Arbeitslose: Die entwerteten Arbeiter

Arbeitslosigkeit versteht sich als soziale Degradierung und Deklassierung: „Ich bin nichts!“ „Aus mir wird nichts!“ „Es geht nichts!“ So wird es empfunden, so tritt es auf, so ist es tatsächlich. Die Angst wird zum vorrangigen Gefühl.

Arbeitslosigkeit ist historisch ein relativ junges Phänomen. In allen bekannten Gesellschaften gab es verelendete Gruppen und Personen, aber nicht in allen Gesellschaften gab es Arbeitslose. Sklaven und Leibeigene waren weder Arbeiter noch Arbeitslose. Arbeitslos, das sagt schon der Begriff, ist eng mit der Kategorie Arbeit verbunden, wie sie unselbstständig Erwerbstätige auszuüben haben.

Arbeitslosigkeit ist somit erst mit Lohnarbeit und Kapital entstanden. Erst wenn es freie Arbeiter gibt, gibt es auch freigesetzte Arbeitslose. Die betroffenen Personen können als potenzielle Arbeitskraftverkäufer bezeichnet werden, die ihren Gebrauchswert nicht verkaufen können, jedoch über kein anderes Produktionsmittel als ihre Arbeitskraft verfügen. In obligaten Statistiken scheinen sie allerdings nur dann auf, wenn sie Anrecht auf Arbeitslosengeld besitzen.

 

Eine strukturelle Größe

Der Arbeitslose wird durch den Arbeiter definiert. Aber ein Arbeiter, der seine Arbeitskraft nicht verkaufen kann, ist kein Arbeiter. Was ist er dann? Nun, er ist etwas im Konjunktiv. Er ist etwas, weil er etwas nicht ist, was er sein sollte. Arbeitslosigkeit ist Ausdruck der Misere der Arbeit. Arbeitslosigkeit gehört zur Arbeit. Die Unverdinglichkeit des Sich-zu-Verdingenden wird dabei offensichtlich. Und natürlich ist sie ein großes Problem, wenn das Verdingen höchste Pflicht ist.

Karl Marx schrieb: „Wachstum in der Anzahl der Fabrikarbeiter ist also bedingt durch proportionell viel rascheres Wachstum des in den Fabriken angelegten Gesamtkapitals. Dieser Prozess vollzieht sich aber nur innerhalb der Ebbe- und Flutperioden des industriellen Zyklus. Er wird zudem stets unterbrochen durch den technischen Fortschritt, der Arbeiter bald virtuell ersetzt, bald faktisch verdrängt. Dieser qualitative Wechsel im Maschinenbetrieb entfernt beständig Arbeiter aus der Fabrik oder verschließt ihr Tor dem neuen Rekrutenstrom, während die bloß quantitative Ausdehnung der Fabriken neben den Herausgeworfenen frische Kontingente verschlingt. Die Arbeiter werden so fortwährend repelliert und attrahiert, hin- und hergeschleudert, und dies bei beständigem Wechsel in Geschlecht, Alter und Geschick der Angeworbenen.“

Von struktureller Arbeitslosigkeit sprechen wir dann, wenn die Repulsion durch die Attraktion auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr in absehbarer Frist ausgeglichen werden kann, wenn das Angebot an Arbeitskräften stets und anhaltend größer ist als die Nachfrage.

Strukturelle Arbeitslosigkeit bedingt auch (anders als die friktionale, die konjunkturelle oder die saisonelle) den sukzessiven Zerfall des Klassenzusammenhangs und der geübten Solidarität, sei diese nun Folge von Wille, Einsicht oder auch Zwang. Arbeitslosigkeit zersetzt so auch die substanzielle Kraft jeder aktiven Arbeiterschaft.

„Der Verlust der Vollbeschäftigung erfolgte in den meisten Staaten des OECD-Raumes abrupt“, heißt es etwa in einer Studie über die Struktur der Arbeitslosigkeit aus dem Jahr 1987. Fest steht auch, dass nirgendwo mehr ein Status quo ante hergestellt werden konnte, Arbeitslosigkeit von einem Randphänomen zu einem Zentralproblem, also von einem akuten Affekt der Wirtschaft zu einem chronischen Effekt der Ökonomie wurde. Arbeitslosigkeit ist von einer konjunkturellen zu einer strukturellen Größe geworden.

 

Arbeit fördert Solidarität

Arbeit wie Arbeitslosigkeit definieren sich durch die Lohnarbeit. Einmal ist sie vorhanden und eingelöst, das andere Mal ist sie abwesend, aber doch bestimmend.

