25.05.2012 19:51 | Meine Presse Merkliste 0

Schwarze Pädagogik

GASTKOMMENTAR VON STEFAN THOMAS HOPMANN (Die Presse)

Weder die moralische Verklemmtheit der katholischen Kirche noch der Sittenverfall durch die 68er ist schuld an den Missbrauchsfällen.

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In den letzten Wochen wird die Schulwelt, nicht zuletzt die kirchliche, von zahlreichen Berichten über psychischen und physischen bis hin zu sexuellem Missbrauch erschüttert.

Es ist gut, dass die Opfer jetzt endlich Gehör finden, und dass die Täter und ihre Mitläufer wenn nicht immer juristisch, so doch wenigstens moralisch zur Verantwortung gezogen werden.

Wichtig ist, dass diese Vorfälle jetzt nicht nur zur Sprache kommen, sondern auch nach den Ursachen und Folgen geforscht wird. Nur muss man sich vor vorschnellen Vereinfachungen und billigen Beschuldigungen hüten. Beispielsweise ist es blanker Unsinn, für diese Vorfälle entweder eine moralische Verklemmtheit der katholischen Kirche oder im Gegenteil einen Sittenverfall durch die 68er haftbar zu machen. Dagegen sprechen historische wie empirische Argumente.

Solche Vorfälle sind weder neu noch einzigartig. Die schwarze Pädagogik des Missbrauchs hat eine wenigstens jahrhundertealte Geschichte. Was zum Teil neu und ein Fortschritt ist, ist, wenn über solche Vorfälle öffentlich gesprochen und mit Fingern auf die Verantwortlichen gezeigt wird. Dadurch wird es möglich, solchem Missbrauch jedweden Anschein der Normalität zu entziehen. Dabei war und ist diese schwarze Pädagogik kein Spezifikum einer bestimmten Kirche oder deren Einrichtungen. Es gab und es gibt sie leider quer durch alle Glaubensrichtungen und Gesellschaftsschichten. Sie hat auch nichts mit dem Zölibat oder anderen außerfamiliären Lebensformen zu tun, so als ob die eheliche Ableitung sexueller Energie Missbrauch verhindern könnte.

Denn dann könnte man kaum erklären, warum unstreitig der weitaus meiste Missbrauch im engsten Familienkreise stattfindet. Ebenso wenig ist eine bestimmte Schulform, etwa das Internat, für solche Vorfälle haftbar. Es gibt sie überall, wo Kinder schutzlos bösen Absichten ausgeliefert sind. Das kann in Familien und Internaten ebenso passieren wie in Jugendvereinen, auf dem Spielplatz oder in der Jungschar. Missbrauch ist ein Charakteristikum „totaler Institutionen“ (Goffman) und Situationen, die den ganzen Menschen für sich beanspruchen und dadurch Grenzen der individuellen Integrität auflösen.

Solche Totalität kann freundlich oder mit Strenge, lockend oder zwingend einherkommen. Oft ist sie in ihrer Widersprüchlichkeit so umfassend, dass Opfer die Täter sogar noch in Schutz nehmen unter Hinweis auf ihre allumfassende Fürsorglichkeit. Sie funktioniert immer dann besonders reibungslos, wenn den Betroffenen Unausweichlichkeit oder Normalität suggeriert werden kann. Das reicht vom Klaps bis zu den alles kontrollierenden Vaterfiguren oder Jugendführern, die sich für das Leben der ihnen Anbefohlenen allzuständig machen.


