20.06.2013 12:07 Merkliste 0

Was an der gegenwärtigen Burn-out-Welle alles nervt

KURT OBERMÜLNER (Die Presse)

Gesellschaftliche Umbrüche, die zu einem Anstieg von Verunsicherung und auch Erkrankungen führten, gab es auch früher schon.

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Die Burn-out-Epidemie hat schon wieder zwei prominente Opfer gefordert: Oberösterreichs Grünen-Chef Rudi Anschober und die Schweizer Nationalrätin Natalie Rickli müssen Auszeiten nehmen, da sie sich maßlos überarbeitet haben.

Kaum ein Tag vergeht inzwischen ohne Burn-out-Meldungen in den Medien. Regelmäßig finden Tagungen und Kongresse statt, die sich dem Thema des beruflichen Ausbrennens widmen. Eine Therapieeinrichtung nach der anderen erweitert ihr Angebot für die Heldinnen und Helden der Arbeit.

Gutmenschen wettern gegen die gierigen Neoliberalen, die am Burn-out der Ausgebeuteten schuld sein sollen. Der Bestseller-Autor und Psychiater Dr. Manfred Lütz wiederum hat in seinem soeben erschienenen Buch „Bluff“ sein „Burn-out-Burn-out“ geoutet. In wunderbar polemischer Art zeigt er auf, wie unverantwortliche Pseudo-Experten Ratgebermist produzieren und mit hochtrabend klingenden Banalitäten viel Geld kassieren. Lütz betont die psychologische Normalität von existenziellen Krisen und Erschöpfungszuständen nach entsprechenden Ereignissen, die aber mitunter belastender sein können, als so manche psychische Störung.

 

Geschäftemacher, Gutmenschen

Ärgerlich an der Burn-out-Welle ist nicht unbedingt, dass manche Experten ein Geschäft machen möchten. Wenn Einrichtungen hilfreiche Angebote organisieren, sollen sie ruhig viel verdienen. Es ist auch auszuhalten, wenn sich Gutmenschen mit untauglichen Aktivitäten einbringen, wenngleich die – in Anlehnung an die 1921 vom sozialkritischen Pädagogen Siegfried Bernfeld so bezeichnete – bizarre Tantenhaftigkeit, die Dankbarkeit für ihre unfruchtbare Hilfe erwartet, schon recht nervt.

Wirklich ärgerlich ist, dass sich durch das Marktgeschrei und die Betroffenheitssuderei wirklich Bedürftige mitunter nicht bemerkbar machen können und ernsthafte Überlegungen und Bemühungen von Experten zum Umgang mit Stressphänomenen kaum wahrgenommen werden. Immer wieder gab und gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die zu einem Anstieg von Verunsicherung und damit verbundenen Befindensbeeinträchtigungen bis hin zu Erkrankungen führten – und dazu passend gab es auch verschiedene Erklärungen und Diagnosen.

So beschrieb etwa Franz Carl Müller im Jahr 1893 im „Handbuch der Neurasthenie“ die Entwicklungen, die zu der damaligen starken Zunahme von Erkrankungen führten, mit folgenden – heutigen Beschreibungen sehr ähnlichen – Worten: „Seit bald 50 Jahren, also kurz nach den Ereignissen des Jahres 1848, ist ein ungeahnter Fortschritt auf allen Gebieten wahrnehmbar: Die Verkehrsmittel sind in einer Weise verändert, wie sie sich ein am Anfang unseres Jahrhunderts lebender Mann nie hätte träumen lassen; der Telegraph, das Telephon wurde erfunden, die allgemeine Wehrpflicht und der Schulzwang eingeführt. Wozu man früher acht Tage brauchte, das erledigt man jetzt in 24 Stunden. Kein Wunder, dass sich unser Gehirn erst daran gewöhnen muss, denn die veränderten oder vielmehr beschleunigten Lebensverhältnisse stellen eben andere Anforderungen an uns.“

Müllers Kollege, Rudolph von Hösslin, verwies im selben Buch auf weitere Ursachen, die heute ebenso im Mittelpunkt stehen: „Der Kummer, die Sorge, die Nichterfüllung gehegter Wünsche, der unbefriedigte Ehrgeiz, Kränkungen im Beruf, die Einsicht, daß die verfügbaren Arbeitsmittel den Anforderungen nicht genügen – das alles sind in der Entstehungsgeschichte der Neurasthenie häufige Gelegenheitsursachen.“

