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Eines steht unbeschnitten fest: „Meine Vorhaut gehört mir!“

31.07.2012 | 18:34 |  PETER STRASSER (Die Presse)

Ich bin ein pragmatisiert philosophierender Hypochonder, der neuerdings unter Beschneidungsparanoia leidet.

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Jessas, bin ich ins Fettnäpfchen getreten! Jetzt stecke ich, unbeschnitten bis zum Hals, mittendrin. Denn das letzte Mal hatte ich die Chuzpe – ich wurde dafür mit Ausdrücken wie „Vorhautkiller“ und „Kerzlschlucker“ bedacht –, mich darüber auszulassen, was mir beinahe herausgerutscht wäre:

„Da ich gerade gelesen habe, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Österreich jährlich auf mindestens dreißig- bis vierzigtausend geschätzt wird, davon die meisten ohne medizinischen Grund, wollte mir schon herausrutschen: ,Besser beschnitten als abgetrieben!‘ Stattdessen behielt ich das mir fast Herausgerutschte für mich. Schließlich muss ich mich vor meinen kastrationsängstlichen Kollegen verantworten, die mir beschneidungskritisch intimieren, dass das eine mit dem anderen nicht vergleichbar und daher das mir fast Herausgerutschte ein ethisches No-go sei.“

Als ich, bei meinem beschnittenen Lieblingspsychiater auf der Erleichterungscouch, mich tränenüberströmt darüber beklagte, dass meine kastrationsängstlichen Kollegen, namentlich aus dem Lager der beschneidungskompetent Unbeschnittenen, mit ihren Exzellenzköpfen unwirsch wackeln (weil das eine mit dem anderen nicht vergleichbar und daher das mir fast Herausgerutschte ein ethisches No-go sei), da stellte mir mein Lieblingspsychiater die Frage, die er mir jedes Mal stellt, bevor er mir mitteilt, dass die heutige Stunde vorüber ist: „Und was denken Sie?“

Ha! Das werde ich gerade ihm, dem ich, ein bescheiden pragmatisierter Hypochonder, für läppische fünfzig Minuten dreihundert Euro zahle, auf die Nase binden, zumal ich, während ich tränenüberströmt von der Erleichterungscouch krabble und hinausstolpere, nicht genau weiß, was ich denken darf. Jawohl, darf. Denn ich leide neuerdings unter Beschneidungsparanoia. Und das hat seine Ursache! Hinter jedem Eck, so argwöhne ich, könnte mein Lieblingsurologe lauern, der, ein unbeschnittener Mittvierziger, alle seine Sechzig-plus-Patienten beschneiden möchte, um „das Feuchtgebiet da unten“ trockenzulegen.

Na danke vielmals. Doch was, so werde ich von meinen kastrationsängstlichen Kollegen – ganz zu schweigen von meinen, trotz chronischen Penisneids, gendergemainstreamten Kolleginnen – gefragt, hat das damit zu tun, dass bei uns fristengeregelt abgetrieben wird? Hier meine Antwort: Bitteschön, nichts! Weil, was sollten einige tausend aus religiösen Gründen ihrer Vorhäute entledigte Kindlein damit zu tun haben, dass zehntausende abgesaugt werden, bevor sie noch geboren wurden, und zwar aus durch und durch weltlichen Gründen? Nichts, bitteschön, nichts!

Was mir bestimmt nicht herausrutschen wird: Meine Antwort hört sich, jedenfalls für meine beschämten Ohren, opportunistisch an, klingt aber politisch korrekt, nicht wahr? Man soll eben von einem pragmatisierten Nervenschwachen, der die Fristenregelung als kleineres Übel stets bejaht hat, nicht zu viel verlangen. Sonst würde mir glatt herausrutschen, dass wir unsere Kälte gegenüber werdendem Leben durch eine hysterische Kritik der minderen Zumutung überspielen, die manch kleinem Erdenbürger aus seiner Kultur erwächst. Ja, sonst würde mir herausrutschen, dass unsere politische Korrektheit ein tiefsitzendes Schuldgefühl verdeckt... Das muss ich meinem Lieblingspsychiater erzählen, damit er auch was lernt hinter seiner dicht verschlossenen Tür – und, bitteschön, unhörbar für meine emanzipierte Kollegenschaft, die den Exzellenzslogan geprägt hat: „Meine Vorhaut gehört mir!“


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2012)

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20 Kommentare
Gast: undaus
06.08.2012 23:47
0 0

Genau

Genau: deswegen darf sie auch beschnitten werden.

Gast: nona
02.08.2012 21:02
3 2

Geseires

Lieber Peter Strasser,
hören'S doch endlich mit Ihrem Geschwurbel auf, das man höchstens acht Zeilen lang lesen kann.

