09.02.2010 23:38 | Meine Presse Merkliste0

Der Typus Polzer

MARTIN AMANSHAUSER (Die Presse)

Wortspenden des Amstetten-Ermittlers entblößen eine dubiose Denkungsart.

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Die Aufmerksamkeit, die das größte österreichische Verbrechen der Nachkriegszeit hervorruft, zog einen Beamten namens Oberst Polzer in die Weltöffentlichkeit. Die mediale Rolle passt ihm wie ein drei Nummern zu großer Anzug. Als Polzer erstmals Herrn F. charakterisierte, passierte ihm folgende Aussage: „Dieser Mann verfügt offensichtlich nicht nur über eine besondere sexuelle Potenz, sondern er war wohl sehr herrisch und bestimmend.“ Der „Potenz“-Verweis wurde weltweit belächelt – könnte man jemandem, der andere einsperrt, nicht eher eine gewisse Impotenz unterstellen?


Was hat Josef F. sich bitte „genehmigt“?

Seitdem setzt Oberst Polzer seine Medientour fort. Im „Kurier“ (4. Mai) analysiert er: „Herr F. hat immer schon dafür gesorgt, dass alles streng geheim abläuft. Schon lange, bevor er sich eine seiner Töchter ausgesucht und sich mit ihr dasselbe noch einmal genehmigt hat, was er schon mit seiner Frau durchlebt hatte.“ Nun, was hat F. „sich genehmigt“? Spricht der Oberst etwa von Geschlechtsverkehr? Und was genau („dasselbe“?) hat F. mit seiner Frau „durchlebt“? Statt seine Wertmaßstäbe nach außen sickern zu lassen, könnte Polzer Klartext reden, Themen für Hobbypsychologen gäbe es genug: Was man in Österreich irreführenderweise „Inzestdrama“ nennt, wurde international als Vergewaltigungs- und Missbrauchsdrama bekannt.

Polzer ist ein Typus: der unbestechliche, knochentrockene Ermittler, bei dem man meint, einem fleischgewordenen Bescheid gegenüber zu stehen; und trotzdem rutschen ihm pausenlos Wortspenden heraus, die einen zutiefst dubiosen Einblick in seine Denkungsart geben. Er spricht von „diesem Mann, der bei all seinen Straftaten ein Getriebener seiner sexuellen Energie war“. Schwingt da Schulterklopfen mit, ein Verteidigungsversuch? Sollte man nicht lieber die Psychologie Spezialisten überlassen? Der Oberst ermittelt jedoch unverdrossen in F.s Psyche weiter: „F. hatte offenbar den Wahn, seine erste Familie mit einer jungen, hübschen Frau noch einmal zu gründen“ („Heute“, 6. Mai) – sexuell entsetzlich arg getrieben, ganz so wie die Gründungsväter großer Dynastien?

Martin Amanshauser, Autor, zuletzt „Logbuch Welt“. www.amanshauser.at, Bestell-Info: www.diepresse.com/amanshauser, 01/51414-555.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2008)

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6 Kommentare
Gast: sprachlos
08.05.2008 18:59
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Strafe bei Verniedlichung von Delikten

Auch Strafe bei Verniedlichung von Delikten
Zitat aus dem Profil: "Über den Charakter des Täters und sein Verständnis der Gewaltbeziehung sagte Polzer: „Dieser Mann hat nicht nur über eine höhere sexuelle Potenz verfügt, er war auch herrisch.“ Er habe „seiner Tochter und Geliebten immer wieder Nahrungsmittel und Kleidung in diesen Keller gebracht“. Er habe seine Tochter „als neue Partnerin ausgewählt und mit einer neuen Beziehung ein neues Leben begonnen“.

Bin ja froh, dass wir, die keine Verbrechen (sprich "Liebschaften" im Polzerjargon) begehen, laut Polizei keine "höhere sexuelle Potenz" besitzen. Das ist sprachliche Verniedlichung eines Verbrechens und sollte geahndet werden wie etwa das Ableugnen des Holocaust.
Das sind sprachliche Verhaltensmuster und keine Ausrutscher und zeigen kein Mitgefühl für die Opfer. Wenn Sie angeblich keine Presseerfahrung, dann sollten Sie nicht ans Mikrofon stellen. Der Staatsanwalt ist normalerweise dafür zuständig.

Antworten Gast: kurt
08.05.2008 20:46
0 0

Sprachpolzer

Nein, der Mann ist mit 100kmh in die Sprachfalle gepolzt.

Gast: Don Quichote
08.05.2008 13:37
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Wenn sich ...

... Selbstdarstellungsbedürfnis mit rethorischer Inkompetenz verbündet, kann halt nur Peinlichkeit herauskommen - ein weiterer Wink mit dem Zaunpfahl für die Exekutive, endlich einmal eine großangelegte interne Qualitätskontrolle auf allen Ebenen in Angriff zu nehmen.

Ophicus
08.05.2008 09:41
0 0

Hmm

Sehr geehrter Herr Amanshauser!

Ich kann den Artikel nicht so ganz nachvollziehen. Dass die Wortmeldungen keine rethorischen Geniestreiche waren ist relativ offensichtlich. Ein besserer Umgang mit der Öffentlichkeit wäre wünschenswert. Soweit kann ich ihnen vollauf zustimmen.
Aber dann schreiben sie wieder solche Sätze:

"Schwingt da Schulterklopfen mit, ein Verteidigungsversuch?"

Wieso und warum sich dieser Beamte so unglücklich ausgedrückt hat kann man nicht so einfach aus dem Wortlaut ableiten. Hier etwas hineinzudeuten sind Unterstellungen, die jeder seriösen Grundlage entbehren.
Natürlich könnten sie stimmen, aber das wissen sie eben so wenig wie unsereins.
Ich darf in diesem Zusammenhang Martin Amanshauser zitieren:

"Sollte man nicht lieber die Psychologie Spezialisten überlassen?"

Danke, Martin Amanshauser

für diesen verständigen und notwendigen Kommentar!

Gast: Österreicher
07.05.2008 21:17
0 0

Nicht jeder sonst tüchtige Beamte ist als Presse-Sprecher geeignet.

Aus diesem Grunde kennen die meisten Behörden die Einrichtung eines Presse-Sprechers. Bei Fragen der Medienvertreter habe die Beamten der Diensstelle sich unter Hinweis auf das Amtsgeheimnis jeder Äußerung zu enthalten und auf den Pressesprecher zu verweisen.
Die pol. Ermittler hätten daher von vornherein die Kontaktstelle zur (internationalen) Presse von vornherein mit einem entspr. redegewandten und im Umgang mit den Medien erfahrenen Beamten besetzen sollen.

Aber auch die Medien sollten ein wenig Selbstkritik über. Sehr oft hat man den Eindruck, daß die Reporter vor Ort und in den Redaktionen ebenfalls "vom Tuten und Blasen" keine Ahnung haben. Es wird dann verantwortungslos daherfabuliert und ganz übersehen, daß es in jedem Land einen gesellschaftlichen Bodensatz von Unzufriedenen gibt, die jede Anschuldigung (und wenn sie noch so haltlos ist) gerne aufgreifen, um ihren Frust mit ihrem Leben Ausdruck zu geben (auch wenn sie am Mißerfolg selbst schuld sind)!

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