Die Sorge der Bischöfe vor dem Islam

Mediale Kontroverse um Willkommenskultur als Symptom für steigende Spannungen in der Kirche wegen Flucht und Migration.

Die Meinungsverschiedenheiten in der katholischen Kirche über den Umgang mit der Migrations- und Fluchtbewegung werden deutlich härter, die Bruchlinien treten schärfer hervor. Eine meinungsstarke und sich überlegen gebende (vermutete) Minderheit steht einer ratlosen, verunsicherten und schweigenden (vermuteten) Mehrheit gegenüber. Diese Konstellation findet sich auch in der Bischofskonferenz, in der freilich die Ereignisse dieses Sommers nicht ohne ernüchternde und aufschreckende Wirkung geblieben sind, vor allem, was die islamische Komponente des Problems betrifft.

Exemplarisch dafür ist eine mediale Kontroverse, die sich kürzlich in der katholischen Wochenzeitung „Die Furche“ abspielte. Deren Chefredakteur, Rudolf Mitlöhner, studierter Theologe und einer der klügsten Kommentatoren in der österreichischen Presse, dessen Leitartikel sich durch Milde in der Form, aber klare Bestimmtheit in der Sache auszeichnen (suaviter in modo, fortiter in re), schrieb an die Kirchen, vor allem natürlich an die katholische gerichtet: „Sie werden sich selbstkritisch fragen müssen, ob sie nicht aus falsch verstandener Nächstenliebe oder aus Naivität oder aus dem Bedürfnis, einmal auf der ,richtigen Seite‘ zu stehen, dem Vorschub geleistet haben, was als Willkommenskultur für jene Verwerfungen mitverantwortlich war, mit denen wir jetzt konfrontiert sind.“

Darauf hat der emeritierte Theologieprofessor Paul Zulehner in derselben Zeitung eine Replik erreicht, die er mit der Bemerkung beginnt, er wundere sich, dass der Text Mitlöhners in der „Furche“ überhaupt erscheinen durfte. Das ist typisch für die Geisteshaltung der Vertreter der politisch-theologischen Korrektheit: Meinungsfreiheit möchten sie nur für die „richtigen“, also ihre eigenen, Meinungen gelten lassen. Dass sein Gegenartikel erscheinen durfte, hält er für selbstverständlich, nicht jedoch, dass der Chefredakteur in der Zeitung, die er leitet, seine Meinung sagen darf. Zulehner versteht die Sache nicht als intellektuelle Austragung von Meinungsverschiedenheiten, sondern als Abrechnung mit Mitlöhner, zu dessen Richter er sich aufspielt.

Zulehner ist empört darüber, dass Mitlöhner das, was sich im vergangenen Herbst als Willkommenskultur inszeniert hat, in Frage stellt. Er möchte nicht wahrhaben, dass im Namen der Willkommenskultur, die er einfach mit Integration gleichsetzt, von September 2015 bis zum Frühjahr 2016 eine weitgehend unkontrollierte Masseneinwanderung stattgefunden hat, deren Folgen sich in diesem Jahr schon gezeigt haben. Die christliche Nächstenliebe gebietet es nicht, die Regeln des Rechts außer Kraft zu setzen. Es gibt bei der Migration eben nicht nur einen Push- sondern auch einen Pull-Faktor.

Mit dem modisch gewordenen Begriff vom Schutzsuchenden wird absichtlich die Unterscheidung zwischen Asylwerbern, Kriegsflüchtlingen und (Wirtschafts-)Migranten verwischt, ohne die es überhaupt keinen sachgerechten und rechtlich haltbaren Umgang mit den Phänomenen von Flucht und Migration geben kann. Der junge Mann, dessen in Frieden in Kabul lebende Familie beschließt, ihn um viel Geld nach Deutschland zu schicken, und wenn er die finanziellen Erwartungen nicht erfüllt, zurückholt und den nächsten Sohn schickt, ist dann ebenso ein Flüchtling wie die Frau mit Kindern, die es irgendwie aus Aleppo heraus bis nach Österreich geschafft hat.

