Vom Wert der Werte: Plädoyer für ein Pflichtfach „Staatskunde“

Gastkommentar. Warum es sinnvoll ist, zu wissen, auf welchen grundlegenden Werten unsere freien europäischen Gesellschaften beruhen.

Erst kürzlich ließ Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz mit der Aussage aufhorchen, ein zusätzliches Pflichtfach „Staatskunde“ müsse her. „Ich sehe einen großen Bedarf an Wertevermittlung. Viele, die hier geboren sind, haben dennoch wenig Bezug zu diesem Land“, so Kurz, der mit diesem Statement das Kernproblem bei der Integration aufzeigt.

Österreich ist ein Einwanderungsland. Es gibt auf der Welt Staatssysteme, deren Werte nicht mit den in unserer Verfassung festgelegten Prinzipien von Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit vereinbar sind, und ein gewisser Prozentsatz der Zugezogenen stammt aus solchen Systemen.


Rationalismus und Säkularität

In der westlichen Welt leben wir heute in einem humanistischen Wertesystem, in dem das Wohlergehen des Menschen im Mittelpunkt steht. Der Einzelne soll frei sein von willkürlicher Behandlung durch staatliche oder religiöse Institutionen. Ganz im Gegensatz zu einem in vieler Hinsicht inhumanen Weltbild, wie es etwa in Europa im Mittelalter gegeben war.

Die grundlegenden Werte, die unsere immensen persönlichen Freiheiten und Rechte hervorbrachten, erkennt man klar, wenn man die Entwicklungen verfolgt, die uns vom mittelalterlichen Weltbild zu unserem modernen neuzeitlichen Weltbild geführt haben.

Unser heutiges humanistisches Denken wurde neu eingeleitet durch die Zeit des Renaissance-Humanismus, der auf dem Bildungsideal der klassischen Antike gründet. Dieses zeichnet sich durch das Bewusstsein für die Würde des Menschen aus. Darauf aufbauend erhob sich in der Phase des Klassischen Rationalismus die Fähigkeit der menschlichen Vernunft zur letztendlichen Entscheidungsquelle – auch bekannt als Rationalität. Im Zeitalter der Aufklärung wurde die Vernunft auf immer mehr Lebensbereiche angewandt, was schließlich zur Trennung von Kirche und Staat führte (Säkularität).

Der Durchbruch zur modernen Rechtsstaatlichkeit gelang durch die Französische Revolution, deren Akteure auf eine gerechte Verfassung drängten. Die sich zunehmend entwickelnden Grundrechte des Einzelnen bildeten die Basis, von der aus der Bürger es wagte, von seinem Herrscher ein Mitbestimmungsrecht einzufordern. Daraus entstanden die ersten Demokratien Europas.

Die demokratische Weltsicht gipfelte in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – zum ersten Mal sollen die gleichen Rechte für alle Menschen weltweit gelten.


Sechs Werte als Fundament

Diese sechs Werte bilden das Fundament unserer freien, demokratischen Gesellschaften in Europa. Ihre Verwirklichung führte uns schrittweise in eine aufgeklärte Welt. Für ihre Umsetzung haben mutige Menschen gekämpft, eine mögliche Festnahme und Folter riskiert, oder sogar mit ihrem Leben bezahlt.

Und doch: Welchem Österreicher geht das Herz auf, wenn er das Wort „Rationalität“ liest? Wie viele Österreicher sind feierlich ergriffen, weil sie in einem „säkularen“ Staat leben dürfen? Es handelt sich hier nicht um die Ignoranz des allgemeinen Bürgers. Vielmehr wird die enorme Bedeutung dieser grundlegenden europäischen Werte der Bevölkerung während der gesamten Schullaufbahn nicht ausreichend näher gebracht.


Europa vor dem Scheideweg

Rationalität bedeutet, dass ich nicht strafrechtlich verfolgt werden kann, weil ich Darwins Evolutionstheorie sinnvoll finde. Säkularität bedeutet, dass ich nichts zu befürchten habe, wenn ich aus der Kirche austrete oder die Religion wechsle.

