Gastkommentar

Die Aslan-Studie ist „unumstritten“ wichtig

Fundierte Analysen versuchen die Phänomene der islamistischen Radikalisierung zu verstehen und zu erklären.

Die Umfragen, die gut für den Politiker sind, das sind die guten Umfragen. Die, die schlecht für ihn sind, das sind die unwissenschaftlichen,“ also sprach „der“ Politiker. Diese Erfahrung, gemacht in vielen Wahlkämpfen, scheint auch für wissenschaftliche Studien zu gelten. Mit seiner Untersuchung zu islamischen Kindergärten in Wien war Ednan Aslan schon in der ersten Phase schweren Vorwürfen ausgesetzt. Änderungen der Endfassung der Hauptstudie führten von politischer Seite zu wilden Beschimpfungen: „So ziemlich das Allerletzte“ (M. Häupl), „politisch letztklassig“ usw.

Deutlich weniger Kritik erfuhr seine Studie „Islamistische Radikalisierung“, die er zusammen mit Evrim Ersan Akkilic erstellt hat. In ihr wird keine öffentliche Institution kritisiert, aber das Adjektiv „umstritten“ haftet auch hier an seinem Namen; einzelne Forscher kritisierten die Methode (biografische Erhebung), andere sahen Widersprüche zu bisherigen Ergebnissen.

Die Studie versucht näher zu bestimmen, welche Rolle die Religion im Radikalisierungsprozess spielt. Die Frage ist, welches Islamverständnis hier wirksam wird und welche Funktion es im Prozess der Radikalisierung, die zum Terror führt, hat.

 

Suche nach wahrem Islam

Schlagzeilen machte dabei das Studienergebnis, dass die radikalisierten jungen Männer, vielfach Tschetschenen, schon in Kindheit und Jugend in einem religiösen Milieu aufwuchsen – was so unerwartet nicht ist. Die umfangreichen französischen Analysen unter anderem von Gilles Kepel und Olivier Roy zeigen, dass die radikalisierten Jugendlichen, in Frankreich als Nachkommen von Migranten geboren, mit dem alltäglichen Islam ihrer Eltern bzw. Großeltern durchaus vertraut sind – ihn aber in der traditionellen ethnisch geprägten Ausformung ablehnen und nach dem „wahren Islam“ suchen. Manche von ihnen.

Immer wieder taucht in der Lebensgeschichte von Jihadisten das Phänomen auf, dass sie vor ihrer Radikalisierung ein durchaus hedonistisches Leben führten, Alkohol und Drogen konsumierten, wegen Kleinkriminalität im Gefängnis landeten und erst dort einen für sie „neuen Islam“ entdeckten.

Die Studie von Aslan und Akkillic entfaltet zunächst Theorien zur Radikalisierung: Vorformen, Stufen, Mechanismen. Weiters widmet sie sich jenen Strömungen im Islam, die zur Radikalisierung hinführen – und die zu leugnen fehl am Platz wäre. Bestimmte Spielarten des Salafismus berufen sich durchaus mit Recht auf den Koran und dienen den „Kämpfern“ als Rechtfertigung. Anders als manche Kritiker ihnen vorwerfen, verkennen die Autoren dabei nicht, dass auch soziale Faktoren Radikalisierung begünstigen (erlebte Diskriminierung, Marginalisierung, Anomie etc.).

Was bei allen einschlägigen Studien auffällt, ist die Vielfalt der Methoden, die bei den „Erklärungen“ zum Einsatz kommen: Solche, die in der Religionswissenschaft, der Geschichtsforschung, der Soziologie, der Psychologie, der Kommunikationswissenschaft verwendet werden. Es liegt eine gewisse Naivität in der Annahme, dass man den Einfluss der Religion quantifizieren könnte – nach der Art: „30 Prozent des Radikalisierungsgeschehens gehen auf religiöse Einflüsse zurück.“

Man muss schon froh sein, wenn man Radikalisierungstendenzen an Hand von Indikatoren in einem frühen Stadium erkennen kann (Ablehnung der Demokratie; Verachtung für den „traditionellen Islam“ etc.). Ein religiöser Faktor, so muss man erkennen, spielt auch bei sehr begrenztem, selektivem Wissen um den Islam eine Rolle. Fester Glaube oder gar Fanatismus setzt kein theologisches Wissen voraus. Man gewinnt ein klares Verständnis für religiös legitimierte Gewaltbereitschaft, wenn man die institutionellen Milieus, in denen sie entstehen, näher untersucht (z. B. Gefängnisse), wenn man die Rolle bestimmter Moscheen/Prediger in den Blick nimmt, oder die radikalen sozialen Milieus, die auch in unseren Gesellschaften existieren.

