25.05.2012 20:23 | Meine Presse Merkliste 0

Kleine Diskurslehre am Beispiel der Gemeinwohl-Ökonomie

CHRISTIAN FELBER (Die Presse)

Was hat Franz Schellhorns Kritik am Modell der Gemeinwohl-Ökonomie noch mit Qualitätsjournalismus zu tun? Eine Replik.

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Franz Schellhorn, Leiter des „Presse“-Wirtschaftsressorts, mag also die Gemeinwohl-Ökonomie nicht und bringt diese Abneigung im sonntäglichen „SuperMarkt“ erneut zum Ausdruck („Fidel Castro, der alte Kapitalist“, 24.4.). Allerdings nicht feinfedrig, Sachargument um Sachargument, sondern mit dem Arsenal des Schreckens: „Völkerkerker“, „Massenmörder“, „Totalitarismus“, „Nationalsozialismus“ – die Leserschaft der Presse soll ob des neuen Wirtschaftsmodells offenbar panisch werden, anstatt ruhig zu denken. Die Frage ist, was das mit Qualitätsjournalismus zu tun hat.

Das „liber delicti Gemeinwohl-Ökonomie“, bereits über 10.000-mal verkauft, habe ich mit engagierten UnternehmerInnen und Citoyens ausgearbeitet. In wachsenden Kreisen entwickeln wir das Modell laufend weiter. Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung wünschen sich 90 Prozent der ÖsterreicherInnen eine „neue Wirtschaftsordnung“.

Diesem Wunsch kommen wir nach. Unser Vorschlag ist, dass dieselben Grundwerte, die unsere zwischenmenschlichen Beziehungen gelingen lassen – Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Verantwortung und Teilen – auch in der Wirtschaft zum Ziel erklärt, gemessen und belohnt werden sollten.

 

Innovationsfeindliche Ordnung

260 Unternehmen aus sieben Staaten unterstützen das Modell bereits, 70 werden heuer die Gemeinwohl-Bilanz erstellen, in der gesellschaftliche Verantwortung, ökologische Nachhaltigkeit, Arbeitsplatzzufriedenheit, Verteilungsgerechtigkeit und Mitbestimmung gemessen werden.

Schon heute gibt es Sozial-, Umwelt- und ethische Bilanzen, die zusammengefasst und in einem breiten demokratischen Prozess verbindlich gemacht werden sollten. Nach breiter Vordiskussion soll ein Wirtschaftskonvent die Feinarbeit leisten. Mit Kommunismus hat das genauso wenig zu tun wie mit Kapitalismus.

Aber um das unterscheiden zu können, braucht es innovatives und flexibles Denken, das den Verteidigern der Supermarktwirtschaft offenbar nicht gelingt – obwohl sie Innovation und Flexibilität für ihr Modell reklamieren. Die jetzige Wirtschaftsordnung erweist sich als eminent innovationsfeindlich, zumal sie weder die ökologische noch die Verteilungs- oder die Demokratiekrise zu lösen imstande ist.

 

Kapitalismus hilft nicht weiter

Auch gegen die Sinn- und Wertekrise hilft Kapitalismus nicht, sondern erzeugt sie, weil er allen Wert in Geldwert übersetzt und „Erfolg“ ausschließlich in monetären Größen misst, die nichts über Lebensqualität, Menschenwürde oder Mitbestimmung aussagen.

Die Gemeinwohl-Ökonomie versucht genau dieses Dilemma zu lösen: Private Unternehmen und Wirtschaftsinitiative ja, aber Ziel ist nicht maximaler Finanzgewinn, sondern die Gleichgewichtung sozialer und ökologischer Zielsetzungen mit individuellen Bedürfnissen; Privateigentum ja, aber keine unbegrenzte Macht von Einzelperson oder Unternehmen. Die Eigentumsfreiheit muss genauso begrenzt werden wie alle anderen Freiheiten: Das rechte Maß will gefunden werden – demokratisch.

Franz Schellhorn fährt fort, das sich wachsender Unterstützung erfreuende Modell konsequent mit Castro, Stalin und Hitler zu assoziieren. Auf den Diskussionsbeitrag pro Gemeinwohl-Ökonomie von drei Unternehmern mit bis zu 300 Beschäftigten geht er erst gar nicht ein. Schade, denn eine sachliche Diskussion darüber werden von Tag zu Tag nötiger.

Christian Felber, 38, ist Buchautor und Lektor an der WU Wien.

Franz Schellhorn legt Wert auf die Feststellung, dass er in dem kritisierten „SuperMarkt“-Kommentar Ch. Felber gar nicht erwähnt hat.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2011)

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12 Kommentare

Endlich ein Denker

Also mich begeistert die Gemeinwohloekonomie!
Was das mit Kommunismus zu tun haben soll wissen wohl die Kommentatoren selber nicht.

Aber wer halt den Status Quo in Frage stellt ist sofort ein Spinner oder Kommunist. Um Gottes Willen, Fidel Castro in Wien, noch dazu auf der Uni. Geh, seids bitte ein bischen aufgeschlossener gegenueber vernuenftigen und intelligenten Ideen.

Und wer tatsaechlich noch an das Maerchen vom Kapitalismus als einzig moegliche Wirtschaftsform glaubt dem sei der Film "HOME" empfohlen.
http://www.home-der-film.org/der-film--die-botschaft.html

Ja Leute, so gehts halt nicht weiter. Auch im (noch) seligen Oesterreich wird man irgendwann aufwachen muessen.

