25.05.2012 20:22 | Meine Presse Merkliste 0

Das Warten auf „nach der Arbeit“

IRENE KLOIMÜLLER (Die Presse)

Die budgetäre Pensionsbombe ließe sich durch ein positives Denkmodell über Arbeit und durch eine neue Qualität von Arbeit entschärfen.

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Die budgetäre Pensionsbombe tickt, die Einzahlungen der Aktiven können die Ruhensbezüge der PensionistInnen nicht decken, der Staatszuschuss steigt, das Milliardenloch wächst beängstigend – kurzum: Die Gleichung geht sich nicht mehr aus. Die Finanzierung des Systems ist auf Dauer ohne Anhebung des faktischen Pensionsalters zumindest auf das jetzige gesetzliche nicht möglich.

Diese Anhebung wird nicht nur durch eine politische und pensionsmathematische Reform zu erreichen sein. Die Basis für die erfolgreiche Anhebung liegt in einer Einstellungs- und Arbeitsreform. Keine Pensionsreform kann erfolgreich wirken ohne ein positives Denkmodell über Arbeit und eine neue Qualität von Arbeit.

In Österreich ist Arbeiten für viele zu etwas geworden, was sie schnell hinter sich bringen wollen. Das vermeintlich wahre Leben wollen wir dann in der Pension genießen. Von frühester Kindheit an wird vermittelt: Schule ist Zwang, und Arbeit ist Einschränkung von Lebensqualität. Zwang nimmt Freiheit und Freude und ist moderne Knechtschaft. Also warten wir auf „nach der Arbeit“: zuerst auf die Ferien, auf die Freizeit, auf das Wochenende und schließlich auf die Pension.

Doch Arbeit soll ein Grundelement eines gelungenen Lebens sein. Arbeit bietet – ganz banal betrachtet – weit mehr als Existenzsicherung. Arbeit kann Gemeinschaft, Anerkennung und Erfolg bringen. Arbeit, wenn als wert- und sinnvoll eingeschätzt, hebt unser Selbstbewusstsein und unterstützt unsere Persönlichkeitsentwicklung. Arbeit, die uns positiv herausfordert und nicht überfordert, fördert unsere Gesundheit.

 

Arbeit sollte sinnstiftend sein

Zugegeben, nicht jede Arbeit ist gleich attraktiv. Aber es ist auch eine Frage, was man aus seiner „Arbeit“ macht. Alle sind aufgefordert, an der Gestaltung dafür mitzuwirken.

Einstellungsreform und Arbeitsreform – was also ist zu tun? Gestalten wir Arbeit so, dass sie als sinnstiftendes Fundament unseres Lebens verstanden werden kann, und orientieren wir Ausbildungs- und Arbeitsreform daran.

Verkünden wir keine „Du musst“-Botschaften über Lernen, Leben und Arbeiten, sondern „Du kannst, Du darfst!“. Dafür lohnt es sich, Arbeit und Umfeld mitzugestalten. Auch kleine Beiträge können unsere Arbeitswelt positiv verändern und werden, gekoppelt mit einer positiven Einstellung, zum Schlüssel für ein längeres, gesundes und befriedigenderes Arbeiten.

Programme wie „Fit für die Zukunft – Arbeitsfähigkeit erhalten“ der AUVA und PVA versuchen die Qualität von Arbeit und die bejahende Einstellung durch ein Bündel von Maßnahmen zu fördern. 20 Betriebe mit rund 12.500 Beschäftigten sind Partner in diesem Programm. Es wird zeigen, dass es möglich ist, einen Beitrag zur Unterstützung von sinnvoller, langer Arbeitsfähigkeit zu leisten.

Gerade auch die „Älteren“ und „Alten“ können mehr, als man glaubt. Und viele wollen auch gar nicht den möglichst schnellen Rückzug aufs „Altenteil“. Auch Erfahrung zählt wieder etwas, zum Vorteil von Wirtschaft und Gesellschaft.

Irene Kloimüller ist Expertin für Arbeitsfähigkeitsmanagement und Leiterin des Programms „Fit für die Zukunft – Arbeitsfähigkeit erhalten“ der AUVA und PVA.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2011)

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12 Kommentare
Kokopelli
17.03.2011 21:07
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Gut gebrüllt, Löwe!

Eine schöne Vision und ehrlich geschrieben. Aber es gibt bei uns leider keine sachliche und umfassende Diskssion über dieses Thema. Ich bin ebenfalls heuer mit Abschlägen in Pension gegangen (Korridorpension), hatte einen wunderbaren Beruf (Bibliothekar), der mir Herz und Hirn mit Freude erfüllte. Ich habe gerne einem Jüngeren Platz gemacht. Jetzt baue ich mir ein neues Netzwerk auf und engagiere mich in einem neuen, wenn auch berufsnahen Bereich (Schriftstellerei). Die Tätigkeit als solche fasziniert und erfüllt mich. Geld und Erfolg sind sekundär. Ich werde nicht für den Mammon gelebt haben. Das war's dann.

