Zurück zu den Labour-Wurzeln

Spannendes Rennen um die Parteiführerschaft: Shootingstar ist zurzeit der linksorientierte Jeremy Corbyn.

Die britische Labour-Partei verfügt mit Jeremy Corbyn über einen ungewöhnlichen Shootingstar – ein „Golden Oldie“, laut dem das Land viel von Karl Marx lernen kann. Sein Vorbild ist der ehemalige intellektuelle Sozialist Ralph Miliband, der Vater des früheren Labour-Parteichefs Ed Miliband, mit dem die Partei in diesem Jahr eine schändliche Niederlage erlitt.

Die Partei verlor nicht nur in Schottland an die Mitte-links-Partei der schottischen Nationalisten, sondern auch in ihren Hochburgen in England. Unter Ed Miliband war die Labour-Partei nicht in der Lage, der „Arbeiterklasse“ eine klare Botschaft mit einfachen Worten zu vermitteln. Kurz nachdem die Partei im Parlament dann auch noch den Vorschlägen der Konservativen zur Kürzung von Sozialleistungen zugestimmt hatte, besetzten die schottischen Nationalisten im Unterhaus Labour-Sitze und stellten sich als „wahre Opposition“ dar.

An der Wahl der Parteiführung kann sich jeder beteiligen, der drei Pfund für einen Mitgliedsausweis zahlt. So konnte die Labour-Partei seit Mai 100.000 Neuzugänge verzeichnen, darunter Tories, die in Corbyn den Totengräber der Labour-Partei sehen, sowie eine bunte Mischung von Kommunisten und auch jungen Menschen, die sich von der neuen Politik angesprochen fühlen.

 

Realitätsferne Politik

Corbyns Beliebtheit ist die Folge der Ernüchterung gegenüber der Westminster Bubble, dem Synonym für das britische Establishment und eine realitätsferne Politik. Der Vergleich des Phänomens Corbyn mit dem plötzlichen Aufschwung der britischen Unabhängigkeitspartei und Nigel Farage, der die Schlagzeilen im vergangenen Jahr dominierte, wurde bereits geäußert. Da derartige Aufsteiger aber meist so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind, spekulieren viele bereits, dass Corbyn – auch wenn er es im September an die Parteispitze schaffen wird – den Sitz nur so lang warmhalten wird, bis der wahre Parteiführer zurückkehrt, um die Wahlen im Jahr 2020 zu gewinnen. Es wird gemutmaßt, dass hierauf kein anderer wartet als ein anderer Sohn von Ralph Miliband: David Miliband, der im jüngsten Kampf um die Parteispitze eine herbe Niederlage gegen seinen Bruder Ed erlitten hat.

Das Interessante an Corbyn ist, dass er – sollte er gewählt werden – die Zeit nutzen könnte, um die Partei für seine linken Ansichten einzunehmen. Möglicherweise würde er sich für einen EU-Ausstieg aussprechen, wenn erneute Verhandlungen keine hinreichenden sozialen Reformen für Arbeiter in Europa vorsehen. Auch ein Verlust Schottlands dürfte die neue unorthodoxe Linie wohl kaum stören.

 

Die Fehler der 1980er-Jahre

Zahlreiche Stimmen behaupten, dass die Partei unter Corbyn die Fehler der frühen 1980er-Jahre wiederholen könnte, als eine Orientierung nach links viele Jahre Thatcherismus mit sich brachte. Damals war die allgemeine Stimmung jedoch von einer Haltung gegen die Gewerkschaften und das Chaos der 1970er-Jahre geprägt. Heute haben die Menschen von Kriegen genug, und die Entscheidung von Tony Blair zum Einmarsch in den Irak ist noch nicht vergessen. Der jüngste Skandal, bei dem ein Mitglied des Oberhauses und früherer Verbündeter von Blair angeblich beim Drogenkonsum mit Prostituierten erwischt wurde, hat wenig dazu beigetragen, das Image von Politikern im Land zu verbessern.

Die anderen Kandidaten um das Rennen der Pateiführerschaft wirken wie eine Reinkarnation von Politikberatern, die einen Arbeiter nicht erkennen würden, wenn sie ihm auf der Straße begegneten. Corbyn könnte die Antwort auf die Politikverdrossenheit sein und möglicherweise Erfolg haben.

Melanie Sully ist gebürtige Engländerin und Leiterin des in Wien ansässigen Instituts für Go-Governance.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2015)

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