18.06.2013 09:13 Merkliste 0

„Es klang wunderbar. Ganz judenrein!“

HARALD WALSER (Die Presse)

Die Wiener Philharmoniker haben den Stellenwert des Umgangs mit der eigenen Vergangenheit noch immer nicht kapiert.

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Gastkommentar

Zwei Jahre nach Ende der NS-Diktatur begrüßte der von den Nazis vertriebene ehemalige Philharmoniker Friedrich Buxbaum „sein“ Orchester bei einem Gastkonzert in London mit bitteren Worten: „Ich habe euch stimmen gehört. Es klang wunderbar. Ganz judenrein.“ Daraufhin habe es „Totenstille“ gegeben.

Diese Totenstille hält bis heute an. Wer auf der Homepage des Wiener Orchesters die Namen der in den Konzentrationslagern ermordeten ehemaligen Mitglieder eingibt, erhält zur Antwort „Zu Ihrem Suchbegriff wurden leider keine Dokumente gefunden“.

Ansätze zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte sind sehr zart. Die mittlerweile überholte und problematische Arbeit von Clemens Hellsberg gilt als Standardwerk, wissenschaftliche Studien folgten – etwa die verdienstvollen Diplomarbeiten von Bernadette Mayrhofer und Susanne Auzinger.

Deshalb wissen wir, dass schon vor 1938 ein unausgesprochener „Ariererlass“ galt. Von 1920 bis 1938 verhinderte eine „jüdische Abstammung“ die Aufnahme. Nach dem „Anschluss“ im März 1938 gab es dann kein Halten mehr. Schon in den ersten Tagen wurden in vorauseilendem Gehorsam aus „rassischen“ und politischen Gründen zwölf Mitglieder des Orchesters entlassen.

 

„Vor dem Führer“ spielen

Der neu ernannte Vorstand unter Wilhelm Jerger drängte darauf, „vor dem Führer“ zu spielen. Immerhin war Jerger schon 1932 der NSDAP beigetreten, wurde SS-Untersturmführer und Ratsherr der Stadt Wien. Jerger war nicht allein: 25 Philharmoniker galten schon in der „illegalen Zeit“ oder gar vor 1933 als „Parteigenossen“, 14 weitere Mitglieder des Orchesters traten der Partei nach dem „Anschluss“ bei. Schließlich waren 45 von 117 Mitgliedern des Orchesters in der NSDAP, deutlich mehr als bei den Berliner Philharmonikern (acht von 110).

Jerger nutzte seine Beziehungen nur im Fall des ins Konzentrationslager Dachau verschleppten Primgeigers Josef Geringer. Er wurde gerettet. Bei sechs weiteren jüdischen Mitgliedern des Orchesters – sie waren nicht wie Geringer persönlich mit Jerger befreundet – erfolgte keine Intervention.

 

Akten noch immer gesperrt

Sie wurden in den Konzentrationslagern des NS-Staates ermordet: Armin Tyroler (Oboe), der Violinist Moritz Glattauer (in Theresienstadt), der Violinist Viktor Robitsek (im Zusammenhang mit der Aktion „Litzmannsstadt“ deportiert), der Violinist Max Starkmann (nach Minsk verschleppt und ermordet). Konzertmeister Julius Stwertka scheint zwar auf der Homepage der Philharmoniker auf, aber nicht als NS-Opfer in Theresienstadt. Eine Antwort fehlt auf der Homepage zum Violinisten Anton Weiss, der an den Folgen seiner Delogierung starb.

Nach 1945 interessierte man sich nicht dafür. Mit Clemens Krauss schwang bald auch jener Mann wieder den Dirigentenstab, der 1939 das Neujahrskonzert (damals noch an Silvester gespielt) begründet hatte. Krauss stand auf der von Goebbels und Hitler erstellten „Gottbegnadeten Liste“ der wichtigsten Künstler.

Seine Rolle in der NS-Zeit – und die anderer „Gottbegnadeter“ wie Karl Böhm oder Herbert von Karajan – wurde gar nicht erst untersucht, obwohl man im Ausland die Philharmoniker noch vielfach als „Nazi-Orchester“ bezeichnete. Der Kalte Krieg ließ das in den Hintergrund treten.

Die Berliner Philharmoniker haben ebenso wie unsere Staatsoper für eine saubere Aufarbeitung der eigenen Geschichte gesorgt. Das Archiv des „Staatsorchesters“ ist hingegen noch immer nicht öffentlich zugänglich. Die Akten gehören ins Staatsarchiv!

Leider gilt im Vorfeld des Neujahrskonzerts 2011: Österreichs philharmonischer Herrenklub hat den Stellenwert des Umgangs mit der eigenen Vergangenheit noch immer nicht kapiert!

Dr. Harald Walser (*18. April 1953) ist Germanist und Historiker, Direktor des Gymnasiums Feldkirch und Bildungssprecher der Grünen.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2010)

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32 Kommentare
 
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was werden eure kinder sagen...



wenn strache kanzler wird=

lasst uns mit der blöden vergangenheit in ruhe, wir sind nicht für die schuld unserer eltern und grosseltern verantwortlich...

und eure kinder und kindeskinder werden schon den nächsten zujubeln...

perpetuum mobile


Nicht nur die Aufarbeitung, auch die Indoktrinierung geht weiter und weiter!

