Der geehrte Fäkal-Antisemit

KARL PFEIFER (Die Presse)

Der Fidesz-Mitbegründer Zsolt Bayer fällt immer wieder durch beispiellose Hasstiraden gegen Juden auf. Erhielt er dafür einen Orden?

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Gastkommentar

Aufsehen hat in Brüssel der anlässlich der ungarischen EU-Präsidentschaft aufgelegte Teppich mit einer Darstellung Großungarns ausgelöst. Nicht nur Österreicher sind über die Vehemenz, mit der Ungarn an den 1920 unterzeichneten Friedensvertrag von Trianon erinnert, verwundert. In Ungarn dagegen wird die Geschichte als fortwährender Opfergang wahrgenommen.

Die regierende Fidesz-Partei und ihr Vorsitzender Viktor Orbán pflegen diesen Opfermythos, der mit einer fatalen Neigung zur Selbstverherrlichung der von ihnen propagierten nationalen Gemeinschaft einhergeht.

Was unterscheidet Fidesz von anderen Volksparteien? Unter anderem eine antikapitalistische Rhetorik, die es Orbán ermöglicht, den ehemaligen kommunistischen Staatsminister Imre Pozsgay bei der Formulierung der neuen Verfassung mitarbeiten zu lassen.

Dieser rief auch – ganz im Sinne der Orbán'schen „Wahlkabinenrevolution“ – dieser Tage die Konsumenten auf, nicht mehr bei einigen ausländischen Firmen einzukaufen, „solange diese nach Brüssel und zu den westlichen Medien laufen, um ihre eigenen finanziellen Interessen zu schützen“.

Einher mit solcher Rhetorik geht eine beispiellose antisemitische Publizistik, bei der sich Zsolt Bayer, ein Mitbegründer von Fidesz und persönlicher Freund Orbáns, durch besonderen Eifer auszeichnet. Am 4. Jänner 2011 publizierte er in der Fidesz nahen Tageszeitung „Magyar Hírlap“ einen Beitrag unter dem Titel „Derselbe Gestank“, den er so einleitet: „Ein stinkendes Exkrement irgendwo aus England mit einem Namen wie Cohen schreibt, dass ,fauler Gestank aus Ungarn strömt‘, Cohen und Cohn-Bendit und Schiff.“

 

Eine Forscherin als „Mistkäfer“

Das ist nicht das erste Mal, dass er Fäkalsprache gegen Juden oder vermeintliche Juden verwendet. Im Sommer 2010 erklärte das Mitglied der Forschungsgruppe Extremismus und Demokratie der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Magdalena Marsovszky, „von jeder Art von nationalen Ritualen Ausschlag“ zu bekommen. Bayer nahm dieses Interview zum Anlass, um zu fragen, ob die Akademie der Wissenschaften entartet, jüdisch unterwandert sei, und prangerte in „Magyar Hírlap“ sowie im ebenfalls Fidesz-nahen „Echo TV“ die Antisemitismusforscherin als „Mistkäfer“ an.

Bei vertraulichen Gesprächen hört man von Prominenten, Fidesz könne sich nicht von Bayer distanzieren, denn viele Mitglieder würden ähnlich denken. Wahrscheinlich deswegen erhielt Zsolt Bayer am 21.Jänner aufgrund des Vorschlags von Fidesz-Politikern den nach dem ungarischen Dramatiker benannten Madáchpreis des Komitats Nógrád. Gleichzeitig wurde bekannt, dass die von Fidesz geführte Stadt Esztergom die bisher 92.500 Euro (25 Millionen Forint) kostenden Anwaltskosten in Privatverfahren von Bayer trägt.

Viktor Orbán ist Vizepräsident der Europäischen Volkspartei (EVP), und die Partner der Fidesz sollten im eigenen Interesse die schönen Sonntagsreden ungarischer Regierungspolitiker im Ausland hinterfragen.

Karl Pfeifer wurde wegen seiner journalistischen Tätigkeit 1980 bis 1987 vier Mal aus Ungarn ausgewiesen. Er ist Korrespondent der Budapester Wochenzeitung „Hetek“.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2011)

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16 Kommentare
Gast: auch ein Gast
28.07.2011 00:08
0 2

Peinlich

Die Kommentare hier sind hochnotenpeinlich und bestätigen leider das Bild, das in dem Artikel gezeichnet wird. Es ist schrecklich, dass heutzutage "mitten" in Europa eine so tiefbraune Gesellschaft mehrheitsfähig ist. Zum Glück ist Ungarn völlig unbedeutend, aber trotzdem ist es schade.


