen Ostens aussieht“. Und: „Szenen wie diese kann man auch in London und Paris, Kopenhagen oder Amsterdam sehen.“ Er berichtet über Sorgen vor der demografischen Zeitbombe und empfiehlt seinen europäischen Kollegen, sich nicht aufzuregen, und die Immigranten wegzuwünschen, sondern die Tatsachen zu akzeptieren. Die Einwanderer würden das Profil Europas für immer transformieren. Aber sie seien auch notwendig, um einen alten und erschöpften Kontinent zu verjüngen: „Ob es sie nun mag oder hasst – Europa muss lernen, mit seinen Moslems zu leben.“


Neue „classes dangereuses“. Die demografische Ausgangsbasis ist unbestritten: Die aktuelle Zahl muslimischer Immigranten in Europa ist relativ klein – zwischen fünf und zehn Prozent. Aber ihr Anteil in den jüngeren Alterskohorten ist doppelt bis dreimal so groß. Das heißt, dass ihr Prozentsatz in der Gesamtbevölkerung eine Generation später beträchtlich höher sein wird. Und es gibt Konzentrationen muslimischer Einwanderer, wo sie bereits mehr als ein Drittel der Bevölkerung ausmachen: Brüssel, Roubaix in Nordfrankreich, Malmö, der Raum Duisburg, Bradford, Leicester und andere Städte in den East Midlands.

Die Demografie ist aber nur ein Teil der Geschichte. Wichtiger ist der kulturelle Aspekt. Die Geschichte Europas ist eine Geschichte der Migration. Mit einer so niedrigen Geburtenrate kann Europa seinen Lebensstandard nur mit Einwanderern halten – jung, stark, intelligent, gesetzesfürchtig, arbeitsam. Wo aber findet man solche Vorzeigemodelle? Und vielen Frauen in muslimischen Gemeinden wird gar nicht erlaubt, außerhalb des Hauses zu arbeiten. Und die zweite und dritte Generation der Einwanderer sind tendenziell radikaler als ihre Eltern.

Diese Radikalität kommt dabei gar nicht aus tiefer, fundamentalistischer Religiosität. Die Radikalsten sind nicht die frömmsten Gläubigen, die fünfmal am Tag beten und sorgfältig die anderen Gebote erfüllen. Sie sind vielmehr eine Generation der Verbitterung – denn anders als andere Gruppen haben sie es zu nichts gebracht. Warum? Nicht weil sie Schulabbrecher sind, glauben sie, sondern weil die herrschende Gesellschaft sie in jeder Weise diskriminiert habe. Sie sehen sich als die Opfer par excellence, und ihre Frustration wandelt sich in Aggression. Ihre Ideologie ist eine Mixtur aus religiösen und nationalistischen Elementen, kombiniert mit einer enormen Menge von Verschwörungstheorien, je absurder desto populärer. Es besteht die konkrete Gefahr, dass sich aus diesen Opfern (als die sie sich selbst sehen) eine neue Unterklasse entwickelt, die dem ähnelt, was die französischen Historiker des 19. Jahrhunderts die „classes dangereuses“ genannt haben.

Es stimmt: Manche haben es zu etwas gebracht, auch großen Widrigkeiten zum Trotz. Und manche dieser erfolgreichen Moslems zeigen mehr Härte und Realismus gegenüber ihren Gemeinschaften als ihre nicht-muslimischen Gegenparts. Ahmed Aboutaleb, der Bürgermeister von Rotterdam, ist niederländischer und marokkanischer Staatsbürger. Das hat ihn nicht davon abgehalten, jenen seiner Glaubensgenossen, denen es in den Niederlanden nicht gefällt, die Rückkehr in ihre Ursprungsländer nahezulegen.


Verschleierte Herzen. Der entscheidende Punkt ist nicht die Zahl, sondern die Integration der Einwanderer. Etwa die Hälfte – in manchen Ländern mehr, in anderen weniger – hat ihren Wunsch erklärt, die Werte und Sitten ihrer neuen Heimat anzunehmen, die andere Hälfte weist sie als inkompatibel mit dem Islam zurück. Die Behörden in manchen Ländern wie Frankreich oder den Niederlanden behaupten, die Integration der Muslime verlaufe erfolgreicher als allgemein angenommen. Kein bedeutenderer terroristischer Akt sei in den letzten fünf Jahren geglückt.

Die Harvard-Professorin Jocelyne Cesari hat argumentiert, dass der starke Trend zum Konservativismus in muslimischen Gemeinschaften nicht gleichbedeutend ist mit Unterstützung für den Terrorismus. Das stimmt, und manche im Westen haben das ungenügend beachtet. Aber sogar hier ist ein Wort der Vorsicht angebracht: Unser meistes Wissen über die Stimmung und politische Orientierung muslimischer Bevölkerungsgruppen in der ganzen Welt beruht auf Meinungsumfragen. Aber wie verlässlich sind solche Umfragen? Ein Beispiel: Gewöhnlich heißt es, dass 13 Prozent der Moslems in Großbritannien mit al-Qaida sympathisieren. Aber kann man einfach so annehmen, dass die Befragten Fremden gegenüber (die ja auch Polizeiagenten sein könnten) die Geheimnisse ihrer Herzen und Gedanken freimütig enthüllen? Die Antwort scheint offenkundig.

