Islam in Österreich: Ein exotisiertes Objekt

Islam und Muslime existieren in der Landschaft des öffentlichen Diskurses meist nur als stumme Objekte, die ihre Nützlichkeit in Wahlkämpfen und parteipolitischen Streitigkeiten finden.

Ist der Islam mit den Werten der Aufklärung wie Demokratie und Menschenrechten vereinbar, und was bedeutet das für den Religionsunterricht an den österreichischen Schulen? Diese Fragen werden in der – hauptsächlich über die Medien ausgetragenen – aktuellen Debatte meiner bisherigen Wahrnehmung nach auf ihre administrative und schulpolitische Ebene reduziert. Es handelt sich aber nur um einen symptomatischen Aspekt der eigentlichen komplexeren Fragestellungen, nämlich: Welche islamischen Diskurse werden in unserem österreichisch-europäischen Kontext entwickelt und aktiv oder auch durch eine pragmatische passive Haltung gefördert?

Vorausschickend will ich aber noch entgegen allen kulturalistischen Sichtweisen feststellen, dass die Werte der Aufklärung universal sind und ihre Ansätze potenziell in allen Kulturkreisen zu finden sind. Durch historische Kenntnis wissen wir, dass Demokratie und Menschenrechte nicht genetisch bedingt Zustimmung und Verbreitung in Österreich und in Europa im Allgemeinen genießen; die Aufklärung ist vielmehr ein offener Prozess, der dauernd hervorzuheben und zu aktivieren ist. Das Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten ist kein „kulturgenetisches“ Erbgut und soll immer wieder vital gehalten werden und revitalisiert werden als Gegenentwurf zu Fanatismus, Rassismus und Faschismus, also Diskursformen, die immer wieder einen unbesetzten Raum und eine neue Inkarnation für ihre Neugründung suchen.

Es soll uns allen klar sein, dass die Aufklärung und ihre Werte von unserem ständigen Bemühen darum abhängen. Ob fanatische Haltungen, die sich im islamischen Kontext positionieren, oder faschistische Positionen, die sich aus dem eigenen europäischen österreichischen Kontext herleiten lassen: Beide sind als Warnzeichen wahrzunehmen, die unser Verständnis von Aufklärung schärfen sollen.


Aufklärerischer Diskurs unentbehrlich

Ich habe oft den Eindruck, trotz zahlreicher lebhafter Diskussionen und Debatten über die Diskurse der Aufklärung und ihre Werte, dass diese oft kulturalistisch und statisch geprägt sind, einen homogenen europäischen Kontext suggerieren und die aktuelle soziokulturelle Heterogenität – die eine Tatsache ist – ausblenden. Das führt dazu, dass diese Prozesse tatsächlich nur in gewohnten Diskursräumen geführt werden und andere kulturell heterogene Elemente nicht ernst genommen und zum Partizipieren gar nicht erst zugelassen werden. Die Muslime und der Islam als eine Manifestierungsform dieser Heterogenität der österreichischen gesellschaftlichen und kulturellen Realität werden meistens in einer Form als exotisiertes bzw. selbstexotisiertes Objekt und als „Ausnahmefall“ öffentlich wahrgenommen. Dadurch wird Muslimen das Gefühl vermittelt, in diesem Kontext kein aktives Subjekt zu sein. Denn Islam und Muslime existieren in der Landschaft des öffentlichen Diskurses praktisch überwiegend nur als stumme Objekte, die ihre Nützlichkeit in Wahlkämpfen und parteipolitischen Streitigkeiten oder Festivitäten finden.

Dieser Zustand der Ausblendung, die sich eigentlich von einer nicht tatsächlichen ernsten Anerkennung herleiten lässt, ermöglicht die Schaffung von Ersatzdiskursen in diesem österreichisch-islamischen Kontext. Es gibt a priori aber keine Garantien, dass diese abseits des öffentlichen Raumes entwickelten Diskurse in einer Kohärenz mit der Aufklärung und Säkularisierung stehen müssen (siehe dazu den von mir veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel: Der Euro-Islam als Migrationsphänomen und die Fragen der Moderne, der Identität, der Integration und des Säkularismus. In: Islam in Europa. Hrsg.: R. Heidrich-Blaha, M. Ley R. Lohlker. Favorita Papers 01/2007. Diplomatische Akademie Wien).

Der Boden für einen islamischen Aufklärungsdiskurs in unserem österreichischen Kontext ist meines Erachtens potenziell vorhanden, benötigt aber für seine Entfaltung fördernde strukturelle Voraussetzungen. Die Entwicklung eines solchen aufklärerischen islamischen Diskurses zeigt sich immer wieder als unentbehrliche Unternehmung; die Bewusstseinsbildung unter den Muslimen kann dabei die Aufgabe einer notwendigen diskursiven Infrastruktur erfüllen. Eine neotraditionalistische Islaminterpretation als Nährboden für ein fanatisches radikales Islamverständnis lässt sich durch das Fehlen dieses notwendigen Schrittes behaupten und den unbesetzten Diskursraum für sich beanspruchen und vereinnahmen.


Selbstkritik als Basis für Debatte

Die Aufrufe zur Reform, Kritik und Selbstkritik vor allem in der islamischen Diskurslandschaft in Österreich sollen gefördert werden und nicht bloß auf einer administrativen Ebene betrachtet und darauf reduziert werden. Ich hoffe, dass die aktuellen ziemlich emotionalisierten und polemisierten Debatten von ihren offensiv defensiven, oft parteipolitisch gefärbten Haltungen abrücken und sich zu einer nüchternen, grundlegenden, konstruktiven Diskussion entwickeln können.

Weder hysterisch aufhetzendes xenophobes Verhalten noch der bekannte Umgang mit Problemen, nämlich sie unter den Teppich zu kehren, und die Politik des Selbst-Schönredens schaffen wirkliche Lösungen zu den realen Problemen und führen zu umsetzbaren Alternativen. Die Fähigkeit, Selbstkritik zu üben und Kritik zu akzeptieren, bildet die Grundlage für eine konstruktive Diskussion und eine tief greifende, langfristig lösungsorientierte Auseinandersetzung.

Dr. Jameleddine Ben Abdeljelil ist Philosoph und Islamwissenschaftler an der Universität Wien und Mitglied der Initiative Muslimische Intellektuelle für die Aufklärung.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2009)

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