Gast: Krirtiker
27.01.2011 12:15
2 1

Eine Bitte

Sehr geehrter Herr Pfeiffer, hören Sie bitte auf mit dieser Lügerei! Schönen Tag aus Budapest!

Gast: Rechtssucher
26.01.2011 19:43
2 0

Bayer Zsolt

Wir wieder erleben hässliche Lügen: einige österreichische Schriftsteller (wie üblich) sprechen wieder davon, was sie nicht genug, oder gar nicht kennen.
Zum Beispiel, wenn Zsolt Bayer über orgoványer Wald schreibt - Die Schriftsteller - natürlich - schreiben NICHTS von vorhergehende Ereignisse: nach allem, was die Kun Béla's rote Lenin "Knaben" gegen einfache ungarischen Bauern, Menschen, Priester getan haben- waten im Blut, Ermorderungen der tausenden - es ist in der Tat bedauerlich, dass sie nicht in orgovanyer Wald endeten - so kann ich es nur unterzeichnen.
Aber die Doppelmoral funktioniert wieder - die Tötung der Ungarn ist natürlich kleinere Sünde wie Erledigung der Roten Banden - die österreichische Schriftteller schreiben NICHTS über diese Sachen - das ist doch nicht interessant, wenn man in magyaren kicken kann, nein? - es ist doch die rote Sünde kleinere im Vergleich mit den Sünden der Nazis - das wir wissen schon von EU jüngstens - es ist ja ungleichbar, da Bolscheviken "nur" cc. 100 million Leute erledigten, weder Nazis viel mehr - cc.20 million!
Es ist klar - BEIDE sind schrecklich, aber schrecklich ist auch diese Doppelmoral....
Die "zivilisierte" Europa ist heuchlerisch - leider, ich fühle schon Übelkeit über den "zivilisierten Westen"!
Und Schiff ist nur ein gemeinsamer Verräter! Er ist exzellenter Pianist, aber wie ein Mensch....

Gast: Notar
26.01.2011 12:16
1 0

Curriculum

Karl Pfeifer floh 1938 mit seinen Eltern nach Ungarn, wo er 1940 der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Haschomer Hatzair beitrat. Nach der deutschen Besetzung Ungarns im Zweiten Weltkrieg 1944 gelang ihm als einer unter 50 Jugendlichen und Kindern auf abenteuerliche Weise die Flucht nach Palästina. (Quelle: Wikipedia) Wurde wegen seiner Journalistischen Tätigkeit 1980 bis 1987 vier Mal aus Ungarn ausgewiesen. (Quelle: Die Presse)

Antworten Gast: Karl Pfeifer
26.01.2011 20:45
0 0

Re: Curriculum

Wikipedia ist nicht immer verlässlich.
Ich habe Budapest am 5. Januar 1943
verlassen und kam am 19. Januar 1943 in Haifa an.
Ich lebe seit 60 Jahren wieder in Österreich.

Gast: ulloiut
25.01.2011 14:43
2 4

Drehen und wenden

Die verehrten Gäste unten können Bayers Zeilen drehen und wenden wie sie wollen, etwas anders als das, was vom Autor behauptet wurde, kommt dabei nicht raus.

Aber wenn es nicht reicht, oder wenn jemand allen Ernstes behauptet, der zitierte Text ist nicht genug, um Bayers Absicht zu verstehen, hier ist noch mehr, ich wäre sehr neugierig auf die richtige Interpretation:

"sie sind unsere Begründungs-Juden – d.h. ihre bloße Existenz rechtfertigt unseren Antisemitismus“
http://www.magyarhirlap.hu/velemeny/a_medence_es_kornyeke.html

"die maßlose Raffgier, Unersättlichkeit und Verantwortungslosigkeit der jüdischen Finanzleute in Brooklyn und der Wall Street Yuppies hat die amerikanische Finanzwelt kollabieren lassen“
http://kecskemetilapok.hu/hun/sa_hirek/i_kommentar_24/i_a_lepke_szarnya_10016/t_A%20lepke%20sz%C3%A1rnya%20/index.html

Wie viel brauchen die Wortverdreher noch, bis sie mit den Lügen aufhören? Wenn unsere Rassisten wenigstens ein bisschen Rückgrat hätten, würden sie zu ihrer Meinung stehen. Und wenn Fidesz ein wenig Rückgrat hätte, dann würde er nicht zu Bayer stehen.