Jeden Totalitätsanspruch erkennen

Es ist so gesehen auch kein Zufall, dass Menschen mit entsprechenden Neigungen gelegentlich Berufe aussuchen, in denen solche Grenzüberschreitungen leicht zu inszenieren sind. Jedwede „ganzheitliche“ Pädagogik, die das ganze Kinderleben vereinnahmen will, bietet sich dafür an. Das wird sich ebenso wenig verhindern lassen wie Familienoberhäupter, die sich ihre Kinder gefügig machen. Das Einzige, was dagegen hilft, ist Grenzen stark und sichtbar machen und Kindern und Jugendlichen dabei zu helfen, Grenzverletzungen abzuwehren. Dazu braucht es vor allem eine Pädagogik, die Kinder und Jugendliche als bereits mündige Menschen ernst nimmt, ihnen das Recht des Widerspruchs und der eigenen Grenzziehung von Anfang an zubilligt, und die zugleich jeden Totalitätsanspruch – sei er mit Glauben, Schulleistungen, Sangeskunst, Disziplin, Pädagogik, Liebe oder was auch immer begründet – als das erkennt und bezeichnet, was er immer schon ist: Missbrauch! Es ist eine geradezu abenteuerliche Verdrehung, wenn nun pauschal jener Zeitgeist, der sich vehement gegen die schwarze Pädagogik gestellt hat, beschuldigt wird, für ebendiese schwarze Pädagogik verantwortlich zu sein. Offensichtlich ist der Kampf gegen autoritäre Erziehung und für die sexuelle Befreiung auch missbraucht worden von einigen, die darin eine Chance sahen, unter dem Vorwand der Aufklärung noch mehr psychische und physische Grenzen einzureißen.

Nur hat es unter der vorherigen Autoritätsherrschaft keineswegs weniger Übergriffe gegeben. Das Einzige, was man vielleicht enttäuscht zur Kenntnis nehmen muss, ist, dass Missbrauch eben kein Privileg bestimmter Kreise oder Gruppen ist, sondern sich überall und immer dann breitmachen kann, wenn das Selbstbestimmungsrecht des anderen negiert wird.

Weder die katholische Sittenlehre noch ihr 68er-Widerpart ist also für die Übergriffe ursächlich, sondern der mangelnde Respekt für das Selbstbestimmungsrecht Heranwachsender und die mangelnde Hilfe zur Gegenwehr gegen jene, die sich jedweden moralischen Deckmantels bedienen würden, um ihr Ziel zu erreichen. Öffentlichkeit und Aufklärung aller Vorfälle sind deshalb nur ein erster Schritt. Langfristig wird es darauf ankommen, das Selbstbestimmungsrecht der Heranwachsenden dadurch zu stärken, dass jede Autorität auf ihre jeweilige Schutzfunktion beschränkt und daran gehindert wird, mehr vom anderen verlangen zu dürfen, als für die Betroffenen selbst einsehbar und zumutbar ist. Das war übrigens genau das, was die Mehrheit der 68er-Pädagogik sich selbst zum Ziel gesetzt hatte, und was keineswegs im Widerspruch steht zu den Lehren desjenigen, der die Kinder zu sich kommen ließ, um sie mit Gott für die Welt zu stärken.

Univ.-Prof. Dr. Stefan Thomas Hopmann lehrt am Institut für Bildungswissenschaft der

Universität Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2010)

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6 Kommentare
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Schlimm, wenn ein Univ.-Prof. an so einem Institut groben Unfug sagt

Aber vielleicht tu ich ihm unrecht und er ist eh ganz vernünftig, hat sich nur bei den Worten vergriffen (wäre in so einer Position tunlichst zu vermeiden). Nicht "mehr vom anderen verlangen zu dürfen, als (von ihm) selbst einsehbar ist" ist eine pädagogische Bankrotterklärung. Daß verantwortungsvolle Pädagogik dabei zahlreiche Randbedingungen zu beachten hat, versteht sich von selbst; eine zentrale ist das stetige Heranführen der Einsicht an die Vorgaben, eingeschlossen die Bereitschaft, vom Herangeführten allenfalls zu lernen, daß im Einzelfall die eigenen Prämissen falsch waren, und daher dessen Sichtweise zu übernehmen.
Auch das Selbstbestimmungsrecht ist der falsche Fokus: es ist wichtig, keine Frage, aber viel wichtiger gerade aus christlicher Sicht ist gereifte Liebe, die sich an die ganzheitliche Person des anderen wendet, diese Ganzheit auch in ihrer Andersartigkeit respektiert und nur in freier und gleichberechtigter Erwiderung ihre Erfüllung finden kann. Prostitution fällt z.B. nicht darunter, und gefordert sind Einsicht und Empfinden, daß Kinder und Jugendliche grundlegende Voraussetzungen dafür nicht erfüllen. Solche Liebe durch Wort und, nach Maßgabe des Gebotenen, durch Tat zu verkünden ist die Herausforderung für die Kirche.

democrates
16.03.2010 02:54
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Die letzendliche Ursache -

ist ein memetisches Virus, welches vom Gehirn des Älteren in das Gehirn des Jüngeren überspringen muß um neurotopisch zu Überleben.

