Die irreführenden Argumente des Professor Kotrschal

JÖRG AURICH (Die Presse)

Jeder medizinische Eingriff kann Nebenwirkungen haben. Dies gilt für die Kastration, mehr noch aber für deren Unterlassung.

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Seit der Mensch Tiere domestiziert, greift er auch in deren Fortpflanzung ein. Bei Hunden und Katzen, aber auch bei vielen Zootieren steht oft die Kontrazeption, also die Verhinderung von Trächtigkeiten, im Vordergrund.

Damit wird vor allem vermieden, dass zu viele Jungtiere geboren werden, die dann keinen geeigneten Platz finden. Professor Kurt Kotrschal hat in der „Presse“ zuletzt zwei Mal (am 21.8. und 4.9.) einseitig wenige Aspekte des komplexen Themas Kontrazeption bei Hunden aufgegriffen. Dass hierbei ein schiefes Bild entstanden ist, ist nicht verwunderlich.

Die von ihm kritisierte „Frühkastration“ von Hunden im Welpenalter wird in der europäischen Tiermedizin ohnehin kritisch gesehen und in Österreich weder empfohlen noch in größerem Ausmaß praktiziert. Irreführend ist es jedoch, wenn mit Kritik an der Frühkastration die chirurgische Kontrazeption bei Tieren insgesamt infrage gestellt wird.

Jeder medizinische Eingriff kann Nebenwirkungen haben. Dies gilt für die Kastration, aber noch mehr für deren Unterlassung. Bei nicht kastrierten Hunden ist ein erhöhtes Risiko für Erkrankungen der Geschlechtsorgane offensichtlich. Darüber hinaus stehen sowohl Tiermediziner als auch Hundehalter immer wieder vor der Notwendigkeit, die unerwünschte Trächtigkeit einer Hündin abzutreiben, denn das Schicksal unerwünschter Welpen ist meist ein weit größeres Problem als seltene Nebenwirkungen einer Trächtigkeitsverhütung.

 

Erlaubte Fortpflanzungskontrolle

Genau darum erlaubt das Tierschutzgesetz ausdrücklich chirurgische Eingriffe zur Fortpflanzungskontrolle bei Tieren – auch und gerade bei Hunden. Die Argumentation von Prof. Kotrschal gegenüber der Vetmed-Uni Wien, Trächtigkeiten bei Hunden wären durch entsprechende Aufsicht des Tierhalters leicht vermeidbar, ist wohl ähnlich zielführend wie die Idee, das Problem ungewollter Schwangerschaften beim Menschen allein durch schärfere Aufsicht aus der Welt zu schaffen.

 

Permanentes Abwägen

Ob der Mensch in das Leben seiner Haustiere eingreifen darf, ist weniger eine medizinische als vielmehr eine philosophische Frage. Von der Situation ihrer wilden Vorfahren hat sich die Haltung von Hunden, Katzen, Pferden und Nutztieren weit entfernt. Gerade die Tiermedizin setzt sich heutzutage für eine Tierhaltung ein, die möglichst viel artgemäßes Verhalten erlaubt.

Man kann jeden Eingriff in das Leben von Tieren ethisch fragwürdig finden. Und man kann jede medizinische Kontrazeption als Veränderung des natürlichen Hormonhaushalts beim Tier – und ebenso auch beim Menschen – grundsätzlich ablehnen. Sonderlich realistisch ist das nicht.

Tierärzte arbeiten dagegen täglich für den Tierschutz in der real existierenden Welt. Und das erfordert stets ein Abwägen zwischen Vor- und Nachteilen. Die von Professor Kotrschal hinterfragte Hightech-Medizin bei Hunden hat gerade für die Kontrazeption das Spektrum der Möglichkeiten erheblich erweitert.

Die Operationstechniken sind weniger invasiv und damit wesentlich weniger belastend für das Tier geworden. Neben chirurgischen Eingriffen gibt es seit Kurzem auch gut verträgliche Medikamente zur Trächtigkeitsverhütung. Tiermediziner – darunter auch die von Kotrschal besonders ins Visier genommenen jungen Universitätsabsolventen – drängen keineswegs immer zur Operation, sondern treffen eine begründete Auswahl unter den verfügbaren Methoden – im Interesse des Tieres ebenso wie seiner Besitzer.

Prof. Dr. Jörg Aurich, Abteilung Geburtshilfe, Gynäkologie und Andrologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2012)

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