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Schafft mir endlich das L wieder her!

WILHELM SINKOVICZ (Die Presse)

Keine Sporter, keine Künster, warum dann, bitte schön, Wissenschafter?

Unbescheiden, wie ich bin, hätte ich an den Geehrten einen Wunsch: Mit Wendelin Schmidt-Dengler wurde einer der beliebtesten Universitätsprofessoren des Landes ausgezeichnet. Und weil er Germanist ist, hätte ich mir erträumt, er würde zumindest mit einem charmanten Seitenhieb darauf verweisen, doch lieber zum „Wissenschaftler“ als, wie es ausdrücklich hieß, zum „Wissenschafter des Jahres“ gekürt worden zu sein.

Ein kleines L wäre so viel Aufhebens wert? Mich ärgert sein Fortfall im offiziösen Sprachgebrauch seit langem. Haben die Herren und Damen von der Universität Angst davor, mit den Bettlern in einen Topf geworden zu werden oder, Gott behüte, mit Burschenschaftlern?

Zumindest sind sie doch die Vermittler der Weisheit – und, mögen sie dank Immobilienbesitz möglicherweise nebenher auch als Vermieter fungieren, so sind sie jedenfalls doch keine Vermitter. Nicht einmal Sporter, auch wenn sie das sommerliche Laufen wie das winterliche Schifahren so ernst nehmen wie Forschung und Lehre, weil beides, klug dosiert, der Gesundheit zuträglich sein mag.

Warum also Wissenschafter? Weil, spitzfindiges Argument, der gute Adalbert Stifter das Wort einmal verwendet hat, gleich am Beginn seines „Nachsommers“, also zu einem Zeitpunkt, wo selbst der ungeduldigste Bildungsbeflissene das Erbauungsbüchlein noch nicht zornerfüllt in die nächste Ecke geworfen hat. Weil dieser Stiftersche Ausrutscher also möglicherweise entdeckt werden könnte, führe ich ihn hier an, um ihn als Ausnahme von der Regel stehen zu lassen. Kein Mensch sagt oder schreibt sonst freiwillig „Wissenschafter“, denke ich. Er oder sie tun es nur, von einem Korrektheitswahn geleitet, der höhere Berufe von niedrigeren trennen will, mögen Künstler Künstler bleiben, getreu dem Motto: „Kinder hängt's die Wäsch' weg, die Komödianten kommen“.

Derselbe Wahn lässt in einer Art Sprachentnazifizierung seit längerer Zeit deutschsprachige Ortsnamen zwanghaft verschweigen. Kaum jemand hat zum Beispiel erfahren, dass 2007 Hermannstadt Kulturhauptstadt Europas war und überdies Gastgeberstadt einer großen ökumenischen Versammlung – denn in sämtlichen Berichten war ausschließlich von Sibiu die Rede; wie ja auch jeder korrekte Zeitgenosse deutscher Zunge längst nicht mehr nach Pressburg, sondern nach Bratislava fährt und wohl demnächst nach Praha und Brno pilgern wird, um die kakanische Vergangenheit oder die Realität tschechischer Bierbrauerkunst zu studieren.

Kein Italiener, um das abzuschließen, käme bis dato aber auf die Idee, zu Silvester nach Wien oder zu den Festspielen nach Salzburg zu fahren. Sie fahren nach Vienna und Salisburgo – und sind deshalb doch keine Chauvinisten; oder doch? Der Zufall will es, dass in der Biografie Wendelin Schmidt-Denglers zu lesen steht, er sei 1942 in Zagreb geboren. Womit wir vielleicht am wunden Punkt rühren, der Menschen mit historischem Bewusstsein davor zurückschrecken lässt, just in Verbindung mit diesem Geburtsjahr den Namen Agram in den Mund zu nehmen. Aber vielleicht dürfen wir ihn trotzdem zum Wissenschaftler des Jahres machen?


wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2008)


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7 Kommentare
 
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Von artemis70 am 15.01.2008 um 14:26

mit oder ohne

Wenn Herr S.-D. nicht Wissenschafter ist, so könnte er vielleicht ein Forschler sein ;-)

Von heinz.pohl am 15.01.2008 um 11:51

Beides richtig

Es ist sowohl Wissenschafter als auch Wissenschaftler korrekt, jedoch in Österreich wird die Form ohne -l- bevorzugt. Auch die Burschenschafter und Gewerkschafter bevorzugen die l-lose Form, auch in Deutschland. Die l-Formen werden von vielen als abwertend empfunden. Bezüglich der Ortsnamen stimme ich aber zu, niemand fährt nach Milano oder Venezia, sondern alle fahren nach Mailand und Venedig. Ich sehe nicht ein, worum das für andere Länder und Sprachen nicht gelten soll.

Antworten Von Henriette Alt am 15.01.2008 um 16:22

Re: Beides richtig

Und erst die "Sporter" und die "Tischer"!

Antworten Antworten Von heinz.pohl am 15.01.2008 um 17:07

Re: Re: Beides richtig

"Beides richtig" gilt nur für -schaft-(l)er, selbstverständlich nicht für Tischler und Sportler.

Von Gast: Beethovens Sali am 14.01.2008 um 21:49

So einfach ist das nicht.

Bitte vor dem Schreiben im Grimm nachlesen, da läßt sich was zum Thema lernen. Aber wer braucht noch das L? - jetzt wo uns der Herr Redakteur das Wort "Fortfall" geschenkt hat!

Antworten Von Werwölfchen am 16.01.2008 um 18:58

Re: So einfach ist das nicht.

Da werden ja wieder wild Äpfel und Birnen miteinander vermischt. Natürlich gibt es keinen Tischer und Sporter. Die tischlern und sporteln ja auch. Aber wissenschafteln tut derweilen noch niemand.
Und so einsam steht der Wissenschafter auch wieder nicht da. Es gibt da immerhin noch Botschafter, Kundschafter und auch Burschenschafter und andere mehr.

Antworten Antworten Von GHS am 20.05.2008 um 10:19

Re: Re: So einfach ist das nicht.

und das Ganze, frei nach Weinheber, unter der Rubrik "meine Sorgen möcht' ich haben"...

 
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Wilhelm Sinkovicz, Wiener Musikenthusiast des Jahrgangs 1960, hat nach ausgiebigen Vorstudien auf den Stehplätzen von Musikverein und Staatsoper Komposition und Musikwissenschaft zu Ende gebracht (Dr. phil). Seit 1984 Musikkritiker der "Presse", unterrichtetet er überdies an den beiden Wiener Musik-Universitäten.

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