08.11.2009 09:05 | Meine Presse Merkliste0

Was Iran nicht darf, soll Indien dürfen

ALEXANDER KMENTT (Die Presse)

Der globalen nuklearen Abrüstung droht ein Desaster.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

In Wien findet derzeit ein Treffen der 45 Staaten der Nuclear Suppliers Group (NSG) statt. Zur Diskussion steht ein US-Vorschlag einer Ausnahmeregelung von NSG-Exportbeschränkungen für Indien. Nukleartechnologie und -material können dann nach Indien exportiert werden. Dahinter verbirgt sich eine politische Entscheidung von großer Tragweite. Experten warnen vor einem Desaster für globale nukleare Abrüstungsbemühungen.

Indien steht seit vierzig Jahren außerhalb des Abrüstungsregimes. Den Atomwaffensperrvertrag (NPT) von 1968 hat es nicht unterzeichnet; ebenso den Atomteststoppvertrag. Anders als die fünf im NPT anerkannten Nuklearwaffenstaaten, China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA, kam Indien mit der Entwicklung seiner Atomwaffen quasi zu spät. Sein Atomstatus wurde nie akzeptiert. Die NSG wurde 1974 auf Initiative der USA als Reaktion auf dem ersten Indischen Atomtest gegründet. Auch die Tests von Indien (und Pakistan) 1998 führten zu Verurteilungen durch den Sicherheitsrat.

Die USA begründen ihren abrupten Sinneswandel mit Indiens Nichtverbreitungsverhalten und der aufstrebenden Rolle der bevölkerungsreichsten Demokratie. Tatsächlich hat Indien, im Gegensatz zu Pakistan, einen „clean non-proliferation record“. Hinter dem Nukleardeal stehen aber klare Wirtschaftsinteressen. Indiens Wachstum ruft nach Energie und bietet lukrative Geschäfte. Die Nuklearkooperation ist aber auch Teil einer entstehenden strategischen Achse Washington–New Delhi. Aus US-Sicht spielt da wohl ebenso die Überlegung eine Rolle, ein strategisches Gegengewicht zu China aufzubauen. – Wo liegt nun das Problem des Nukleardeals?


Nuklearmacht ohne Spielregeln

Der Deal droht den NPT-Grundkonsens zu zerstören. Was Indien angeboten wird, steht seit Jahrzehnten nur Staaten offen, die sich an die Spielregeln, sprich den NPT, halten. Bis jetzt galt die Gleichung: keine Atomwaffen gegen zivile Nuklearkooperation. Die indische Gegenleistung für künftige Nuklearimporte beschränkt sich auf die Zusage, dies nur zu nicht-militärischen Zwecken zu verwenden. Die als zivil designierten Nuklearanlagen können von der Atombehörde inspiziert werden. Weitergehende rechtliche Abrüstungsverpflichtungen Indiens finden sich nicht. Das Resultat ist eine De-facto-Anerkennung Indiens als Nuklearmacht, ohne nennenswerte Konzessionen. Viele Kritiker des Deals sagen, die USA hätten sich von Indien über den Tisch ziehen lassen.

Wie wird die Reaktion jener Staaten ausfallen, die sich an die Verträge halten, wenn Intransigenz offenbar auf lange Sicht belohnt wird? Sind nicht all jene Staaten, die auch deshalb dem NPT beigetreten sind, um von Nuklearkooperation für zivile Zwecke zu profitieren, die Geprellten? Das Vertrauen in das ohnehin kränkelnde Regime wird nachhaltig erschüttert. Auch in der Debatte über das iranische Atomprogramm, immerhin NPT-Mitglied, ist dies kaum förderlich. Übrig bleibt die Erkenntnis, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Für die Glaubwürdigkeit des Abrüstungsregimes ist das ein Bärendienst, von der Gefahr einer neuen nuklearen Rüstungsspirale in Asien ganz zu schweigen.

Die Integration Indiens in das internationale Abrüstungsregime ist wichtig – doch nicht um den Preis von dessen Unterminierung. Die NSG-Ausnahme bedarf daher dringend der Korrektur, wie von Österreich und anderen Staaten gefordert. Vor allem die Einhaltung des Atomtestmoratoriums und der Stopp der Produktion von Atomwaffenmaterial sollten als Bedingung aufgenommen, Exporte von Anreicherungs- und Wiederaufbereitungstechnologie für den Bau von Atomwaffen explizit ausgenommen werden. Ohne diese Bedingungen wäre der Deal ein signifikanter Rückschlag für die globalen Abrüstungsbemühungen der letzten Jahrzehnte.

