Islam und westliche Demokratie – sind sie unvereinbar?

Replik. Die Verteidigung der Aufklärung kann nur in einem Geist der Aufklärung gelingen.

Christian Ortner hat erneut die Frage nach der Vereinbarkeit von Islam und westlicher Demokratie und Rechtsstaat gestellt („Presse“ vom 22. April). Nun stimmt es, dass islamische Traditionen die Trennung von Recht und Religion nicht kannten. Immerhin gab es aber bis heute pragmatische Ansätze, darauf zu verzichten, den Vorrang der Scharia konsequent durchzusetzen. Kemal Atatürks Türkei, die Emirate und das heutige Tunesien können vielleicht als Beispiele dienen.

Zweitens zeigen die Reformbewegungen in islamischen Gesellschaften, dass „säkulares Rechtsdenken auch im Horizont des Islams möglich ist“ (Heiner Bielefeldt). Der Blick auf den historischen Wandel und die intellektuellen Möglichkeiten in islamischen Gesellschaften wird oft durch einen Reduktionismus verstellt: durch die Auffassung nämlich, dass Entitäten wie „der Westen“ oder „der Islam“ Eigenschaften besitzen, die ihnen notwendigerweise zukommen.

Ortner zitiert den deutschen Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider, demzufolge „Demokratie, Gewaltenteilung, Opposition“ dem Islam „wesensfremd“ seien. Das sind aber Konstruktionen, die als solche hinterfragt werden müssen. Das letztlich metaphysische Denken in Wesenheiten führt zur Annahme, es gebe einen islamischen „Urzustand“, der von einem religiösen Urtext determiniert werde. Davon sind ironischerweise sowohl Islamisten und Jihadisten als auch islamkritische bzw. -feindliche Intellektuelle in Europa überzeugt.

Ignorierte Grundeinsichten

Bei Ortner ist in diesem Sinne vom Koran als „unverhandelbarem Referenzpunkt“ die Rede. Hier wird eine Grundeinsicht der Hermeneutik und vieler islamischer Theologen ignoriert: Bei jeder Koranlektüre findet eine Interpretation faktisch statt, ein Text „an sich“ ist uns Menschen nicht zugänglich. Es geht wahrscheinlich gar nicht um Koranexegese oder um den Faktor „Religion“, sondern es geht primär um kulturelle Faktoren und um Identität beziehungsweise Identitätssuche. Das betonen jedenfalls auch einige neuere Studien zum Jihadismus.

Maximale Forderungen

Besonders raffiniert ist die Strategie, an Muslime und Muslimas Maximalforderungen zu stellen: Um mit dem Grundgesetz und der Verfassung vereinbar zu sein, dürfe ihre Religion „die absolute Gleichheit der Rechte von Männern und Frauen“ nicht bestreiten und müsse „sexuelle Präferenzen“ achten.

Das erinnert an den Leitfaden des damals konservativ geführten Innenministeriums von Baden-Württemberg im Jahre 2006. Damals wurde die in der Mehrheitsgesellschaft auch nicht unumstrittene Gleichberechtigung von Homosexuellen zum Kriterium für die Einbürgerung von muslimischen Immigranten erhoben.

Heiner Bielefeldt meint, dass eine „Verteidigung der Aufklärung nur im Geiste der Aufklärung gelingen“ könne. Das bedeutet das Bemühen um differenziertes Denken und das Vermeiden von monokausalen Erklärungen, von Reduktionismen und unkritischen Verallgemeinerungen. Dazu gehört auch die Einsicht der Islamwissenschaft, dass es „den Islam“ nicht gibt.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir bei allen unseren teilweise durchaus berechtigten Ängsten vor islamistischem Terror, vor Islamisierung und unkontrollierter Einwanderung darauf vergessen, selbst jene Aufklärung – als Prozess des kritischen, also differenzierten Selberdenkens – zu praktizieren, auf die wir uns so gern berufen.

Univ.-Doz. Dr. Georg Cavallar ist Lehrbeauftragter an der Uni Wien und unterrichtet am Wiener Wasagymnasium. Sein nächstes Buchprojekt: „Islam, Aufklärung und Moderne. Ein Plädoyer für die erweiterte Denkungsart“.

E-Mails an: debatte@diepresse.com
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(Print-Ausgabe, 06.05.2016)

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