Gegen Achtlosigkeit und Unmäßigkeit

Wer sich an Zeiten des Hungers erinnert, kann sich schwer damit abfinden, dass Lebensmittel massenhaft weggeworfen werden.

In Wien wird am Tag ungefähr so viel Brot weggeworfen, wie in Graz gegessen wird, versichert uns die Caritas. Sie wird wissen, denn es ist eine ihrer täglichen Aufgaben, Bedürftige mit Lebensmitteln zu versorgen. Da kann sie sich schwer damit abfinden, dass unentwegt Massen von dem vernichtet werden, was dringend gebraucht würde, um es herzugeben. Auch für andere ist der steigende Berg von Lebensmitteln, die täglich weggeworfen werden, ein Problem: für die Leute der Müllabfuhr. Sie müssen sich Konzepte ausdenken, wie das zu entsorgen wäre, was die Caritas gern haben würde.

Von den rund 330 Kilo Restmüll, der pro Wiener im Jahr anfällt, sind rund 15 Prozent noch durchaus gut genießbare, sogar originalverpackte Lebensmittel, deren Verbrauchsfrist oft noch nicht abgelaufen ist. Von diesen entfällt wiederum ein Viertel auf Milchprodukte und Eier, gefolgt von Fertiggerichten, Fleisch und Gemüse. Das hat eine Boku-Studie ergeben, die durch alle Medien gegangen ist. Alle Schichten der Bevölkerung werfen Lebensmittel weg, die Jungen mehr als die Alten, die Menschen in der Stadt mehr als die am Land. Weder Preise noch persönliches Einkommen haben anscheinend viel Einfluss auf den Umgang mit Lebensmitteln.

Na und?, mag man fragen, was soll daran sein? Ist nicht alles, was wir produzieren, Wegwerfartikel? Wird nicht alles, was wir brauchen, verbrauchen, gerade dazu hergestellt? Ob die Dinge ihrem Zweck gemäß verwendet oder vorher unbenutzt weggeworfen werden, macht weder einen ökonomischen noch einen moralischen Unterschied. Was sind Lebensmittel anderes als alle übrigen Produkte von Arbeit? So denken wohl viele, und man kann schwer widersprechen. Ob wir Lebensmittel wegwerfen oder nicht, hat keinen Einfluss auf Hungernde irgendwo auf dem Globus. Eher ist es umgekehrt. Der steigende Verbrauch in anderen Teilen der Welt lässt bei uns die Preise steigen.

Trotzdem bäumt sich etwas in einem auf dagegen, Lebensmittel zu betrachten wie jeden anderen Konsumartikel auch. Nicht nur Menschen, die Hunger erlebt haben, tut es weh, dass Lebensmittel massenhaft weggeworfen werden, ob sie nun noch brauchbar wären oder durch Nachlässigkeit ungenießbar geworden sind. Es gibt auch junge Leute, die ihr Leben aus der Mülltonne bestreiten, obwohl sie Geld genug haben, sich Essen zu kaufen. Wenn es mehr ist als ein Spleen, könnte es ein Protest gegen eine Einstellung der Achtlosigkeit und Unmäßigkeit sein.

In der Zeit unmittelbar nach dem Krieg lernten viele Menschen den Hunger kennen. Es muss Anfang 1946 gewesen sein: Eines Tages brachte mein Vater einen Wecken Brot nach Hause, den er irgendwo aufgetrieben hatte. Ich war noch nicht vier Jahre alt, erinnere mich aber genau, mit welcher Freude und – ja – Ehrfurcht meine Mutter den Wecken aufschnitt. Etwas anderes als Polenta kannten wir damals kaum: Polenta kam in den Milch-Feigenkaffe, auf dem dann die Fettaugen schwammen; Polenta als Einkoch; Polenta mit Speck, wenn man einen hatte. Demgegenüber war einfaches Brot schon etwas Besonderes. Viele Menschen hegen seither eine unüberwindbare Abneigung gegen die Polenta, bei mir hat sich die Polenta damals einen bleibenden Platz unter den Lieblingsspeisen gesichert.

Zu den tiefsten Erinnerungen meiner Kindheit gehören zwei Erlebnisse, die auch mit Hunger und Essen zu tun haben. Wir lebten in der Industrieregion der Obersteiermark, mein Vater hatte Verwandte in der fruchtbaren Weststeiermark, die Kleinbauern waren. Zu denen fuhren wir „hamstern“, das heißt, Lebensmittel kaufen oder einfach erbetteln, denn einzutauschen hatten wir wenig. Hamstern war verboten und mit Strafe bedroht. Auf dem kleinen, ärmlichen Hof gab es nicht viel, aber es gab viel zu essen. Irgendwann mitten in der Nacht hielt ein Lastwagen, meine Mutter und ich wurden eilig samt den ergatterten Körben voll Lebensmitteln auf die Ladefläche gehoben und die Plane über uns gezogen. Ich schlief in irgendwelche Decken gehüllt zwischen den Kisten, groben Säcken und Packeln sofort ein.

In Graz hatte mein Vater eine Cousine, die war Schneiderin. Vor ihrem Haus lud uns der Lastwagenfahrer bei den Hamsterfahrten verstohlen ab. Auch sonst besuchten wir sie öfters, einfach um uns satt zu essen. Die „Tante Mitzi“ ließ sich von ihren Kundinnen in Naturalien bezahlen. Wenn sie den Kasten öffnete, gingen uns die Augen über: Er quoll über von Eiern, Speck, Brot, Butter, Töpfen von Schmalz, Mehl und Krapfen.

Was soll das alles für heute bedeuten, eine Zeit des Überflusses und Reichtums? Ist es mehr als bloße Sentimentalität? Meine Mutter machte mit dem Messer drei Kreuze auf einen Laib Brot, bevor sie ihn anschnitt. So war es bei ihr daheim Brauch, und den pflegte sie Zeit ihres Lebens. „Brot ist eine Gottesgabe“, sagte sie schlicht. Es könnte aber auch nur ein Ritual aus der Welt des Bauerntums, in der das Lebensmittel Lebenszweck ist, gewesen sein. Eine Bekannte in Wien meinte dieser Tage, Lebensmittel wegzuwerfen sei „eine Sünde“. Auch in meiner Familie werden keine Lebensmittel weggeworfen. Aber wie soll man so etwas begründen?


Alles im Leben ein Geschenk

In der Messliturgie heißt es über Brot und Wein, sie seien „Frucht der Erde und menschlicher Arbeit“. Damit ist die Tätigkeit der Landwirtschaft mit ihren hochtechnisierten Methoden, ihrem Düngereinsatz und, wenn alle Stricke reißen, mit Hagelversicherung und EU-Fonds beschrieben. Wenn wir also beten „Gib uns heute unser tägliches Brot“, können wir damit nicht nur die Produkte der Landwirtschaft meinen, sondern dass uns alles im Leben ein Geschenk ist.

Hans Winkler war langjähriger Leiter der Wiener Redaktion der „Kleinen Zeitung“.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2008)

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