Re: Geseires

Warum gerade "höchstens acht Zeilen"? Zahlenneurose? Angst vor der Sieben oder Neun? LG, ps

Antworten Antworten Gast: schlÄchter
03.08.2012 11:42
1 2

Re: Re: Geseires

sg herr strasser!
leicht les- und verstehbar ist ihr gastkommentar mmn leider trotz 2-fachem versuch wirklich nicht.

mfg
s.

p.s.: bin gegen beschneidungs- und abtreibungsverbote

Gast: pensionär
02.08.2012 09:18
4 0

Machts ka Geseires

Ein Doyen der Psychiatrie, Prof. Hans HOFF, sagte in einer Vorlesung in den 60ern:
Der Mensch am Ende des 20. Jhdts wird eine ORGANISIERTE NEUROSE sein.
Das wird wohl niemand bestreiten.
"Gegen die Dummheit ist kein Kräutlein gewachen" meinte schon Paracelsus.

Wie heißt es auf Jiddisch "Machts net wegn an Fliegenschiß a Geseires." Geht ja mit 15 a noch.

Verweigerts doch euren Frauen nicht den schöneren Verkehr mit Häutl!
Und: Reinigts den Pipi täglich mit Wasserstrahl.


Und meine gehört mir

Und die meiner Söhne meinen Söhnen um die ich mich nur beim Baden kümmere damit da unten nicht abfault bis sie das halt selber können.

Ich finde die Debatte des 21. jhdts. Unwürdig. Beschneidngen sollten ebenso wir Folter zur Vergangenheit gehören und als das gelten was sie sind. Ein von perversen duchgeführter Verstümmelungsvorgang an wehrlosen Kleinstkindern. Pervers. Hochgradig pervers. Slche Leute gehöhren hinter Gitter.

Re: Und meine gehört mir

Leider haben wir noch keine Gefängnisse für ca. 2.5 Milliarden Menschen...

Geht es mir nur um den "Witz"? Nein.
Es geht mir darum, dass wir ein wenig nachdenken und debattieren sollten, bevor wir Dinge verbieten, die Milliarden diskriminieren und kriminalisieren.

Bin ich für Beschneidungen?
Auch nicht.
Aber etwas zu verbieten, was offensichtlich keinen allzu großen Schaden zufügt, und worüber sich die Beschnittenen selbst am Wenigsten aufregen, halte ich für wenig zielführend.

Und: ich spreche hier von der männlichen Beschneidung.
Die weilbl. sehe ich, auf Grund der wesentlich krasseren Konsequenzen, wenn man von den seltenen Fällen der eher symbolischen weibl. Beschneidung absieht, doch sehr anders und verbietenswert.
Obwohl auch hier, vor allem in anderen Ländern, mit Aufklärung und Dialog wesentlich mehr erreicht wird.

Antworten Antworten Gast: dankee
06.08.2012 23:49
0 0

Re: Re: Und meine gehört mir

Danke fürs Hirn einschalten.

Pragmatisierte Nervenschwäche

Ich halte die mit dieser Diagnose verbundene Ironie im letzten Absatz günstigenfalls für eine Schutzmaßnahme, im ungünstigen Fall für Feigheit. Aber selbst durch die Ironie schimmert noch eine Wahrheit hindurch: "Sonst würde mir glatt herausrutschen, dass wir unsere Kälte gegenüber werdendem Leben durch eine hysterische Kritik der minderen Zumutung überspielen, die manch kleinem Erdenbürger aus seiner Kultur erwächst. Ja, sonst würde mir herausrutschen, dass unsere politische Korrektheit ein tiefsitzendes Schuldgefühl verdeckt... " Ich verstehe nicht, wie einem eine Pragmatisierung als politisch korrekter Philosoph wichtiger sein kann, als was Philosophie ohne die Fesseln dieser schädlichen Doktrin zu leisten vermöchte. Was ist das für eine Philosphie - eine für Décadents, für Blasierte, für Unreife, für Neurastheniker? Ich habe das folgende Zitat (Sie werden es sicher erkennen) ein wenig verändert, und "Moral" durch "politische Korrektheit" ersetzt:

"Hat man sich für die Abzeichen des Niedergangs ein Auge gemacht, so versteht man auch die politsche Korrektheit, – man versteht, was sich unter ihren heiligsten Namen und Werthformeln versteckt: das verarmte Leben, der Wille zum Ende, die grosse Müdigkeit. Politische Korrektheit verneint das Leben."

Re: Pragmatisierte Nervenschwäche

Könnten Sie das bitte so sagen, dass auch ich, ein bescheiden pragmatisierter Philosoph, es versteht? Meine Nerven! Und nerven Sie mich bitte nicht mit Nietzsche-Ratereien.
LG, ps

Leider läßt man mich hier nicht mehr antworten.


Re: Leider läßt man mich hier nicht mehr antworten.