Aber das Thema ist nicht Terrorismus, so wichtig das auch ist, sondern Integration bzw. die „Verjüngung“ Europas. Dass die zweite und dritte Generation muslimischer Einwanderer generell radikaler sind, kann sich im Lauf der Zeit ohne Weiteres ändern. Aber es ist unwahrscheinlich, dass das rasch passiert. Es kann einige Generationen dauern. Der Islam hatte einmal eine große Zivilisation, und sie könnte auch eine Wiederbelebung erfahren nach Jahrhunderten der Stagnation und des Niedergangs. Aber was für eine Art „Verjüngung“ kann Europa in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erwarten?

Wie weit werden die europäischen Gesellschaften gehen, um einer schnell wachsenden Minderheit Platz zu bieten, die nicht nur vor großen Schwierigkeiten bei der sozialen und kulturellen Integration steht, sondern sich ihr in beträchtlichem Ausmaß widersetzt?


Gradueller Übergang. Europäische Gesellschaften haben in der Tat gelernt, mit ihren Moslems zu leben, während die Städte Europas beginnen, wie die im Nahen Osten auszusehen. Dieser Prozess beeinflusst nicht nur die äußere Erscheinung, sondern die allgemeine Lebensqualität ebenso wie Wettbewerbsfähigkeit und viele andere Aspekte der Kultur und der Wirtschaft. Ebenso hat dieser Prozess Auswirkungen auf die Außenpolitik der europäischen Regierungen. Die Diskussionen, ob solche Veränderungen tatsächlich stattfinden, sollten zu Ende sein: In arabischer Mundart sind sie kalam fadi (leeres Gerede). Die Debatten sollten nun die Zukunft in den Fokus nehmen. Das Problem ist nicht eine „Übernahme“, sondern graduelle und möglicherweise nicht umkehrbare Veränderungen. Wie weit werden sie gehen? In jedem Fall ist „Verjüngung“ kaum der passendste Ausdruck für diesen Prozess.


Übersehenes Russland. Ein wichtiges Land wird gewöhnlich in den Diskussionen um Europas Zukunft ignoriert: jenes mit der größten Zahl muslimischer Bürger – Russland. Bücher mit Titeln wie „Die Islamisierung Russlands“ erschienen in Moskau viel früher als in Westeuropa. Man schätzt die Zahl der Moslems auf 25 bis 30 Millionen. Manche, vor allem in der mittleren Wolga-Region, sind in hohem Maße assimiliert; anders als sonst in Europa sind Mischehen dort häufig. In Moskau sollen 1,5 bis zwei Millionen legale und illegale muslimische Einwohner leben, deren Mehrheit es deutlich gemacht hat, keinen Wunsch zu hegen „ins Mittelalter zurückzukehren“. Andere, wie im Nordkaukasus, beschäftigen sich mit Terrorismus und Guerillakrieg gegen Russland – ganz wie ihre Vorfahren im 19. Jahrhundert.

Die Regierung hat versucht, den Moslems entgegenzukommen, aber diese Politik ist mit der wachsenden Xenophobie kollidiert, die es nicht nur bei der russischen Rechten und der Orthodoxen Kirche gibt, sondern in weiten Kreisen der Bevölkerung, die ein „Russland für die Russen“ wollen. Die Forderungen der gemäßigten muslimischen Gruppen sind gestiegen und beeinflussen zunehmend die russische Außenpolitik. Russland ist nun Mitglied (richtig: Beobachterland, Anm. der Redaktion) der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), die verlangt hat, dass das stellvertretende Staatsoberhaupt Russlands von Gesetzes wegen ethnischer Moslem sein solle. Da deren Geburtenrate viel höher ist als der russische Durchschnitt, wächst die Bedeutung der Moslems im Leben Russlands. In zehn Jahren, so wird geschätzt, wird einer von drei Rekruten in der russischen Armee muslimischer Abstammung sein.

Diese und andere Spannungen sind unverkennbar. Möglicherweise können sie in Grenzen gehalten werden, außer vielleicht im Kaukasus. Aber die wirkliche Probe kommt, wenn sich die Nato aus Afghanistan zurückgezogen haben wird – wenn die Taliban und verwandte Gruppierungen ungehindert ihre Energien den ehemals sowjetischen asiatischen Republiken widmen können, die von Moskau als „privilegierte Einflusszone“ betrachtet werden. Im Moment glauben viele Russen noch – auch in hohen Positionen –, dass sie mit ihrer Erlaubnis von Versorgungslieferungen an die Koalitionstruppen vor allem dem Westen einen großen Gefallen tun. Da könnte es ein böses Erwachen geben.

Walter
Laqueur,
1921 in Breslau geboren, ist amerikanischer Historiker und Publizist deutsch-jüdischer Abstammung.

Laqueur gilt als einer der Begründer der Terrorismusforschung. 2006 hat er mit seinem umstrittenen Essay „Die letzten Tage von Europa“ für Aufsehen gesorgt. Darin sagt er Europa einen Abstieg aus eigenem Versagen in die politische Bedeutungslosigkeit voraus.

Der hier gekürzt wiedergegebene Artikel ist original unter dem Titel „Europe's Long Road to the Mosque“ in der Juli/August-Nummer des britischen Magazins „Standpoint“ erschienen.
standpointmag.co.uk
Internet

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2010)

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