Auch Konkurrenzverhalten und Anspruchsdenken finden übereinstimmende Bewertungen: „Diese Berufsneurasthenie wird mit der Zunahme der Concurrenz und der gesteigerten Lebensansprüche immer weitere Kreise erfassen.“

 

Wiederkehrendes Phänomen

Es ist schon ein bedenkenswertes Phänomen, dass es immer wieder sehr verbreitete Häufungen von psychischen Erkrankungen gegeben hat, die immer auch mit kulturellen und gesellschaftlichen Umbrüchen einhergingen. Im Laufe der Zeit wurden „Krankheiten“ wie etwa Hysterie, Nervosität, Melancholie, Neurasthenie, neurotischer Ermüdungszustand, Übermüdungspsychom, Vegetative Dystonie oder Übermüdungspanik diagnostiziert.

Selbstverständlich gab es immer Abgrenzungs- und Überschneidungsdiskussionen, was einzelne Symptome oder Ursachen anlangte. Nun aber so zu tun, als ob Herbert Freudenberger, der ähnliche psychosoziale Erscheinungen mit dem neuen Begriff „Burn-out“ in den 1970er-Jahren bekannt machte, ein neuartiges Phänomen entdeckt hätte, ist schlichtweg Unsinn.

Wir befinden uns offensichtlich wieder einmal in einer gesellschaftlichen Umbruchszeit, die viele Menschen verunsichert. Hochleistungsvorstellungen und die dazugehörigen Versagensängste wuchern in allen Lebensbereichen.

 

Anpassungskrisen des Subjekts

Wer dann noch fürchten muss, dass der Betrieb dem globalen Wettbewerb nicht standhält, der Job verloren gehen könnte, oder sich mit bösartigen Vorgesetzten und Kollegen herumschlagen muss, ist natürlich sehr gefährdet, sich aufzureiben. Zu bedenken ist auch, dass Menschen sehr unterschiedliche Möglichkeiten besitzen, mit Belastungen umzugehen.

Unsere heutige Leistungsideologie scheint davon auszugehen, dass praktisch jeder Mensch bei entsprechender Motivation Hochleistungen erbringen kann – was natürlich Unsinn ist. Andererseits bringen selbst Kollegen untereinander vielfach kein Verständnis mehr auf, wenn es um die Integration leistungsschwächerer oder schwierigerer Menschen geht.

Mitte der 1960er-Jahre hat der Paläo-Anthropologe Rudolf Bilz zu Neurasthenie und Vegetativer Dystonie gemeint, dass es sich dabei nicht um Krankheiten handelt, sondern um Anpassungskrisen des Subjekts, aus denen allerdings Krankheiten entstehen können. Das trifft ebenso auf Burn-out zu. Die vielen Umfragen zum Thema Burn-out belegen, dass sich viele Menschen in Anpassungskrisen befinden und Unterstützung brauchen, um ihre Arbeitsplätze ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten anpassen zu können.

 

Flexiblere Modelle

Dazu benötigen wir allseits bekannte Maßnahmen wie die Einführung flexiblerer Arbeitszeit- und Entlohnungsmodelle und entsprechende Unterstützung durch Fachkräfte. Neben diesen umfassenden gesellschaftlichen, politischen und betrieblichen Herausforderungen dürfen wir selbstverständlich nicht auf diejenigen vergessen, die infolge psychischer Erkrankungen nicht in der Lage sind, ihren Job in gewohnter Weise auszuüben.

Einmal mehr ist zu fordern, dass notwendige Psychotherapie von den Krankenkassen bezahlt und engagierter gegen noch immer vorhandene Stigmatisierungsprobleme – auch in der Arbeitswelt – vorgegangen wird.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Kurt Obermülner (*15.3.1961) MAS ist Brandmeister bei der Berufsfeuerwehr Wien. Er ist Vorsitzender der Fraktion Christlicher Gewerkschafter/innen in der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten – Kunst, Medien, Sport, freie Berufe (Landesgruppe Wien). Absolvierte Universitätslehrgang Mediation und Konfliktmanagement. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2012)

