Die "biologische Uhr" tickt ideologisch

Vorsicht mit „unschuldigen“ Metaphern zum Frauenkörper: Vom Ursprung eines Sprachbilds in den Siebzigern.

Oje, meine Hände sehen schon aus wie die meiner Mutter! Haben Sie das auch schon mal gedacht? Dann ist Ihr biologisches Ich vielleicht älter als Ihr tatsächliches Geburtsdatum verrät“ – so liest man auf der Website der „Bild Zeitung“. Aber keine Sorge, alle, die jetzt Angst bekommen haben, finden Trost: beim neuen Buch „So senken Sie Ihr biologisches Alter“. Dank diesem weiß nun auch die „Bild“-Zeitung: „So drehen Sie an der biologischen Uhr“.

Unter diesem Satz sieht man den Ausschnitt eines schönen weiblichen Gesichts – mit einer zombiehaften „Zukunftsversion“ daneben. Aber auch ohne die Illustration ist klar, dass die mit „Sie“ angesprochene angsterfüllte Leserschaft, die sich hier der Expertise des Buchautors „und Sportwissenschaftlers Dr. Dr. Michael Despeghel“ anvertrauen darf, ausschließlich weiblichen Geschlechts ist. Männer brauchen sich offenbar nicht darum zu sorgen, dass ihre Hände „schon so aussehen wie die des Vaters“ . . .

Auch bei der „biologischen Uhr“ scheint klar: Sie tickt vor allem bei den Frauen. Weil man mit dieser Metapher an ein Uhrwerk erinnert wird und auch das Wort „biologisch“ naturwissenschaftliche Seriosität suggeriert, wirkt sie besonders sachlich, wie die präzise Beschreibung weiblicher körperlicher Gegebenheiten. Vielleicht war dieses Sprachbild auch deswegen so unglaublich erfolgreich.

1978 verwendete ein Journalist der „Washington Post“ es im Artikel „The Clock Is Ticking for the Career Woman“. Praktisch alle „Karrierefrauen“ zwischen 27 und 35, schrieb er darin, würde der mehr oder weniger verzweifelte Wunsch umtreiben, ein Kind zu kriegen: „Immer ist da das Gefühl, dass die Uhr tickt [. . .] Sie hören sie überall.“ Binnen Monaten überschwemmte sein Uhrbild Berichte über berufstätige Frauen; und zwar zufällig gerade zu einer Zeit, da ein anderes Thema den Amerikanern noch viel mehr Sorgen machte als die subjektive Befindlichkeit von „Karrierefrauen“: stark sinkende Geburtsraten.

Moira Weigel beschreibt im soeben erschienenen Buch „Labor of Love: The Invention of Dating“ detailliert die Karriere dieser aus mehreren Gründen perfiden Metapher: Perfide zunächst, weil sie automatisch mit dem weiblichen Körper verknüpft ist, allen Erkenntnissen über die alters- (und lebensstilbedingt) sinkende Spermienqualität bei Männern zum Trotz (laut Fachzeitschrift „Fertility and Sterility“ ist zum Beispiel die Chance für unter 30-jährige Frauen, mit über 40-jährigen Männern ein Kind zu bekommen, um ein Viertel geringer als mit jüngeren Männern). Perfide ist sie zudem, weil sie die alte Vorstellung perpetuiert, dass Frauen die Hauptverantwortung für die Fortpflanzung haben. Die „biologische Uhr“ tickt weniger biologisch, als ideologisch.

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2016)

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