Wie lange soll das weitergehen, den nach und den w e i t nach 1945 Geborenen Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten zu oktroyieren, Herr Direktor?

Die Vergangenheit ist leider n i c h t korrigierbar!
Man kann nur neue Fehler versuchen zu vermeiden und da gibt es eine Menge zu tun!

Übrigens, die Menschen m ü s s e n zu j e d e r Zeit Geld verdienen, zum Leben und zum Überleben, egal, ob in einer Diktatur oder im demokratischen Staat!

Wie hätten im Ostblock, wie sollten heute im Iran die Menschen ihr Leben bestreiten oder a u c h wir, ohne "Kompromisse" zu schließen?
Es wäre gewesen, es hätte sein können, es i s t - lebensgefährlich!

Was es wirklich bedeutet hat, ein Tip:
Victor Klemperer
"Tagebücher von 1933 - 1945"
Aufbauverlag

Gast: Warum schreibt der Herr Direktor
02.01.2011 16:02
6 0

keinen Bericht über die

HEUTIGE Migrantenkriminalität in Vorarlberg unter besonderer Berücksichtigung der Jugendszene in Feldkirch?

und teilt mit, was er und seine Partei für HEUTIGE INLÄNDISCHE OPFER der Migrantenkriminalität leisten?

Oder gibts da nichts mitzuteilen?

bildungssprecher der grünen

das erklärt ja den sinnlosen, vorwurfsvollen ton dieses artikels

ich habe es satt dass sich österreich ständig für die ns zeit rechtfertigen muss

ihr blöden grünen lasst uns endlich in ruhe und höhrt endlich damit auf der österreichischen bevölkerung andauernd ein schlechtes gewissen einzureden

ich werde mich mit sicherheit nie vor irgendjemanden aufgrund der ns geschichte österreichs rechtfertigen, denn ich bin fast ein halbes jahrundert nach dieser zeit auf die welt gekommen, und genauso wie 99,9% der jetzt lebenden österreicher trifft mich absolut keine schuld an diesen verbrechen

Gast: Youngster
02.01.2011 10:02
7 2

Elendes Gutmenschgewinsle - das Übliche halt.


Man muss schon immer wieder an die alte Schuld erinnert werden!

Aber, Herr Walser, ist es nicht einmal genug?

Re: Man muss schon immer wieder an die alte Schuld erinnert werden!

Sie verwechseln (persönliche) Schuld und (gesellschaftliche) Verantwortung. Man kann die Geschichte auch aus der Perspektive der Opfer betrachten, der korrekte Umgang mit ihr ist unsere gesellschaftliche Verantwortung. Das sind wir den Opfern schuldig.

Re: Re: Man muss schon immer wieder an die alte Schuld erinnert werden!

Kann ich da Opferrassimus konstatieren? Denn ich vermisse beispielsweise die "Aufarbeitung" der Kriegsverbrechen von Lasko und Mostec (beides Slowenien) in Slowenien und auch in unseren Medien. Oder liegt es daran, daß die Verbrechen im Sommer 1945 geschahen? Ihr "das sind wir den Opfern schuldig" klingt hohl! W.

Re: Re: Man muss schon immer wieder an die alte Schuld erinnert werden!

So spricht ein Lehrer zum unwissenden Schüler !

Re: Man muss schon immer wieder an die alte Schuld erinnert werden!

Welche Schuld?
Ich habe keine und Sie sicher auch nicht, es sei denn, Sie hätten ein sehr ehrwürdiges Alter erreicht...

Re: Re: Man muss schon immer wieder an die alte Schuld erinnert werden!

Nein, ich auch nicht! Und Ihrem Kommentar von 19.51 stimme ich ganz zu.

der sache nach

kann man nur froh sein, dass jemand an diese themen erinnert. die österreicher/innen brauchen das, besondes wenn sie kirchlich und katholisch sind. Stichwort: "Reinigung des Gedächtnisses", sagt Johannes Paul II. dazu und Kard. Schönborn hat das auch deutlich unterstrichen.
Und ob der Herr "Luzifer" seine wenig erhellenden (wenig lichttragend!) ausführungen auch unter seinem richtigen namen hierher schreiben würde ?

Gast: WutbürgerIn
30.12.2010 22:04
3 0

Scham

Nach Genuß dieses Beitrags kann ich nicht anders als mich für unser Philharmonisches Orchester sehr heftig fremd zu schämen!

Unvollständig

Im Grunde gebe ich Dr. Walser recht: Befassung mit der Vergangenheit ist wichtig, um die Gegenwart zu verstehen.

Dass "Umgang mit der Vergangenheit" aber stets nur eine besondere Epoche, besondere Opfer und eine besondere politische Schlagseite beinhalten soll, hinterlässt einen mittlerweile schalen Nachgeschmack.
Gibt es doch noch heutzutage Orchester, die Menschen bestimmter Herkunft nicht aufnehmen.