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12 Kommentare

Der Autor Kurt Obermülner ist Brandmeister bei der Berufsfeuerwehr Wien

und damit einer der bestgebetteten Wiener im Beamtenstand. So ein Berufsalltag bei der Wiener Berufsfeuerwehr läßt viel Zeit zum Nachdenken. Ob der beamtete Herr Brandmeister überhaupt eine Vorstellung von der Arbeitswelt "draussen" hat bezweifle ich stark. Und wenn, dann hat er diese von den Erzählungen seiner Christgewerkschafter, die wiederum vornehmlich den Beamtenstand vertreten. Dass heute viele Menschen sich ausgebrannt fühlen, liegt zu einem großen Teil an deren privaten Herausforderungen, wie Patchworkfamilien, Mehrfachscheidungen, nicht finanzierbaren Alimentenforderungen daraus, Finanzproblemen aus Zweitauto, Zweitwohnsitz, Handyrechnungen usw. All diese Probleme werden in die Betriebe hineingetragen, können dort aber nicht gelöst werden. Und dann ist die böse Arbeitswelt schuld. Lieber Brandmeister, schön, dass Du Deine Kolummne in der Presse hast. Vielleicht kommt einmal etwas wirklich Brennendes. Dann bitte schreib wieder.

Antworten Gast: Obermülner
28.09.2012 18:20
1 0

Re: Der Autor Kurt Obermülner ist Brandmeister bei der Berufsfeuerwehr Wien

Werter KommR. Ing. Wolfgang Maurer!*

Sie haben völlig richtig erkannt, dass ich als Brandmeister bei der Wiener Berufsfeuerwehr auch Bereitschaftsdienst versehe und ich deshalb viel Zeit mit Nachdenken verbringe. Ich habe aber auch 30 Jahre Dienste absolviert, in denen ich oftmals dort rein gegangen bin, wo andere raus gelaufen sind - ich spare mir die Aufzählung einzelner extrem belastender und gefährlicher Einsätze.
Als Gewerkschaftsfunktionär weiß ich aber auch, dass es in der Gemeinde Wien viele andere sehr herausfordernde Arbeiten gibt, die in gar nicht wenigen Fällen Kolleginnen und Kollegen massiv überfordern und mit Sicherheit zu etlichen Erkrankungen führen.
Dass es neben solchen Ursachen für die Burn-out-Welle auch andere gibt - und dass es ähnliche Konstellationen auch schon in der Vergangenheit gab, das war die Hauptaussage in meinem Gastkommentar.
Woher also Ihre Unzufriedenheit über meinen Kommentar kommt ist mir ein Rätsel. Vielleicht erklärt aber die abwertende Äußerung zu den Christgewerkschaftern und die Verwendung des Du-Wortes - obwohl wir uns nicht kennen, den eigentlichen Beweggrund. Möglicher Weise sollten Sie also die Kritik an "reflexhaftem Abqualifizieren" auch einmal an der eigenen Person üben.

Mit freundlichen Grüßen
Kurt Obermülner

* Den Namen von "wmaurer" habe ich aus der Printausgabe vom 28.09.2012, in der dieser Kommentar abgedruckt wurde.

Re: Sehr geehrter Herr Brandmeister Obermüllner


meine Botschaft aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung in diesem meinem Kommentar hieß, ...dass heute viele Menschen sich ausgebrannt fühlen, liegt zu einem großen Teil an deren privaten Herausforderungen, wie Patchworkfamilien,..... diese Probleme werden in die Betriebe hineingetragen, können dort aber nicht gelöst werden. Und dann ist die böse Arbeitswelt schuld...... gar nichts Abwertendes, weder Ihnen, noch den Christgewerkschaften gegenüber. Sollte so etwas in meinem pointiert formulierten Schlußwort so rübergekommen sein, , tut es mir leid. Sorry.

Antworten Antworten Antworten Gast: Obermülner
29.09.2012 01:08
0 0

Re: Re: Sehr geehrter Herr Brandmeister Obermüllner

Danke für die Klarstellung!

Sorry, aber tragen sie persönliche Animositäten nicht in aller Öffentlichkeit aus.

Der Artikel beleuchtet wohltuend anders und fernab der Therapeutenindustrie ein Zeitphänomen, deren Ursachen hier einfach aber gut differenziert wurden.

