Umerziehung im Denken

Gastkommentar. Kritik an Unterrichtsmaterialien zur Sexualerziehung ist nicht nur ein Elternrecht, sondern auch eine Elternpflicht.

Man stelle sich einmal vor: Der katholischen Kirche wäre es durch hochgeheime Intrigen gelungen, das Unterrichtsministerium dazu zu bringen, eine Aufklärungsbroschüre für Schulen herzustellen, in der als einziger Weg der Familienplanung die natürliche Empfängnisregelung angegeben wäre.

Ein Aufschrei würde durch das Land gehen, man würde über Ideologisierung schimpfen und darüber, dass hier eine kleine Gruppe der Mehrheit ihre eigene Sicht der Wirklichkeit aufdrücken wolle.

So abwegig? Was ist von einer Aufklärungsbroschüre zu halten, in der die klassische, heterosexuell ausgerichtete Form der Vater-Mutter-Kind-Familie praktisch total ausgeklammert wird, in Formulierungen entweder als lästig-überholtes Bild, das sich „hartnäckig hält“ beschrieben oder an anderer Stelle die heterosexuelle Beziehung gleich von der lesbischen bzw. schwulen abgeleitet wird? Ist angesichts der Tatsache, dass immer noch 79 Prozent der Kinder unter 15 Jahren in Österreich in „Erstfamilien“, das heißt bei ihrem eigenen Vater und ihrer eigenen Mutter aufwachsen, diese Behandlung der Vater-Mutter-Kind-Familie wirklich angemessen? Natürlich sollen auch alle anderen Formen von Zusammenleben respektvoll behandelt werden, aber sicher nicht auf Kosten der weltweit bewährten und am weitesten verbreiteten Form.


„Primäre Aufgabe der Eltern“

Natürlich hat die Broschüre auch viele gute Passagen, die ich bedenkenlos unterschreiben würde. Doch in diesen sehr zentralen Punkten wird man irgendwie den Verdacht nicht ganz los, dass hier eine Art „Umerziehung im Denken“ stattfinden soll – eine Umerziehung, von der ich nicht sicher bin, ob die Mehrheit der Menschen sie so wünscht.

Als Vater von sechs Kindern muss ich zudem Irritation anmelden, wenn kritische Anfrage an die Broschüre seitens diverser Fachleute, Verbände oder auch besorgter Eltern in den Medien automatisch als Zeichen von rückwärtsgewandter Prüderie abgestempelt wird. Wir Eltern leben im 21. Jahrhundert. Wir tragen Verantwortung und nehmen sie ernst. Wir schreien auch nicht „Huch“, wenn irgendwo das Wort „Penis“ steht.

Ja, Aufklärung ist gut und sinnvoll; ja, sie muss heute früher denn je ansetzen, weil Sexualität und auch Pornografie viel früher auf Kinder einprasseln. Aber Kritik an Unterrichtsmaterialien ist nicht nur Elternrecht, sondern auch Elternpflicht, zumal bei einem doch sehr tief gehenden Thema wie der Entwicklung der Sexualität. Nicht umsonst schreibt das Unterrichtsministerium selbst im Grundsatzerlass „Sexualerziehung in den Schulen“: „Sexualerziehung ist die primäre Aufgabe der Eltern/Erziehungsberechtigten“. Da dürfen und müssen wir uns einmischen.

Wie schrieb eine Kommentatorin einer Tageszeitung über ihre Wünsche an so eine Broschüre? „Sie sollte die vorhandene Realität abbilden, ohne ideologisch gefärbte So-muss-das-sein-Klischees.“ Das wäre dann ein guter Beginn für eine Überarbeitung.

Dr. Eduard Habsburg-Lothringen ist Autor, Drehbuchautor und seit 2009 Medienreferent von Bischof Klaus Küng/St. Pölten.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2012)

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