Conchita Wurst und die Macht der Performanz

Im derzeitigen Stimmungstief, in dem die Europäische Union steckt, scheint sich der Eurovision Song Contest als Patentlösung zur emotionalen Meisterung der europäischen Dissoziationsprobleme förmlich anzubieten.

Conchita Wurst hat es gezeigt – und das mit ihrem ganzen Körper: In Zeiten der Krise und der wachsenden europäischen Gegensätze gilt es – auch und gerade – für die Einzelnen, die Widersprüche in dieser Welt nicht zu verleugnen. Vielmehr gilt es, das, was einen betrifft, auf sich zu nehmen und öffentlich zu zeigen.

Paradigmatisch kann dafür der (alle gesellschaftlichen Sphären durchdringende) Geschlechtswiderspruch gelten, welcher in jener männlich-weiblichen Personalunion Conchita Wurst kongenial aufgehoben erscheint. So gelingt es Conchita Wurst, einen wesentlichen, wenn nicht sogar den gesellschaftlichen Grundwiderspruch zu verkörpern. Sie scheint ihn darüber hinaus sogar durch Inkorporation wieder aufzulösen.

Innerliches, ja inniges Vereinen der Geschlechter ist hier der nach außen weisende Weg für ein positives Denken und den dadurch erst möglichen gesellschaftlichen Erfolg. Das performative Selbst-Sein als ein mit sich vereintes Gesamtwesen ist (so scheint es jedenfalls), wenn schon nicht die Lösung, so doch die Losung für die Behandlung aller anstehenden Probleme in diesem Bereich.

 

Sektiererische Beschwörungen

Darüber hinaus aber könnte diese Haltung auch beispielgebend für die Handhabung sämtlicher Probleme von gesellschaftlicher Vereinigung gelten – und das heißt heute ganz besonders: für die der Europäischen Union. So weit die hier latent mitschwingende politische Vision.

Seit Jahren versucht die EU ihr ramponiertes Image bei den Bürgern aufzupolieren. Fern jeder tiefer reichenden politischen Existenzrechtfertigung – die bloß wirtschaftlich-pragmatische scheint nicht zu genügen – wurden und werden ganze Heere von Intellektuellen bemüht, um wenigstens kulturelle Übereinstimmungen in Europa ausfindig zu machen, diese dann hervorzuheben und schließlich tragfähige Gründungsmythen für ein vereintes Europa zu konstruieren.

Das aber wirkt einigermaßen gekünstelt und hat etwas Aufgesetztes an sich. Man könnte sogar von einem sektiererischen Beschwörungsverhalten sprechen. Und in der heißen Phase der Vorwahlzeit sind mehr denn je solche schönredenden „Zeugen Europas“ (ZDF, „Heute-Show“) unterwegs und versuchen Stimmung zu machen...

Natürlich, wenn man (sich) wenig zu sagen hat, empfiehlt es sich nicht gerade, den sachlichen, den konstativen, sondern vielmehr den charismatischen, den performativen Kräften zu vertrauen. Anstelle von Argumentation empfiehlt es sich, mit charismatischer Strahlkraft aufzutreten. Das kann im Extremfall sogar bedeuten, hymnisch zu singen.

Derart braucht es auch nicht zu verwundern, wenn man heute an allen Ecken und Enden (und aus allen Medien) mit Beethovens „An die Freude“ beschallt wird. Das allein aber wird als emotionale Inszenierung für die EU nicht genügen. Wer nämlich davon nicht (oder nicht mehr) hinreichend ergriffen wird, braucht etwas beeindruckend Neues.

 

Mehr Effekte, weniger Inhalte

In diesem Stimmungstief scheint sich der Eurovision Song Contest als Patentlösung zur emotionalen Meisterung der europäischen Dissoziationsprobleme förmlich anzubieten: In diesem Contest haben schon immer die pathetisch vorgetragenen und pompös in Szene gesetzten Lieder den Ton angegeben. Das hat auch in weiten Kreisen der Bevölkerung die Erregung von Erhabenheitsgefühlen nicht verfehlt, war aber doch einer raschen Abnützung unterworfen.