 

Weltliches Gesetz hat Vorrang

Die Befassung mit Entwicklungen des Islam „im Westen“ ist aus verschiedenen Gründen bedeutsam: Erstens wird die Zahl der Muslime relativ und absolut zunehmen – nicht nur, aber auch infolge von Migration, bei der immer auch radikale Elemente mitkommen. Zweitens ist zu erwarten, dass sich der Islam im Westen von den kulturell geprägten Formen, die er in mehrheitlich muslimischen Ländern hat, unterscheidet – und gegen seine vermeintliche Unterdrückung oder Ausgrenzung revoltiert; es ist also entscheidend, wie sich ein „europäischer Islam“ entwickelt. Und drittens, weil er in laizistischen Gesellschaften den Vorrang des weltlichen Gesetzes akzeptieren muss. Die Zahl der Muslime, die Demokratie und staatliche Gesetze ablehnen, mag, wie Studien immer wieder zeigen, relativ gering sein. Radikale Bewegungen entfalten aber auch dann ihre verheerende Wirkung, wenn sie in kleinen Zellen entstehen, die von ihrer moralischen Überlegenheit tief überzeugt sind und deren Ziel das Erzeugen von Angst ebenso ist wie das Auslösen von aggressiven Gegenreaktionen, die ihrerseits zu Solidaritätsbildung unter Muslimen führen sollen.

 

Würde und Anerkennung

Glaubt man französischen Quellen, z. B. der Untersuchung von David Thompson bei Rückkehrern aus dem Krieg in Syrien („Les Revenants“, Seuil 2016), so waren die Radikalen, die für den IS kämpften, nicht nur religiös motiviert: aus Unterdrückten in Frankreich wurden Unterdrücker in Syrien, der Kämpferstatus versprach Würde und Anerkennung und einen Ausweg aus sozialer Erniedrigung. Gewaltausübung wurde legitimiert.

Studien wie diese oder eben jene von Aslan versuchen die Phänomene der Radikalisierung und Veränderung zu verstehen und zu „erklären“. Die Terroristen werden nicht als „unbegreifliche Irre“ beschrieben, sondern als Menschen, die eine erschreckende Entwicklung durch- und mitgemacht haben; die einen spezifischen Weg des Salafismus eingeschlagen haben – begleitet von Predigern, einem radikalen Milieu und zunehmend auch von Medien.

Man muss Menschen wie Ednan Aslan dankbar für solche kenntnisreichen Analysen sein, die die spezifisch österreichische Situation betreffen: Sie sind „unumstritten“ wichtig. Es geschieht nicht oft, dass sozialwissenschaftliche Studien neues Terrain betreten und von großer gesellschaftlicher und politischer Aktualität sind. Sie können, wenn sie so klar konzipiert sind wie die Studie von Ednan Aslan, die Grundlagen für zielgerichtetes (und nicht bloß blindes oder ideologiegetriebenes) Handeln schaffen.

In manchen westeuropäischen Ländern, vor allem in Frankreich, das unter dem Terrorismus besonders leidet, sind relevante Analysen und öffentliche Diskussionen darüber weit fortgeschritten. Da es mit Sicherheit länderspezifische Entwicklungen gibt, sind vergleichende Arbeiten gefragt. Aslans Studie sei für das Lesen empfohlen. Sie ist nur allzu wichtig.

Ednan Aslan u. Evrim Akkilic, „Islamistische Radikalisierung“, abrufbar unter: https://iits.univie.ac.at

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR


Rudolf Bretschneider
(geb. 1944), Studium der Psychologie, Germanistik und Leibesübungen. Langjähriger Leiter des Fessel-Instituts bzw. GfK Austria, Konsulent, Lehrbeauftragter an der Universität Wien und an Fachhochschulen. [ GfK ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2017)

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