 

Direktes Ziel von Attentätern

Während Zulehner noch seine Willkommenskultur beschwört, treibt andere Theologen und die Bischöfe offen die Sorge vor dem Islam und dem Terror in seinem Namen, vor allem seit deutlich sichtbar wird, dass das Christentum das direkte Ziel von Attentätern ist. Die bisherige Naivität ist einer erkennbaren Sorge gewichen. Das zu sagen, verfällt aber der Zensur der politisch-theologischen Korrektheit. Das musste der Erzbischof von Prag, Dominik Duka, erfahren. Die Redaktion der von der Tschechischen Bischofskonferenz herausgegebenen Wochenzeitung „Katolický týdeník“ weigerte sich, einen Artikel des Kardinals zu veröffentlichen, in dem er nach der Ermordung des französischen Priesters Jacques Hamel durch Islamisten zu mehr Vorsicht vor Muslimen mahnte.

Duka spricht von einer Bagatellisierung terroristischer Anschläge. Der Mord an einem Priester während einer Heiligen Messe sei ein „Memento für alle, die solche Taten lediglich Geisteskranken oder Frustrierten zuschreiben“ wollten. „Wer über die wahren Hintergründe schweigt oder lügt, trägt damit zum Selbstmord dieser unserer Zivilisation bei“, so der Prager Erzbischof.

Er wolle kein Gleichheitszeichen zwischen dem Islam und dem Terror setzen, schreibt Duka weiter, aber er warnt vor einer unvernünftigen Aufnahme von Flüchtlingen und vor Verständnis für Terroristen. Ich möchte in dieser Situation an alle Menschen guten Willens appellieren, mehr für die Opfer von Terror zu beten, als Ausflüchte und Entschuldigungen für Terroristen zu suchen.

Der einflussreiche Theologieprofessor Józef Niewiadomski aus Innsbruck bricht ein Tabu: „Menschen, die ihr Leben lang im Glauben gelebt haben, dass Gott das Töten von Menschen will und es auch mit dem Himmel belohnt, würden durch aufgeklärte, säkulare Sozialarbeiter in ihren Vorurteilen bloß bestätigt.“

„Asylberechtigt, ein Ausbildungsplatz in Aussicht und eine Pflegefamilie: Mehr kann der Staat für einen minderjährigen Flüchtling nicht machen.“ Und dann gehe derjenige auf ihm unbekannte Menschen los, „um die Ungläubigen zu töten“, formuliert Niewiadomski.

In der Eskalation des islamistischen Terrors werde seitens der säkularen Öffentlichkeit, durch Politiker und Kommentatoren „mantraartig wiederholt“, dass man vor allem Jugendlichen Perspektiven und soziale Sicherheit ermöglichen solle. Immer noch trauen sie sich nicht, den brisanten Punkt anzurühren: das religiöse Weltbild der Flüchtlinge.

Christoph Schönborn, Vorsitzender der Bischofskonferenz nimmt auch eine bemerkenswerte Kurskorrektur vor: „Ich habe in manchen Stellungnahmen an die früheren Flüchtlingsströme etwa aus Ungarn oder der damaligen Tschechoslowakei erinnert. Es gibt aber einen Unterschied: Diese Flüchtlinge waren alle Europäer, hatten ungefähr dieselbe Kultur, viele dieselbe Religion. Selbst die Integration der Bosnier, die vielfach Muslime waren, ist durch die kulturelle Gemeinsamkeit schneller gegangen. Jetzt haben wir es zu tun mit einer Zuwanderung aus dem Nahen Osten, aus Afrika, und da ist die kulturelle und religiöse Differenz sicher ein Faktor, der Sorge macht.“

Schönborn wird ungewohnt direkt: „Der Terror hat zurzeit ein islamisches Etikett. Jedenfalls sind es nicht Christen, Ex-Christen oder Menschen anderer Religionen. Es sind Muslime.“ Freilich dürfte der Kardinal irren, wenn er meint, das sei „ein großes Problem für den Islam, mit dem er sich auseinandersetzen muss“. In Wirklichkeit hat der Islam, jedenfalls soweit öffentlich sichtbar, kein Problem damit. Das Problem haben die Opfer und die westlichen Gesellschaften und Rechtssysteme.

DER AUTOR

Hans Winkler war langjähriger
Leiter der Wiener Redaktion der
„Kleinen Zeitung“.

Debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2016)

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