Wenn man Arbeit und Arbeitslosigkeit somit nicht als sich wechselseitig ausschließendes Gegensatzpaar hypostasiert, dann gilt der Tendenz nach zweifellos Folgendes: Arbeitslosigkeit konkurrenziert und atomisiert, während Arbeit konkurrenziert und solidarisiert. Arbeit ist nämlich auf Kooperation und Kommunikation angewiesen. Arbeit konstituiert nicht nur konkurrenzistische Subjekte, sondern fördert auch die Anteilnahme am anderen: Man hilft sich, erkundigt sich, unternimmt auch außerhalb der Arbeit gemeinsam etwas, lernt die anderen nicht nur als Arbeiter, sondern auch als Menschen mit vielfältigen Bedürfnissen kennen. Arbeitslosigkeit hingegen birgt dieses Potenzial kaum, man ist nicht aktiv, sondern erleidet etwas. Arbeitslosigkeit beherbergt so meist eine seltsame Art von Lethargie. Diese Lethargie sollte nicht mit Gelassenheit verwechselt werden.

Arbeitslos bedeutet also nicht, dass man ganz profan nichts zu tun hätte, sondern dass man keiner bezahlten Erwerbsarbeit nachgehen kann, obwohl man gerade diese benötigt, um den Lebensunterhalt zu sichern. Der Arbeiter, der nicht mehr Arbeiter ist, will Arbeiter sein, weil er Arbeiter sein muss.

Der Arbeitslose ist der eben nicht verwertbare Arbeiter, der seines gesellschaftlichen Marktstatus verlustig geht. Da er kein Verkäufer mehr ist, hört er auch auf, Käufer zu sein. Arbeitslos zu sein heißt, dass sich ein Warentausch (Arbeitskraft gegen Lohn) nicht oder nicht mehr vollziehen kann.

Der Arbeitslose ist der entwertete Arbeiter. Entwertet heißt immer auch entwürdigt. Eine Gesellschaft, deren Werte auf dem Wert basieren (die Verwandtschaft der Worte ist alles andere als zufällig!), erkennt im Arbeitslosen nicht nur einen Minderwertigen, sondern einen Nichtwertigen. Arbeitslosigkeit nichtet. Ökonomisch betrachtet sind Leute, die sich nicht rechnen, unnütz. Und immer mehr fallen die Schranken, sie nicht auch als Überflüssige zu verfolgen. Arbeitsmarkt und Politik behandeln Betroffene als Schadensfälle und Schädlinge.

 

Entwürdigt und verängstigt

Arbeitslos heißt wertlos. Erstens kann man sich nicht mehr verkaufen und daher nicht kaufen (oder nur sehr wenig), zweitens bedeutet das auch einen immensen Verlust an Würde und Akzeptanz. Der Begriff „erwerbslos“ macht es noch deutlicher, dass eins im kommerziellen Wettbewerb nicht mithalten und bestehen kann. Doch das ist die zentrale Anforderung an alle Mitglieder dieser Gesellschaft.

Arbeitslosigkeit versteht sich als soziale Nichtung, eben Degradierung und Deklassierung. Diese Deklassierung akzentuiert sich als umfassende Entsicherung. „Ich bin nichts!“ „Es geht nichts!“ „Aus mir wird nichts!“ So wird es empfunden, so tritt es auf, so ist es tatsächlich.

Angst wird zum vorrangigen, verdrängten, aber immer weniger verdrängbaren Gefühl: Angst um den Arbeitsplatz, Angst um die Aufträge, Angst um den Verlust der Sozialtransfers, Angst vor nicht getätigter bzw. nicht erhaltener Zahlung, Angst, das Niveau zu halten, Angst vor der Konkurrenzsituation, Angst vor den Ansprüchen von Partnern, Kindern, Verwandten, Nachbarn, Bekannten.

Alle stehen unter dem Druck der In-Wert-Setzung. Reell wie ideell. Sie macht Menschen zu rohen und gemeinen Wesen. Angst verdirbt das Leben, macht es bitter. Angst ist ein schlechter Geselle und Ratgeber. Sie erzwingt Anpassung, Unterwürfigkeit und Erniedrigung. Wir leben in einem System permanenter Ängstigung.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR




Dr. Franz Schandl
(geboren 1960 in Heidenreichstein) studierte Geschichte und Politikwissenschaft an der Universität Wien, lebt dort als Publizist. Zahlreiche wissenschaftliche und journalistische Veröffentlichungen im In- und Ausland. Herausgeber der Zeitschrift „Streifzüge“: www.streifzuege.org. [ Privat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2015)

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