Re: Sorry,

aber ich sehe, dass Sie kritisches Hinterfragen jenseits politischer Mainstreams und jahrzehntelange Erfahrungen Anderer als persönliche Aninmositäten abzuqualifizieren versuchen. Es ist ein bekannter und beliebter Reflex und entsprechend einzuordnen.

Gast: Be-obachter
25.09.2012 21:15
4 1

Burn-out -

eine bequeme Entschuldigung, wenn man sich eine Auszeit gönnen will.

Antworten Gast: Micaela
25.09.2012 22:59
1 5

Re: Burn-out -

Burnout ist keine Ausrede, sondern eine Krankheit. Wenn man Grippe hat, bleibt man ja auch zu Hause, bloß dass diese schnell auskuriert ist. Der Leistungsdruck ist enorm, nicht nur in der Politik. Ich hatte das auch einmal und mußte mit meinem Studium 1 Semester pausieren - eine Folge der schlechten Arbeitsbedingungen an der Uni. Damals konnte ich nicht einmal eine Zeitung lesen und hatte sogar Probleme, das Haus zu verlassen.

Re: Re: Burn-out -

Warum sind dann die meisten Burn-Out Frühpensionierungen unter den Beamten zu finden, die ja im Schutze der Pragmatisierung von jedem rauhen Lüfterl geschützt sind. Burn out ist nur ein Schmäh, um Sozialleistungen (in diesem Fall Frühpension oder Krankenstände) abzuzocken, wenn sich kein nachweislicher klinischer Befund feststellen läßt. Jeder der unseren Sozialstaat nicht bis zum geht nicht mehr ausnützt, kommt sich heute ja schon als Idiot vor. Darum sehen die Burn Out Kandidaten das Ganze auch nicht als Abzocke, sondern als gerechten Anspruch, den sich halt anmelden u. einkassieren. Ähnlich wie die Billa Bonus Punkte.

Antworten Antworten Antworten Gast: Obermülner
28.09.2012 16:58
0 0

Re: Re: Re: Burn-out -

Werter ... !

Ich würde gerne die "Quelle" kennen lernen, aus der Sie erfahren haben, dass die meisten "Burn-out Frühpensionierungen" unter den Beamten zu finden sind - bitte geben Sie mir dazu einen näheren Hinweis.
Meines Wissens gibt es leider Beamtinnen und Beamte die an Stressfolgen erkrankt sind - was insbesondere bei besonders belastenden Berufen wie z.B. Pflege, Rettung, Kindergartenpädagogik oder Sozialarbeit vorkommt.
Ich hoffe aber, dass Sie hier keinen Pauschalvorwurf gegen Berufsgruppen gemeint haben.
Ich gestehe aber selbstverständlich zu, dass es in Einzelfällen auch Missbrauch gibt. Genau deshalb sollten wir uns bemühen, differenzierter auf dieses Phänomen zu schauen und geeignete Schritte zu setzen, um einerseits Personen mit psychischen Problemen adäquat zu unterstützen und andererseits Arbeitsbedingungen so zu organisieren, dass Menschen mit unterschiedlichem Leistungsvermögen in den Berufen gehalten werden können, ohne dass sie gesundheitliche Probleme bekommen.
Besonderes Augenmerk sollen wir auch darauf legen, dass Menschen nicht durch die problematische Verwendung des Burn-out-Begriffs Angst entwickeln, selbst zu erkranken - was bei einer solchen Modediagnose leider zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden kann.
Zynische Kritik und Abwertung sind aber bestimmt keine geeignete Möglichkeit, Fehlentwicklungen hintanzuhalten.

Mit freundlichen Grüßen
Kurt Obermülner

Antworten Antworten Gast: Mag. Bachler
26.09.2012 09:48
4 0

Re: Re: Burn-out -

Ich frage mich nur, wie wir das damals alles schaffen konnten: In Volksschulen ohne Schrei- und Kuschelecken, in Hauptschulen, wo mit dem Ende der Ferien zu Lernen begonnen und bis Beginn der Ferien auch durchgezogen wurde, in Handelsakademien mit drei Prüfungen in zwei Wochen, in Unis, wo wir nebenbei in zwei Jobs gearbeitet haben.....Unglaublich, wir müssen Übermenschen gewesen sein.

Re: Übermenschen ...

... sind wir immer noch.

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