Viel Zoff mit einem surrealen Präsidenten

Mit einem Dekret wollte mir Donald Trump eine Religion zuweisen, zu der ich keine Beziehung habe. Und er wollte mich auch gleich noch zu einem Terroristen machen. Die US-Justiz hat den Wahnsinn – vorerst – gestoppt.

Zum ersten Mal stelle ich nun fest, ohne dass ich es vorher wusste, dass ich angeblich Muslim und Terrorist bin. Mir wollte der neue US-Präsident nicht mehr erlauben, nach Amerika einzureisen. Ein verrückter Staatspräsident will festlegen, wer Muslim und Terrorist ist und wer nicht. Das ist der größte Witz des 21. Jahrhunderts, wenn nicht gar aller Zeiten. Die amerikanische Justiz hat den Wahnsinn – vorerst – gestoppt.

Diese Woche wollte ich nach New York fliegen. Ich war spät dran, normalerweise besuche ich New York jedes Jahr im Dezember. Ich verbringe dort Neujahr und kehre Mitte Jänner wieder zurück, das ist in den letzten Jahren für mich so Tradition geworden.

Letztes Mal waren ich und meine gute Freundin zwei Monate in der Stadt, ich habe dort viele Freunde: Schriftsteller, Journalisten und UNO-Angestellte. Ich erinnere mich, dass wir letztes Mal in der Wohnung der dänisch-amerikanischen Schriftstellerin Janne Teller im Viertel Little Italy bis spät in die Nacht feierten und dänischen Punsch tranken.

 

Das Überraschungsdekret

Dieses Mal habe ich mich sogar mehr als sonst auf den Besuch gefreut, denn mein amerikanischer Übersetzer Peter Theroux (Bruder des bekannten Schriftstellers Paul Theroux), hat gerade die Übersetzung meines Romans „Engel des Südens“ fertig und damit ein wahres Marathonwerk von über 600 Seiten vollbracht. Das wollte ich mit ihm feiern und dabei gleich unser nächstes Projekt diskutieren, die Übersetzung meines neuen Romans „Saras Sünde“, der im Jänner 2018 in deutscher Übersetzung im Carl Hanser Verlag erscheinen soll.

In arabischer Sprache wird er dann noch nicht publiziert sein, denn kein arabischer Verlag wollte das Risiko auf sich nehmen (auf diese Geschichte werde ich bei anderer Gelegenheit noch einmal gesondert eingehen). Auf dem Programm stand auch der Besuch von Peters Literaturagenten Andrew Wylie, dem Roman und Übersetzung gefallen hatten und der plante, ihn in Zusammenarbeit mit dem Hanser-Literaturagenten Markus Hoffmann, den ich ebenfalls besuchen wollte, den amerikanischen Verlagen vorzustellen. All dies liegt nun auf Eis.

Der amerikanische Präsident Donald Trump saß noch keine Woche auf dem Thron, da hatte er schon überraschend ein Dekret erlassen, das den Bürgern von sieben Staaten, die seiner Meinung nach den Terrorismus fördern, die Einreise verbietet! Zwar besitze ich einen deutschen Pass, aber darin steht mein Geburtsort – und außerdem gibt es im Einreiseformular, das die Passagiere im Flugzeug auszufüllen haben – einen Punkt, unter dem Geburtsort und -land einzutragen sind.

 

Druck auf Irak von allen Seiten

Ich will Trumps Dekret nicht diskutieren, denn die Länder, die den Terrorismus fördern und ihn während der vergangenen Jahrzehnte in die Welt getragen haben, sind bekannt. Zwei Drittel der Attentäter vom 11. September 2011 stammten aus dem Königreich Saudiarabien (15), die übrigen aus den Emiraten (4), aus Ägypten (1) und Libanon (1). Der Irak und seine Bürger hingegen stehen von allen Seiten unter Druck: durch die USA; durch die irakischen Regierungen, die, ursprünglich am 9. April 2003 mit den amerikanischen Panzern in Bagdad eingedrungen, von da an eine die andere ablösten. Allesamt waren und sind sie korrupt und in der Praxis terroristisch und sitzen seitdem den Menschen im Nacken. Und schließlich Druck durch den Islamischen Staat. Welche Nachbarländer den gegründet und finanziert haben, kann Trump nicht unbekannt sein.

Von den übrigen sechs Ländern, die von Trumps Dekret betroffen sind, will ich nicht reden. Ihre Bürger sind wie die Iraker vor dem Terror geflohen, um nun durch Trump feststellen zu müssen, dass sie selbst Quelle des Terrors sein sollen.

Und als sollte der Surrealismus in Trumps vulgärem Sinne wiedergeboren werden, waren unter denen, die zunächst tagelang auf den Flughäfen hängenblieben, auch Hunderte von Christen – irakische und syrische. Einige von ihnen waren bereits als Einwanderer akzeptiert worden und mit einem Visum für die USA unterwegs. Auch zahlreiche Iraker waren darunter (einige von ihnen kenne ich), die in der US-Botschaft in Bagdad im Rahmen des „American Friends“-Programm ein Visum erhalten hatten. Sie alle wurden nun zum ersten Mal zwangsweise und zu ihrer eigenen Überraschung darauf gestoßen, dass sie Muslime sind – und Terroristen.

 

Was Primo Levi in Wien erfuhr

Primo Levi erzählte einmal in einem Interview, wie er erstmals feststellte, dass er Jude war. Als er nämlich eines Tages in einem Wiener Kaffeehaus saß, hörte er im Radio von einem Erlass Adolf Hitlers, der es Juden verbot, an öffentlichen Orten zu sitzen. Und ich? Vor 36 Jahren habe ich den Irak auf der Flucht vor Saddam Husseins Diktatur und vor seinem Krieg mit dem Iran verlassen. Ich fälschte damals die Hälfte meiner offiziellen Papiere – und wie durch ein Wunder kam ich schließlich in Deutschland an. Ich studierte an der Hamburger Universität, und 1982, während meines Studiums, lief mein irakischer Reisepass aus.

Als Fahnenflüchtiger und Opponent gegen die Baath-Diktatur, der ich war, hatte ich meine irakische Staatsbürgerschaft damals bereits verloren. Ich beantragte daraufhin politisches Asyl, und durch ein weiteres Wunder wurde es mir 1984 gewährt (zweimal hatte ich da schon in Abschiebehaft gesessen). Sieben Jahre lang galt ich als Staatenloser, und im März 1991 wurde mir die deutsche Staatsbürgerschaft zuerkannt.

 

Das Schicksal der Diktatoren

Seit 26 Jahren bin ich nun Deutscher, und wenn ich in den Irak reise, tue ich das mit einem von der irakischen Botschaft in Berlin ausgestellten Einreisevisum. Das letzte datiert auf den 16. November 2016. Und jetzt will ein Präsident mit höchst sonderbarem Auftreten namens Donald Trump diese meine Staatsbürgerschaft mit einem Federstrich zunichtemachen – jemand, der allem Anschein nach geistesgestört ist?

Trump will mir nicht nur eine Religion zuweisen, zu der ich keine Beziehung habe, sondern er will mich auch noch zum Terroristen machen. Trump also, der, auch wenn er gewählt worden ist, nicht ins Weiße Haus in Washington gehört, sondern irgendwo in eine Heilanstalt. Bestenfalls ist er ein Präsident, der es offenkundig darauf anlegt, alle früheren Diktatoren zu übertrumpfen.

Und wie Trump erst nach seinem diktatorischen Erlass erfuhr, dass es in Amerika Gerichte und eine Verfassung gibt, so ist ihm wohl auch nicht bewusst, dass alle früheren Diktatoren, zuvörderst derjenige, der Primo Levi gegen seinen Willen als Jude abstempelte, am Ende allesamt auf der Müllhalde der Geschichte gelandet sind – alle. Der amerikanische Präsident Donald Trump wird da keine Ausnahme machen.

 

DER AUTOR

Najem Wali (* 1956 in Basra) wurde vom Saddam Hussein-Regime verfolgt. Nach Ausbruch des Iran/Irak-Kriegs flüchtete er 1980 nach Deutschland. In Hamburg und Madrid studierte er deutsche und spanische Literatur. Er lebt in Berlin und schreibt Romane und Erzählungen; Mitglied des PEN-Clubs. Zuletzt erschien von ihm: „Bagdad – Erinnerungen an eine Weltstadt“ (Carl Hanser Verlag).

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2017)

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