Memetische Viren leben vielfältig ideeologisch getarnt in menschlichen Gehirnen.
Es gelingt ihnen in der Regel die versteckte Kontrolle über die Gehirne zu erlangen.
Aus subjektiver, menschlicher Sicht sind sie die sogenannten "Geister".
Geistliche sind oftmals Träger dieser Neuro.para.siten.
Leider wurden im Zuge der Aufklärung darauf vergessen, die Ursache der vielschichtigen Phänomene vor der Aufklärung zu erforschen.

Antworten Gast: Grübler
16.03.2010 09:52
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Re: Die letzendliche Ursache -

Letztlich ist alles nur eine Frage der Selektion, ob Gesellschaften mit diesem Virus langfristig überleben oder nicht. Wenn sich herausstellt, dass Gesellschaften mit diesem Virus erfolgreicher sind, dann sollte man überdenken, ob dieses Virus nicht vielleicht doch Teil des Betriebssystems ist.

Welche promiskuitiven Gesellschaften kennen Sie, die wenigstens ein paar Jahrhunderte überlebt und es zudem zu einer Hochkultur gebracht haben?

Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Bevölkerungsentwicklung in der EU?

Gast: Lausbub
16.03.2010 00:50
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Auch ich war ein Opfer sexuellen Mißbrauchs -

allerdings nciht in der Kirche.

Wenn ich als 5-jähriger nach dem Baden zum Abtrocknen auf den Tisch gestellt wurde, zog mich eine ca. 60-jährige Haushaltshilfe, die meinetwegen an diesen Tagen extra zeitig in unsere Wohnung kam, immer am "Zipferl".
Lieber Herr Hopmann! Habe ich dadurch seelisch Schaden erlitten und wie hoch ist dieser Schaden zu bewerten? Leider kann ich keine Schadenersatzansprüche mehr geltend machen, weil die Dame mittlerweise verstorben ist. Aber könnte man "strukturell nicht vorbeugen", in dem man das Baden von 5-Jährigen Knaben in Gegenwert von Haushaltshilfen einfach verbietet?

Gast: Reformer
15.03.2010 21:14
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Es gibt trotzdem einen Unterschied.

Der Unterschied ist, dass die katholische Kirche eine klare Lehre vertritt: der Platz der Sexualität ist die ganzheitliche Hingabe in der Ehe. Die "Reformpädagogik" ist da viel weniger eindeutig. Je grösser die Unklarheit über Sinn und Zweck der Sexualität, desto grösser ist aber das Missbrauchsrisiko.

Antworten masada
15.03.2010 22:46
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Re: Es gibt trotzdem einen Unterschied.

Die Reformpädagogik ist deswegen viel weniger eindeutig, weil Sexualität eben nicht 'a priori' einen "Sinn und Zweck" erfüllt, sondern sehr viele, komplexe Facetten enthält. Das macht Sex kompliziert, aber dafür auch spannend (finde ich zumindest)!

Trotzdem oder genau deswegen müssen klare gesellschaftliche Grenzen gezogen werden - und die 68er dafür zu kritisieren, dass sie eine extreme Einengung aufgebrochen haben und gleichzeitig das gegen eine völlig verkorkste (und intern doppelbödige) Sexualmoral der Kirche aufrechnen zu wollen, finde ich schon ..bedenklich..

Das beste Argument liefern sie aber selber: Wo ist die Unklarheit über "Sinn und Zweck der Sexualität" größer: Bei scheinbar asexuellen Geistlichen, oder Jugendlichen, die schon mit 18 (hoffentlich mit Verhütung) mehrere Partner hatten!

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