Das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit bedeutet: Es gibt eine festgelegte, objektive Rechtsordnung, die es mir ermöglicht, mein Leben innerhalb gewisser Grenzen frei zu bestimmen. Das ist etwas ganz anderes als eine willkürliche Rechtsprechung, die den Einzelnen nach Belieben kriminalisieren kann. Und schon gewinnen diese abstrakten Begriffe Bedeutung für das eigene Leben.

Wie steht es um die Zukunft unseres Wertesystems?

Mit der demografisch rasant wachsenden Bevölkerungsgruppe der Muslime in Europa, die ihr eigenes Wertesystem mitbringen, welches keine der sechs oben beschriebenen Entwicklungsschritte durchlaufen hat, steht Europa vor dem Scheideweg. Entweder gelingt es uns, den Mehrheitsislam zu einem liberalen Islam umzuwandeln, der diese sechs Werte mit uns teilt, oder wir werden uns in naher Zukunft mit dem massiven Konfliktpotenzial einer wachsenden Parallelgesellschaft konfrontiert sehen.


Keine Demokratie an den Schulen?

Amer Albayati, Islamexperte und Mitbegründer der Initiative Liberaler Muslime Österreich (Ilmö), antwortete auf die Frage, ob der Mehrheitsislam in Europa mit Demokratie und Rechtsstaat vereinbar sei: „Nein. Nur wir Liberale stehen bedingungslos zum Rechtsstaat, zu Demokratie, Frauenrechten, der Trennung von Staat und Religion sowie der Ablehnung der Scharia.“

Darüber hinaus betont Albayati, dass die älteren Muslime in nicht demokratischen Gesellschaften aufgewachsen seien und die Jüngeren folglich zwischen den Werten einer Demokratie, die ihnen in der Schule vermittelt werden, und den patriarchalen Normen ihrer Elternhäuser schwanken und die Orientierung verlieren würden. Zusätzlich problematisch wird die Situation, wenn diesen jungen Menschen sogar im Unterricht an den Schulen ein verfassungswidriges Werteverständnis vermittelt wird: Zu Beginn des Jahres 2009 sorgte in Österreich eine Islamlehrerstudie für Aufregung. Die Studienautoren kamen zu dem Schluss, dass fast jeder vierte islamische Religionslehrer die Ansicht vertritt, Islam und Demokratie seien unvereinbar.


Kulturelle Vielfalt ist willkommen

Der Vorstoß von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz, ein eigenes Schulfach „Staatskunde“ einzuführen, ist vernünftig und weitblickend. Besonderes Augenmerk müsste auf die Vermittlung der sechs grundlegenden Werte gelegt werden, die die Eckpfeiler einer gelungenen Integration darstellen.

Jegliche kulturelle Vielfalt ist willkommen, die sich innerhalb dieses Rahmens bewegt. Wenn alle Mitglieder der Gesellschaft nach diesen Rahmenbedingungen leben, spielt es keine Rolle mehr, ob man Christ, Muslim oder Atheist ist. Wenn uns das nicht gelingt, sind die gesellschaftlichen Perspektiven aufgrund der demografischen Entwicklung alles andere als erfreulich. Die Geschichte hat gezeigt, dass ein Wertesystem wie das unsere auch durch ein anderes ausgetauscht werden kann. Wenn uns die Werte unserer Gesellschaft, die in Europa erfolgreich entwickelt wurden, am Herzen liegen, müssen wir uns für sie einsetzen.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Person

Anton Pototschnik(geboren 1980) ist Sprecher von teamfreiheit.info, einer ehrenamtlichen humanistischen Organisation, die sich für den Erhalt der Freiheiten in Europa einsetzt.

Anton Pototschnik ist Ko-Autor des Buches „Der Bauplan der Freiheit: Freie Gesellschaften wachsen nicht auf Bäumen!“ (2013). [teamfreiheit.info ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2013)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Kommentar zu Artikel:

Vom Wert der Werte: Plädoyer für ein Pflichtfach „Staatskunde“

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen