Die neue Flapsigkeit - im Vatikan und in der Hofburg

Nicht nur Trump, auch andere provozieren. Oder meinen sie es ernst?

Papst Franziskus verglich vergangenen Sonntag die Flüchtlingslager in Griechenland mit Konzentrationslagern. Bundespräsident Alexander Van der Bellen sagte jüngst in einer Debatte zur Zukunft Europas: „Wir werden noch alle Frauen bitten müssen, Kopftuch zu tragen aus Solidarität mit jenen, die es aus religiösen Gründen tun.“

Beide Zitate verschlagen einem kurz den Atem, man liest die Quelle nach und ist erschüttert, dass es doch kein Witz, keine Fake News waren. Ist dies nur Teil einer Groteske, wie wir sie täglich in den unbedachten Wortmeldungen aus Washington, Ankara und Pjöngjang erleben können? Oder sind die Wortschöpfer allesamt von ihren Aussagen überzeugt?

Dann sollte der Papst kurz innehalten, eine Dokumentation zum Holocaust studieren und begreifen, dass in Griechenland die Flüchtlinge nicht gefoltert, zum Frondienst gezwungen und in Gaskammern vernichtet werden. Franziskus ist zwar für einige der kirchliche Superstar, aber seine Predigten lassen immer wieder auf Ignoranz und eine gefährliche Naivität schließen.

Und da er kein argentinischer Landpfarrer, sondern das Oberhaupt der katholischen Kirche ist, sollte er das Gewicht seiner Worte erfassen. Falls es seine persönliche Meinung ist, dass es in den Flüchtlingsunterkünften wie im KZ zugeht, dann ist dies bedenklich, doch möge er es für sich behalten.

 

Kein Kopftuchgebot im Koran

Alexander Van der Bellen wiederum wäre dringend ein Gespräch mit muslimischen Theologen zu empfehlen, die ihm erklären, dass der Koran kein religiöses Kopftuchgebot kennt. Auch ihm ist eine Filmdokumentation über Algerien zu empfehlen, die zeigt, wie Islamisten während des Krieges in den 1990er-Jahren die Gesichter von Frauen zerschnitten und verätzten, da sie unverschleiert mit dem Bus zur Arbeit fuhren. Vielleicht möchte er auch die Überlebenden des IS-Kalifats treffen, die berichten, wie sich Bürgermeister gegen europäische Dschihadisten wehrten, als diese die Frauen zur Verhüllung zwangen. Deutsche Konvertitinnen waren zeitweise als Sittenpolizei in Raqqa unterwegs, da die einheimischen Musliminnen den Schleier verweigerten.

Jene syrischen Männer, die Zivilcourage zeigten, wurden zur Abschreckung hingerichtet, ihre Leichen zur Schau gestellt, die Bevölkerung geknechtet.

 

„Unterwerfung“ in der Hofburg

Solidarität ist ein großes Wort, doch wem soll sie gelten? Den Tätern oder doch den Opfern? Der radikale Islamist, der die Aussage des Bundespräsidenten liest, lacht sich ins Fäustchen. Und Michel Houellebecq kann in der Wiener Hofburg Stoff für eine mögliche Fortsetzung seines Romans „Die Unterwerfung“ sammeln.

Mit flapsigen Worten zu provozieren ist das Recht der Jugend, auch des Wahlkämpfers. Doch einmal im Amt, noch dazu auf dem Heiligen Stuhl oder als oberster Repräsentant der Republik, ist der Amtsträger in ein protokollarisches und sprachliches Korsett gezwängt. Es ist dann eine Frage der Intelligenz und des Charakters, sich hierin Freiraum zu erarbeiten und moralische Autorität zu erlangen.

Eine klare Sprache zu finden anstatt Phrasen zu dreschen ist jedenfalls möglich, wie die Beispiele großer Staatsmänner im Stile eines Charles de Gaulle oder Winston Churchill zeigen. In der Hofburg residierten einst Habsburger, die Probleme benannten – aber mit Hausverstand und Stil, wie Maria Theresia. Und Papst Johannes Paul II. war der erste Medienpapst, aber eben einer mit schauspielerischer Ausbildung, der die Macht der Sprache verstand.

Dr. Karin Kneissl (geboren 1965 in Wien) ist
außenpolitische Expertin, Buchautorin
und Vizepräsidentin der Gesellschaft für Politisch-Strategische Studien.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2017)

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