Schön geredet, Frau Kloimüller! Aber!

An der Spitze dieser Regierung steht ein Bundeskanzler, der mit seiner Partei am 24. Sep. 2008 in einer "Nacht- und Nebelaktion" bei der wahrscheinlich kein NR-Abgeordneter wirklich wusste was passiert - unmittelbar vor der NR-Wahl - die von der Regierung Schüssel II ausgehandelt Pensionsreform, in weiten Teilen wieder rückgängig gemacht hat. Dies geschah gemeinsam mit den derzeitigen Oppositionsparteien und teilweise auch mit der ÖVP, deren Obmann nun Finanzminister (!!! ) ist. In meinem Fall - Geburtsjahrgang 1948 und Nutznießer der 60/40 Regelung - hat sich das mit einem ganz guten Betrag zu meinen Gunsten niedergeschlagen. Unsicher ob diese, für mich sehr günstige Regelung hält, ging ich - voll Wut im Bauch über die von den Bankhaien verursachte Finanzkrise - natürlich in Pension. Und zwar: 1. Da ich nicht wusste was den Damen und Herren in Regierung und Parlament an weiteren Dummheiten in "Nacht- und Nebel" einfällt, möglicherweise zu meinen Ungunsten. 2. Da man nach Jahrzehnten gerne etwas anderes Macht, was Aufsteigern ermöglicht wird, aber viele Menschen die sehr lange bei einer Tätigkeit verharren müssen, nicht gelingt. Der Idealfall, dass Beruf nicht nur Broterwerb sondern auch Ziel und Identität ist, den gibt es nicht so häufig wie er in diesem Kommentar beschrieben wird. Darüber hinaus - und das weiss ich nunmehr aus eigener Erfahrung - gibt gute Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Arbeiten im Non-Profit, die wirkllich identitätstiftend und sinngebend sind.

Antworten Gast: Montecarlo
17.03.2011 10:39
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Re: Schön geredet, Frau Kloimüller! Aber!

Wo im Non-Profit-Bereich gibt es Arbeit für Menschen mit 60? Caritas, Volkshilfe, Greenpeace? Bitte ein Beispiel ... Ich weiß nicht, wohin man sich wenden kann. Alle winken bei diesem Alter ab, auch am Telefon, ohne einen zu sehen.

Re: Re: Schön geredet, Frau Kloimüller! Aber!

Ich habe hier von Ehrenämtern und nicht von bezahlter Arbeit gesprochen. Aber vielleicht war ich dabei nicht ganz klar.

Schön geschrieben, Frau Kloimüller!


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Das ist ja alles schön und gut...

...aber woher sollen all die Arbeitsplätze denn kommen? Wir haben jetzt schon viel zu wenig Arbeitsplätze für alle Arbeitswilligen. Zumindest solche Arbeitsplätze, bei denen man genug zum Leben verdient.

Die meisten Arbeitslosen wollen ja arbeiten, sie finden nur nichts Adäquates. Für einen Bettel will niemand arbeiten. Sicher gibt es auch Menschen, die das Sozialsystem ausnützen, aber das sind wenige im Vergleich zu jenen, die arbeiten wollen und nichts finden. Das AMS ist dabei nicht besonders hilfreich, das weiß jeder, der schon damit zu tun hatte.

Das erklärt auch, warum sich alles nicht mehr ausgeht: die arbeitenden Menschen zahlen zu wenig in die Pensionskassen ein. Warum tun sie das? Weil sie so wenig verdienen. Wie wir wissen, steigt die Sozialversicherung ja mit der Höhe des Einkommens.

Gäbe es mehr gut bezahlte Vollzeitarbeitsplätze, würden die Menschen auch mehr einzahlen. So lange die Unternehmen aber lieber Billiglohnjobs und Teilzeitjobs anbieten, wird daraus leider nichts werden.

Hebt man das Pensionsalter an, hat man vielleicht die Pensionsstatistik verringert (weniger Pensionsbezieher), dafür aber dann halt mehr Mindestsicherungs- oder Notstandshilfenbezieher. Ist das vielleicht sinnvoller?

Antworten Gast: Weinviertlerin
17.03.2011 10:43
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Re: Das ist ja alles schön und gut...