Antworten Gast: Gast
25.01.2011 21:22
5 0

Re: Drehen und wenden

Zwei Sätze vor Ihrem Zitat wurde leider vergessen.
1967-ben a pesti zsidó újságírók még Izraelt gyalázták. Ugyanezek a pesti zsidó újságírók ma az arabokat gyalázzák. Meg a Fideszt. Meg bennünket. Mert jobban gyűlölnek bennünket, mint mi őket.
(Nach einem Tagebucheintrag eines jüdischen Schriftstellers Márton Karinthy, des Sohnes von Frigyes Karinty): 1967 haben die jüdischen Journalisten von (Buda)pest noch Israel geschmäht. Die gleichen Budapester jüdischen Journalisten schmähen nun die Araber. Und Fidesz und uns. Denn sie hassen uns mehr als wir sie. Und dann kommt das Zitat.
Hier wird nichts pauschalisiert. Diejenigen sind gemeint und bei weitem nicht alle Juden - das wäre Antisemitismus.
Übrigens durfte früher im Studiogespräch einer der Gäste ohne Konsequenzen alle Fidesz-Mitglieder als Nachkommen derer schimpfen, die die Juden während des II. Weltkrieges in die Donau geschossen haben. Und alle im Studio haben genickt.
Siehe also, wie gewöhnlich "mit zweierlei Maß" wird gemessen.

kleine Ergänzung

Übrigens: der ehemalige "kommunistische" Staatsminister Imre Pozsgay war neben Otto von Habsburg der Schirmherr des paneuropäischen Picknicks 1989, wo man den DDR-Bürgern das erste mal das Tor zum Westen eröffnete. Außerdem war er einer der ersten Verfechter von freien Wahlen in Ungarn.

Gast: Gast
24.01.2011 22:46
4 0

Die "erwartete" Amtisemitismuskarte muss her

Schade, dass wenn etwas nicht klappt, oder zu ruhig ist, dann greift man, greifen einige zu dieser Karte.
Zum Glück kann man damit in Ungarn zumindest immer weniger punkten. Das Judentum in Ungarn wird immer bunter. Es gibt viele koservative auch. Immer mehr wagen es nicht nur eine eigene Meinung zu bilden, sondern sie auch zu formulieren. Man muss nicht mit den Wölfen heulen. Horribile dictu, der orthodoxe Rabbiner Schlomo Köves ist Mitglied der jüdischen Arbeitsgruppe der Christdemokratischen Partei. Er hatte übrigens mit Zsolt Bayer einen öffentlichen Briefwechsel, er war sehr lehrreich. Wenn er sagt, etwas sei gefährlich, dann horchen viele auf, denn er ist kein Parteipolitiker. Übrigens ist bei Bayers Zeitung, Magyar Hírlap, der bekennenende und sehr beliebte Jude György Vámos auch Publizist. Die beiden vertragen sich gut. Vámos schrieb jüngst von der Befreieung des Budapester Ghetto ohne aktualpolitische Obertöne und siehe, er hat überwiegend positive Kommentare bekommen.
Die Zeiten sind vorbei, als man sagen konnte, alle Juden sind bei den Freien Demokraten oder den Sozialisten, also wenn jemand die Liberalen angreift, sei automatisch Antisemit. So ist es nicht. Jetzt, wenn Juden in den verschiedensten politischen Lagern vertreten sind braucht Ungarn übrignes mit dem höchsten Anteil an autochthonem (alteingesessenem) Judentum in ganz Europa keine Belehrung darüber, wer Antisemit ist. Die Zeit der heimatlosen Schreivögel ist auch bald vorbei.