Ich hab Ihre Replik auf meine Antwort gelesen , und zwar auf meinem Handy! Hier liegt wohl keine Zensur, sondern ein Systemproblem vor. Passiert übrigens nicht zum ersten Mal.

Senden Sie doch bitte Ihre Replik noch einmal, und zwar als Antwort auf diese meine Intervention hier.

Im Übrigen hat sich der Schreiber der Vorletzten Dinge - soweit mir erinnerlich - stets nur als "parteiloser Altsozialist" zu erkennen gegeben...

LG, ps

Systemproblem

Es war doch ein Systemproblem, allerdings kein technisches. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Möglicherweise bin ich paranoid, aber es gibt trotzdem eine Zensur bei der Presse.

Re: Systemproblem

Ich habe schon öfter völlig harmlose Komentare gesendet die auch nicht durchkamen. Ist ein Systemfehler!

Pragmatisierte Nervenschwäche 2.0

Nichts läge mir ferner, als einen pragmatisieren, laut Selbstbeschreibung sozialdemokratischen Beamten, also eine Obrigkeit, zu nerven; man weiß schließlich, wozu Obrigkeiten fähig sind. Außerdem gehe ich davon aus, daß Sie Zitate nicht erraten müssen, sondern sie kennen. Falls ich mich nicht direkt genug ausgedrückt habe, noch einmal: Ich würde Ihrem letzten Absatz, den ich zur Verdeutlichung weiter oben zitiert habe, auch dann beipflichten, wenn er ohne gespielte Koketterie mit einer Nervenschwäche und einer psychiatrischen Behandlung von Ihnen formuliert worden wäre. Ich gebe Ihnen also in jeder Hinsicht recht. Noch lieber wäre mir, Sie würden Ihre Gedanken ohne diese Dressings und Verbrämungen, mit denen Sie sich sicherheitshalber der politischen Korrektheit andienen, formulieren. Sie werden doch deswegen nicht gleich Ihren Job als sozialdemokratischer pragmatisierter Beamter verlieren, oder? Ich halte die Politische Korrektheit für ein Symptom des Niedergangs, und daß sie sehr gut anstelle des Wortes "Moral" verwendet werden kann - sie ist die aktuell gültige Moral - werden Sie nicht bestreiten können. Von Philosophen erwarte ich mir: Männerstolz vor Fürstenthronen. Wenn Sie tatsächlich sehr kleine Erdenbürger vor der Herzenskälte der schon vom Gesetz geschützten größeren Erdenbürger in Schutz nehmen wollen, dann wagen Sie es doch einfach. Oder haben Sie Angst vor der SJ?

Antworten Antworten Antworten Gast: Max Meier
03.08.2012 16:25
2 0

Re: Pragmatisierte Nervenschwäche 2.0

Glücklicherweise ist Ihre Antwort jetzt doch hier zu lesen - und falls die Zensur auch am Freitagnachmittag noch mitliest - ich möchte so etwas lesen, denn anders als in gewissen Postings in ihrem Blatt, ist die Replik anständig formuliert, durchdacht, diskussionswürdig und in keiner Form beleidigend.

Re: Re: Pragmatisierte Nervenschwäche 2.0

Ja, Franziska Malatestas Formulierungen sind pipifein, warum rückt diese begabte Person nicht einfach mit ihrer wahren Identität heraus - oder tut sie das eh?
Was den Schreiber der Vorletzten Dinge betrifft, so hat er sich nicht nur als „parteiloser Altsozialist“ bekannt – so einer wird sich vor der SJ fürchten, ha! –, sondern beklagt sich zum wiederholten Mal über die „Herzenskälte“ unserer Gesellschaft gegenüber den "sehr kleinen Erdenbürgern".
LG, ps

Re: Re: Re: Pragmatisierte Nervenschwäche 2.0

Nein, Franziska Malatesta ist nicht mein richtiger Name, sondern eine Figur aus der Divina Commedia, Francesca da Rimini, geborene da Polenta, Ehefrau des Giovanni Malatesta, die wegen Ehebruchs von ihrem Mann ermordet wurde und im Inferno schmachtet. Schon daraus geht hervor, wes Geistes Kind ich bin: eine Romantikerin. Ich hätte keine Probleme, meinen richtigen Namen zu veröffentlichen, denn ich stehe zu meinen Meinungen; ich tue es nur aus einem einzigen Grund nicht: Ich möchte nicht, daß meine Gegner, besonders die aus dem Standard und noch viel mehr meine Gegnerinnen aus "dieStandard" - dort habe ich ausschließlich veritable Feindinnen - , meine Privatadresse herausfinden.

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: zensurzensurwaaaah
06.08.2012 23:54
0 1

Re: Re: Re: Re: Pragmatisierte Nervenschwäche 2.0

Also doch eine sie... ja, Frauen sind emotionaler: "Zensur! Zensur! Waaah!"

Kinderl.


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