Woher die vielen Arbeitsplätze kommen sollen? Da wüsste ich schon einen Ausweg. Staatliche Betriebe natürlich, neue Produktionen, Autofabriken zum Beispiel. Das schafft Arbeitsplätze und bringt auch noch Gewinn für den Staat. Wir alle hätten was davon. Sie könnten schon, aber sie wollen nicht. Natürlich könnte der Staat Autos produzieren. Warum nicht? Ich schlage vor, mit einem Kleinwagen zu beginnen. Der "ÖSI", ähnlich dem Aixam, klein, gut und billig.

Gast: Weinviertlerin
16.03.2011 13:24
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Musterbetrieb

Es wäre schön, wenn Frau Kloimüller bei der PVA anregen könnte, einen Musterbetrieb zu gründen, ein Vorzeigebetrieb für die Wirtschaft, und zwar mit lauter Mitarbeitern zwischen 50 und 70, egal, in welcher Branche. Der Betrieb muss nicht Gewinn bringen, sondern es genügt, ihn kostendeckend zu führen. Damit sollte man ordentlich Werbung machen und der Wirtschaft Förderprogramme anbieten, die ihnen die Einstellung älterer Menschen schmackhaft machen. Die Bewerber zwischen 50 und 70 würden sich um eine Stelle in diesem Musterbetrieb reißen!

Gast: Montecarlo
16.03.2011 13:11
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Überall Altersdiskriminierung, auch beim AMS!

Vogel Strauss hat Recht. Was nützt es uns, wenn wir voll fit und arbeitsfähig sind, wenn die Firmen nur abwinken? Zuerst alle interessiert, aber kaum hören sie das Geburtsdatum, ist es aus, aber wir können doch nicht unseren Pass und Lebenslauf fälschen. - Neulich beim AMS haben mein Mann und ich, beide 60, bei den Mitarbeitern lebhafte spöttische Heiterkeit geerntet. "Was???? Sie wollen arbeiten? Echt???? In d e m Alter????" - Nein, für Sie haben wir nichts. In Ihrem Alter sind sie unvermittelbar, lautete die trockene Antwort, nachdem sich die Lachstürme wieder gelegt hatten. - Bei den Firmen spielt es sich ebenso ab. Meist antworten sie nicht mehr, nachdem sie den Lebenslauf und damit das Alter kennen. Sie schauen einen nicht einmal an, geben einem nicht einmal einen 5-Minuten-Termin. Auch wenn wir unsere Arbeitskraft noch so billig anbieten, es nützt uns nichts. Man will nur Junge habe - bis maximal 40. Das wird einem auch von vielen Firmen offen erklärt. - Die Politik wird diesbezüglich etwas tun müssen, wenn man die Menschen länger in Arbeit halten will. Unsere Firmen, wo mein Mann und ich gearbeitet haben, haben uns mit 60 einfach abserviert. Mit dem Hinweis, wir sollten doch in Pension gehen, und fertig. - Gibt es Adressen, an die man sich wenden kann? Hat jemand Arbeit für Menschen ab 60? Mit PC- und Sprachkenntnissen sowie Erfahrung in mehreren Berufen???

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Re: Überall Altersdiskriminierung, auch beim AMS!

Wenn es Ihnen ein Trost ist: den Jüngeren gehts auch nicht besser.

Auch als Jüngerer wird man beim AMS höchstens mitleidig angeschaut und zum Bewerben für Jobs geschickt, die absolut nichts mit der Ausbildung zu tun haben, die man vorweisen kann.
Die Personalverantwortlichen schauen einen dann kopfschüttelnd an und fragen sich, warum das AMS das getan hat, da die Ausbildung doch überhaupt nicht mit dem Jobprofil zusammen passt - und schicken einen wieder weg. Reine Zeitverschwendung das Ganze.

Gast: Vogel Strauss
16.03.2011 08:00
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Älteren Arbeitswilligen ...

... wird es jedoch beinahe verunmöglicht, weiter im Erwerbsleben zu verweilen. Da gehört unbedingt was geändert!

Antworten Gast: Freyung123
16.03.2011 13:16
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Re: Älteren Arbeitswilligen ...

Sie haben ja so recht. In meinen Ohren klingt das wie Hohn. Wir sollen länger im Erwerbsleben bleiben. - Ja, gern, aber wie???? Was wir brauchen, ist eine Jobbörse für Menschen im Alter von 50 bis 70. Ich kenne so viele rüstige Rentner, die verzweifelt nach Arbeit suchen. Das einzige, was man ihnen manchmal anbietet, ist Nachtarbeit, enweder die ganze Nacht am Würstelstand stehen oder um 2 Uhr früh Zeitungen austragen. Das ist die bittere Wahrheit. Es ist zum Verzweifeln. Wie sollen die Mindestrentner mit ihrem Geld auskommen? Warum lässt man sie nicht arbeiten, wenn sie gesund und fit sind?

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