„Aber das trauen Sie sich sicher nicht zu schreiben!“

...dass nämlich auch unser „oberster Staberlschwinger“ der Pflege des abgeschmacktesten Kulturbürgerhumors frönt.

Das trauen Sie sich sicher nicht zu schreiben“, schreibt mir Prof. Karl Maria Meise aus 1010 Wien, Träger des Tonkunstspaßmacherordens mit Tschinellen und Zimbeln, seines Zeichens der letzte imperiale k.u.k. Tonkunstspaßmacher. Während ihm – es ist eine Kulturschande – als „Ausgedinge“ ein lichtloses Kammerl im Keller der Wiener Staatsoper zugewiesen wurde, soll ein sogenannter Künstlergarderobenhumorist, das heißt, „ein typischer Vertreter des typisch gepflegt abgeschmackten (oder abgeschmackt gepflegten) Kulturbürgerhumors“ einst im Sacher neben der Oper residiert haben.

Obwohl ein ganz Süßer aus alter Tradition – die wahrhaft gepflegte k.u.k. Tortenkultur ist sein legitimes Geschmacksrevier –, verzichte er, Prof. Meise, angesichts des grassierenden Spaßmacherelends gerne auf ein Humoristenlogis im Sachertortenparadies. Denn der Kulturbürgerhumor sei ja nichts weiter als eine Facette der Kulturabgeschmacktheit überhaupt, worunter etwa das Rauchen „gepflegter“ Zigarren aus einer der letzten kommunistischen Diktaturen ebenso falle wie das Verkosten „gepflegter“ Jahrgänge aus dem Kürbiskernölland hinterm Semmering. Er, Prof. Meise, hingegen halte sein – dem wahrhaft gepflegten Tonkunstspaß gewidmetes – Leben von solchen Abgeschmacktheiten frei.

Na schön, was könnte es denn nun sein, das ich mich sicher nicht zu schreiben traue? („...weil, wenn Sie das schreiben, gibt es für Sie kein nächstes Mal im notorischen E-Musik-Intrigantenstadl Österreich.“) Kurz gesagt: Laut Prof. Meise traue ich mich sicher nicht zu schreiben, dass der „oberste Staberlschwinger“ der Wiener Staatsoper sich der Kulturbürgerhumorpflege auf Künstlergarderobenniveau verschrieben hat, und wie!

Kein Zufall, so Prof. Meise, dass dem Maestro bereits von den Londoner Philharmonikern, die er eine Zeitlang herumdirigierte, der Spitzname „Frankly Worse than Most“ (FWM) verliehen wurde. Jedenfalls trafen die Londoner den Kern der Sache besser als FWMs klammheimliche Feinde hierzulande – wer traut sich denn bei uns offen seine Meinung zu sagen, na...? –, die ihn seines angeblich anämischen Humors wegen mit dem Madame Tussauds'schen Epitheton ornans „Wachsgesicht“ schmückten.

Zu Unrecht, findet Prof. Meise, denn FWM frönte erst jüngst, beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, im Zuge des Abspielens der Strauß'schen Klamaukvariationen über den Kinderliedklassiker „Ein Hund kam in die Küche“, dem denkbar abgeschmacktesten Kulturbürgerhumor geradezu ausgelassen. FWM verteilte unter den Wiener Philharmonikern scheußliche Stofftiere. Anschließend setzte er sich, zur gepflegten Abgeschmacktheitskrönung, sogar eine Chefkochmütze aufs Chefdirigentenhaupt. Dazu wurde ihm von seinem ersten Geiger ein Kochlöffel gereicht, um damit den Strauß'schen Hund, der in die Küche kommt, mit ungelenk umrührenden Bewegungen zu traktieren, was laut Prof. Meise heißen sollte: „Hier wird der nächste Wiener Musikeintopf zusammengerührt!“ Ganz schön abgeschmackt, oder?

Überhaupt sollte laut Prof. Meise die ganze Nobelneujahrsmischpoche, die jedes Jahr zum Radetzkymarsch übermütig in die Hände klatscht (klatsch-klatsch-klátsch, klatsch-klatsch-klátsch, klatsch-klatsch-klátsch, klatsch-klátsch), verpflichtet werden, sich bei ihrer Kulturbürgerabgeschmacktheit in unserem abgeschmackten Kulturpflege-TV selber zuzuschauen. Dann würde ihr das Klatschen rasch vergehen! „Aber das trauen Sie sich nicht zu schreiben, sicher nicht!“


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2013)

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