Antworten Gast: hannah-lea
30.12.2010 20:05
5 4

Re: Unvollständig

was mich immer wundert, was soll der hinweis auf andere bringen? ablenkungsmanöver, schlechtes gewissen?! bitte das ist unsere geschichte, und wir haben uns mit unserer geschichte auseinanderzusetzen. d.h. nicht, dass man zu anderen ungerechtigkeiten schweigen muss, aber es sollte klar sein, was unser hauptjob ist. es ist doch bezeichnend genug, dass die philharmoniker bis heute hier nicht reinen tisch machen wollen/können.

Re: Re: Unvollständig

Und weswegen sollte ich ein schlechtes Gewissen haben?!

Gast: Parents
30.12.2010 17:58
2 0

Fehler der Vergangenheit erkennen ....

Die Fehler der Vergangenheit zu erkennen und offen darüber zu reden, ist wichtig. Macht Organisationen stärker.
Das ständige verschleiern, Dinge unter den Teppich zu kehren erweckt ständig Ängste, es könnte etwas herauskommen. Dies macht schwach.

Transparenz überall.
WIKILEAKS auch für die Vergangenheit.

Gast: Hubertus
30.12.2010 13:04
4 2

Entlarvt sich selbst

Haben die Philharmoniker damals in London gut gespielt oder nicht? Das allein ist das musikalische Kriterium und nicht die rassische Zusammensetzung des Orchesters. Übrigens haben sehr viele jüdische Dirigenten(Bernstein und Maazel um nur zwei zu nennen) mit den Wr. Philharmonikern musiziert und nicht nur Böhm, Krauss und Karajan. Der einzige,der nichts kapiert hat, ist m.E. der Autor. Mir tun nur die Kinder in Vorarlberg leid, denen man solche Leute als Direktoren vor die Nase setzt Jetzt wird für mich das PISA Ergebnis verständlicher, wenn Politiker sich als Schuldirektoren gerieren.

Re: Entlarvt sich selbst

ich kann Ihnen frohen herzens und klaren verstandes mitteilen, dass sehr, sehr viele und kinder in vorarlberg sehr, sehr froh sind, solche schuldirektoren zu haben und sich freuen, dass sie sich auch noch politisch engagieren!

Antworten Antworten Gast: Hubertus
31.12.2010 22:52
1 0

Re: Re: Entlarvt sich selbst

Sieht man ja beim PISA Ergebnis. Schlimmer kann die Ohrfeige für die Lehrerschaft und deren Direktoren nicht sein. Aber in den Zeitungen herumschwätzen, das können sie (die Direktoren).

Antworten Gast: freund der volksmusik
30.12.2010 20:07
1 1

Re: Entlarvt sich selbst

mit so einer position werden sie nicht weit kommen. offensichtlich hat der herr walser einen wunden punkt getroffen.

Antworten Antworten Gast: Hubertus
31.12.2010 22:57
1 0

Re: Re: Entlarvt sich selbst

Da haben Sie recht. Der wunde Punkt besteht darin, dieses -entschuldigen Sie- Geschwätz lesen zu müssen. Sie werden entgegnen:das müssen Sie ja nicht. Das stimmt. Daß es aber Geschwätz ist, weiß ich ja erst am Ende des Artikels. Und wie weit die Grünen damit kommen, sieht man an den Wahlergebnissen der letzten Jahre.

Re: Re: Re: Entlarvt sich selbst

Man könnte ja in der Pause der "Neujahrskonzertes" die Vergangenheit dieses berühmten Klangkörpers aufarbeiten, damit die ganze Welt erfährt, welch dunkles Geheimnis es umweht! Und bevor der Herr "Direktor" Walser seinen Schülern derartige Schuldgefühle aufoktroyiert, wird er ihnen erst einmal erklären müssen, worum es sich beim 3. Reich überhaupt handelte: Denn das dürfte vermutlich gar nicht so einfach sein, beim heute allgemein fest zu stellenden Geschichtsbewußtseisn unserer Teenies...

Unsäglicher Titel

Ohne auf den Inhalt des Kommentars eingehen zu wollen: Bitte wer hat diesen letztklassigen Titel zu verantworten?
Nur durch gründliches Lesen kommt man drauf, dass es sich um den verzweifelt-sarkastischen Kommentar des vertriebenen Orchestermitglieds Erich Buxbaum handelt.
Dieses Zitat als Titel zu verwenden, bei dem einem der Atem stockt, ist journalistisch unter jeder Kritik!

Re: Unsäglicher Titel

Lesen können Sie ja, aber verstehen, was man liest ist nicht nur ein pisa-thema. Un von "Journalismus" scheinen Sie eher wenig zu verstehen (wollen).

Re: Unsäglicher Titel

Geschätzte Citoyenne!
Für den Titel übernehme ich die Verantwortung. Aus meiner Sicht wird durch die Anführungszeichen klar, dass es sich um ein Zitat handelt. Zudem wird im 1. Absatz die Herkunft des Zitats erläutert.

 
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