Alexander Kmentt ist karenzierter Abrüstungsexperte des Außenministeriums.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2008)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Mehr Gastkommentare:

Top-News

  • Fall Kampusch: Ermittlungen gegen Freund des Entführers
    Die Rolle von Ernst H. wird nochmals durchleuchet. Er war ein Freund des Kampusch-Entführers Wolfgang Priklopil. Es bestehe der Verdacht, dass H. an der Entführung "unter Umständen beteiligt war", sagt der zuständige Oberstaatsanwalt.
    US-Gesundheitsreform: Erster Erfolg für Obama
    Die Abgeordneten des Repräsentantenhauses entscheiden, die Vorlage des Präsidenten weiter zu erörtern. Auch in den Reihen der Demokraten war die Reform bis zuletzt umstritten.
    Mitterlehner: Kein neues Konjunkturpaket
    Sozialminister Hundstorfer hat ein neues Konjunkturpaket angeregt, Wirtschaftsminister Mitterlehner erteilt dem eine Absage. Bei der Konjunktur vertraut er dem "freien Spiel von Angebot und Nachfrage".
    Audimax-Besetzer kündigen Volksbegehren an
    Bis Februar soll das Bildungs-Volksbegehren auf die Beine gestellt werden, ein erster Entwurf soll am Montag präsentiert werden. ÖVP-Chef Pröll geht indes zum Angriff auf die Audimax-Besetzer über.
    Karstadt: Mitarbeiter verzichten auf 150 Millionen Euro
    Arbeitnehmer und Insolvenzverwalter einigen sich auf Eckpunkte für eine Sanierung der deutschen Warenhauskette: Die Mitarbeiter verzichten unter anderem auf Teile des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes.
  • Frühgeburt bei Wiener Schweinegrippe-Patientin
    Jene schwangere Patientin, die seit mehr als einer Woche auf der Intensivstation des Wiener Hanusch-Spitals liegt, hat am Freitag ihr Kind bekommen. Das Kind wird auf der Neonatologie betreut.
    Europäischer Filmpreis: "Das weiße Band" mehrfach nominiert
    Der Film von Michael Haneke hat Chancen auf den Titel "Europäischer Film" und "bestes Drehbuch". Haneke ist auch für den "Europäischen Regisseur" nominiert, sein Kameramann für den Kamerapreis.
    November 1989: Und dann fiel der erste Stein
    Sie haben auf unser Taxi mit Fäusten getrommelt und es hin und her geschaukelt. Wir fühlten uns wie in einem kleinen Boot bei hohem Seegang. Wie ich als ORF-Reporter im November 1989 den Fall der Mauer miterlebte.
    Wie das Handy die Welt verändert
    Die Entwicklungsländer erleben eine wahre Telekommunkationsrevolution: Menschen, die nie zuvor Zugang zu einem Telefon hatten, können nun sogar per Handy Bankgeschäfte erledigen und Rechnungen bezahlen.
    Die neuen Leiden der Studenten
    Der tägliche Kampf an den Unis: Zu wenige Plätze, schlechte Betreuung und verlorene Semester. Warum der Hochschulfrust steigt.
  • Fußball: Nun kritisiert Stranzl Constantini harsch
    Der Moskau-Legionär wirft dem Teamchef vor, mit zweierlei Maß zu messen und fordert ein ehrlicheres Spiel. Stranzl wurde ebenso wie Ivanschitz nicht für das Spanien-Länderspiel einberufen.
    Kalaschnikow: Das Instrument des einfachen Tötens
    Michail Timofejewitsch Kalaschnikow, Erfinder des berühmten Sturmgewehrs AK-47, feiert kommenden Dienstag seinen 90.Geburtstag. Der greise Konstrukteur sieht sich selbst als Mann des Friedens und der Freundschaft.
    Fußball: Mattersburg feiert schmeichelhaften Heimsieg
    Zum 4:1 gegen Kapfenberg reichten den Mattersburgern unterm Strich starke erste 15 Minuten und zwei Kontertore im Finish. Sie feiern damit nach drei Zu-Null-Niederlagen ihren ersten Sieg.
    Erste Hallen-Ski-EM: Österreich geht leer aus
    Der Franzose Jean-Baptiste Grange und die Slowakin Veronika Zuzulova siegen bei der ersten Hallen-Europameisterschaft im Slalom. Österreich muss sich bei Damen wie Herren mit Rang fünf begnügen.
    Musikantenstadl: Backstage in der heilen Welt
    Bald dreißig Jahre gibt es den Musikantenstadl. Das Harmonieversprechen findet ein Millionenpublikum. Sieben bis acht Prozent am österreichischen Musikmarkt machen Schlager- und Volksmusikgenres aus.