Im Bemühen, immer größere Effekte zu erzielen, wurden daher vor allem die optischen Inszenierungen (bis hin zu Pyrotechnik, Akrobatik und dgl.) intensiviert, was auch dem heute überall geforderten Eventcharakter entgegenkam.

Dass damit die Inhalte – soweit sie überhaupt erkennbar waren – auf der Strecke bleiben mussten, war immer schon klar. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesen wurde aber ohnehin nie erwartet und war im Sinne einer bloß oberflächlichen, einer mehr oder weniger konsenslosen Völkerverständigung auch gar nicht erwünscht. Dass dabei dennoch seit jeher – wenn auch meist in Form von Schablonen und Gemeinplätzen – so etwas wie Inhalte mittransportiert wurden, wird wohl erst jetzt, am derzeitigen Song Contest, deutlich erkennbar. Allerdings ist eine derartige Inhaltlichkeit, wie sie bei diesem Contest ausschlaggebend war, am wenigsten im Lied selbst ausgedrückt und an diesem festzumachen.

 

Das Lied als Beiwerk

Das Lied fungiert eher als Beiwerk im Rahmen der Darstellung. Vielmehr handelt es sich bei Conchita Wursts Auftritt um eine ganzkörperliche Demonstration, die als solche schon die gesellschaftliche Toleranz herausfordert und dadurch Juroren und Zuseher in die Pflicht nimmt, bevor sich diese noch (unvoreingenommen) mit der Qualität des Liedes auseinandersetzen können. Das mag die Musik in ihrem Stellenwert diskreditieren, es mag aber vielleicht auch – im Sinne der „guten politischen Sache“ – als verzeihlich anzusehen sein. So weit der politische Rahmen, der hier im Sinne einer gelungenen Demonstration gegen Homophobie genutzt werden konnte.

Dass mit dieser Demonstration schon der Weg aufgezeigt wäre, wie gesellschaftliche Problembearbeitung, und sei es auch nur in diesem speziellen Bereich, aussehen könnte, ist eine ebenso verführerische wie gefährliche Illusion. Eine Illusion, wie sie uns der Glaube an die Macht der Performativität beschert und die meint, auf konstativ entfaltbare Inhalte überhaupt verzichten zu können.

 

„Beim Barte der Prophetin“

Es ist also zu befürchten, dass der gelungene performative Erfolg nur wenig zu einer, den konkreten Kontexten Rechnung tragenden, differenzierten Analyse beitragen kann. Vielmehr besteht die Gefahr, dass hier symbiotische Lösungsfantasien über ein geschlechtlich imaginiertes Gesamtwesen (wie eingangs dargestellt) entstehen. Mit anderen Worten: „Wenn ich als Individuum ein (geschlechtliches) Ganzes sein kann, habe ich keine Probleme mit Partnerschaft und Begehren. Alle Urängste einer gesellschaftlichen Bedürftigkeit sind hier in nuce bewältigt“. So weit die unausgesprochene Illusion.

Dass diese Haltung aber geradewegs in die Falle des Narzissmus führen kann, wird durch die Vorstellung, „sich selbst zu genießen“, belegt. Jede tiefgreifende Auseinandersetzung mit den Ursachen wird damit blockiert.

Die Demonstration, die Performanz, ist alles und wird als selbsterklärend empfunden. Jedenfalls scheint der pathetisch-affirmative Charakter des Liedes „Rise Like a Phoenix“ in diese Richtung zu weisen. Er unterstreicht die monumentale Wirkung des Auftritts. Wie die EU lebt auch das Lied von einer „positiven“ Prophetie und hofft auf Erfüllung – das aber auf dem Wege einer neuen Autorität, einer Autorität „beim Barte der Prophetin“.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR



Peter Moeschl
ist Facharzt für Chirurgie und Kulturtheoretiker. Er war a.o. Univ.-Prof. an der Med.-Uni Wien und Vorstand der 2. Chirurgischen Abteilung der Krankenanstalt Rudolfstiftung in Wien.

Moeschl arbeitet und publiziert zu medizin-ethischen und biopolitischen Themen (unter anderem Sterbehilfe), weiters auf kunst- und kulturtheoretischem Gebiet, zur Kritischen Psychologie, Philosophie und der strukturalen Psychoanalyse. [ Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2014)

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