Gast: gast
24.01.2011 22:43
0 2

interessanter gastkommentar

Karl Pfeifer, der u.a. Ungarisch fließend schreibt und spricht, ist ein Kenner der Ungarischen Geschichte wie nicht viele hierzulande.
Die beiden Hetz-Postings weiter unter lassen sich unter der Kategorie "Fäkalien" abtun, und stammen vermutlich auch ideolgisch aus jener brauen Masse.
Auf jeden Fall freue ich mich immer wieder, wenn ich Karl Pfeifers Kommentar lesen kann.
Zuletzt erlebte ich ihn bei einem Zeitzeugengespräch anlässlich der Vorführung des Dokumentarfilmes "Zwischen allen Stühlen. Lebenswege des Journalisten Karl Pfeifer" im Opernkino. Ein aufschlussreicher Abend!

Antworten Gast: Gast
25.01.2011 11:41
1 0

Re: interessanter gastkommentar

Sehr geehrter Herr Pfeifer!

Nichts für Ungut und ohne böse Absichten, aber:
Es ist schon praktisch, wenn man als "Gast" zu seinem eigenen Artikel einen positiven Kommentar schreiben kann, stimmt's?

Wenn man Ihre Postings aus anderen Foren kennt (pusztaranger, etc.), ist Ihr Stil nämlich einfach unverkennbar.

Antworten Antworten Gast: pensionär
25.01.2011 20:32
0 0

Re: Re: interessanter gastkommentar

Ertappt!
Ein relativ gutes EDV-Programm ermöglicht es, den Schreibstil zu klassifizieren (lies nach bei Uuno Saarnio!). Relativ leicht, wenn man die Texte in eine Formalsprache transferiert.
Man kann also leicht feststellen, wer bei Wortwahl und Satzstellung immer wieder unter anderem PSEUDONYM den gleichen Stuß schreibt.
Schade um die vielen Druckzeilen der Heimtückler!

Uuno Saarnio ...
http://fi.wikipedia.org/wiki/Uuno_Saarnio

Antworten Gast: Gast
24.01.2011 22:59
4 0

Re: interessanter gastkommentar

Bitte nicht so gehässig!
Ich denke nicht, dass diese unten stehenden Kommentare die Daseinsberechtigung des Artikel von Herrn Pfeifer in Zweifel gezogen hätten. Sie haben ihn nur ergänzt, den Hintergrund ein bisschen beleuchtet. Ich denke, jeder sollte ein Recht auf seinen Gesichtspunkt haben. Am besten machen wir ihn (auch uns) bewusst. Sonst wähnen wir uns auch nicht die volle Wahrheit zu besitzen.
Zsolt Bayer zu lesen ist auch Geschmackssache. Rein stilistisch gesehen, wird er z.B. ungewöhnlich theatral, er arbeitet gerne mit Effekten. Was man aber nicht abtreiten kann, er zitiert sehr viel (ungarische) Literatur in seinen Texten und nicht nur in einem aktualpolitischen Zusammenhang. Ich könnte nicht sagen, dass er zu meinen Lieblingspublizisten gehört - manchmal gefällt er mir, manchmal ist er einseitig oder zu radikal. Aber all dies hat Platz in einer Demokratie. Die Freiheit ist auch die Freiheit der anders denkenden. ich gestehe auch Ihnen diese Freiheit zu.
Sie haben die Freiheit, von Hetz-postings oder Braunen usw. zu reden, solange Sie nicht erwarten, dass dies andere auch so sehen müssen.

Gast: Gerne nur Gast
24.01.2011 21:00
4 2

Ein bizarrer Artikel

einer bizarren Persönlichkeit.
Ich kann an den Aussagen von Zsolt Bayer nichts Anstößiges entdecken - und wenn man sich den Artikel genau durchliest, fällt auf, dass Bayer kein einziges Mal eine "judenfeindliche" Aussage getätigt hat. Karl Pfeifer legt ihm diese in den Mund macht das, was er Bayer vorwirft: er beschimpft unf beflegelt ihn, und zwar auf das Wüsteste.

Gast: Gast
24.01.2011 19:53
4 1

Danke für Herkunftsangabe

Ich kann sie nur etwas erklärend ergänzen. Die Wochenzeitung "Hetek" ist das Organ einer proisraelitischen/-jüdischen Neupfingstler-Kleinkirche (Hit Gyülekezete - Gemeinde des Glaubens), die zwar vor der Wende verfolgt wurde (siehe auch Karl Pfeiefer) beinahe 15 Jahre lang eng aber mit Postsozialist-Liberalen (SzDSz) verbündet waren. Mit diesem Hintergrund ist der Artikel verständlich.

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