Ich bin ueberzeugt das Christian Felber einen sehr wichtigen Beitrag zu Alternativen unseres Wirtschaftssytems leistet!

Zukuenftige Generationen werden es ihm danken!

Karl


Arethas
04.05.2011 09:54
4 0

Gemeinwohl

Ohne weiteren Kommentar:

"Gemeinnutz geht vor Eigennutz - war ... auf dem Münzrand der Reichsmarkmünzen eingeprägt."

Arethas
03.05.2011 21:05
7 1

Citoyens

Mit Citoyens hat er das also ausgearbeitet...
die Erfahrung lehrt, wo Citoyens wirken, ist die Guillotine nicht weit.

Und ein Konvent soll die Feinarbeit leisten...
die Sprache verrät den modernen Jakobiner.

Gemeinwohlökonomie

Theorien zu diesem Thema gibt es spätestens sein Karl Marx. Leider sind alle Versuche, diese in die Praxis umzusetzen gescheitert. Das spektakulärste Beispiel ist wohl der Kollaps des kommunistischen Ostblocks.
Als österreichisches Beispiel kann das Versagen der nach dem zweiten Weltkrieg verstaatlichten Industrie in Erinnerung gerufen werden.
Als aktuelle Beispiele von Versuchen, Gemeinwohlökonomie zu erreichen, könnnen die ÖBB, die Unternehmen der Sozialversicherung und das Wirtschaftskonglomerat der Stadt Wien dienen. In allen diesen Fällen bemächtigte sich im Lauf der Jahre eine gewisse Gruppierung der Führung, praktizierte Personalpolitik exclusiv zugunsten ihrer Gefolgsleute, denen überdurchschnittliche Einkommen, Sozialleistungen und Pensionsprogramme zugestanden wurden. Natürlich führt das zu überhöhten Kosten ihrer Leistungen, die entweder zu überhöhten Preisen dem Markt oktroyiert oder von der Allgemeinheit, den Steuerzahlern subventioniert werden müssen.
Dieses System wird vom Bundeskanzler abwärts als "soziale Gerechtigkeit" propagiert.

Logos21
03.05.2011 18:55
6 1

Was uns Christian Felber sagt:

"Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung wünschen sich 90 Prozent der ÖsterreicherInnen eine „neue Wirtschaftsordnung“. Diesem Wunsch kommen wir nach."
--- Schellhorn hat mit seinem NSDAP/Kommunismusvergleich Recht gehabt: genau das haben Rote und Braune Sozialisten propagiert: den "Wunsch" des Volkes zu erfüllen. Zudem ist es unseriös, sich und sein Handeln auf eine Umfrage zu stützen, ja es ist zutiefst demagogisch.
+
"Die Eigentumsfreiheit muss genauso begrenzt werden wie alle anderen Freiheiten."
--- In diese sanften Worte kleidet der Rote Propagandist Felber das Programm der Enteignung.
+
+
Felber ist ein radikaler Extremist, der sich darauf versteht, seine Attacken auf Ordnung und Freiheit in mildes Licht zu tauchen.
"Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen."
(Matthäus)

Gast: Reinhard FUCHS GRAZ
03.05.2011 14:53
5 1

Wir schätzen Ihren Idealismus, Herr Felber !

Bevor Sie träumen bitte folgende Fakten erklären.

1970 hatten wir NULL Staatsverschuldung, nahe NULL Arbeitslose, kaum Mehrwertssteuer, 30% Lohnnebenkosten, wenig Schwarzarbeit u. viel weniger Einzahler ins System !!

Nach 40 Jahren Misswirtschaft, Klientelpolitik (siehe Aufblähung des öff. Bereiches 22 statt 5 Verwalter je 1000EW) u. Gehirnwäsche, überwiegend durch die SPÖVP glaubt jeder nur mehr an Umverteilung statt Wertschöpfung als Grundlage unseres Wohlstandes !!

Die ökosoziale Marktwirtschaft ist schon in Ordnung (siehe Schweden oder Schweiz), nur der zukunftsvernichtende Zynismus div. Gewerkschafter, Funktionäre u. Landesfürsten
treibt uns Richtung "Staatssozialismus". "Lernens ein bisserl Sozialwissenschaften" bei Bernd Marin, dann kommens wieder. DANKE !

Antworten Gast: Robert Laabmayr
29.03.2012 00:25
0 0

Re: Wir schätzen Ihren Idealismus, Herr Felber !

Teil 2... Nun mag man mir Naivität nachsagen: Wenn Naivität Gutgläubigkeit ist, so bekenne ich mich zu einer bewußten Gutgläubigkeit! Ich glaube daran, dass der Mensch sich wandeln kann. Denn so wie ich mich im Laufe meines Lebens als Vater von 4 Kindern, als Ehemann, als Arbeitnehmer und seit kurzem Arbeitgeber zumindest ein bisserl entwickelt hab, so trau ich das auch unserer Gesellschaft zu! Ja, ich glaube sogar dass es eine sehr gute Zeit ist, in der sich viel entwickeln kann! Weiterhelfen wird uns dabei auf jeden Fall eher der, der positiv eingestellt ist, motiviert ist neues zu probieren, bereit ist Selbst- und Sozialverantwortung zu übernehmen und nicht die Veränderung von vorne herein tod sagt! Ich appelliere an alle, hört und fühlt in Euch hinein wie Ihr zu jenen steht, die für Euch am wichtigsten sind (Partner, Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde etc..). Hier fängt bereits Gemeinwohl an.

Ich bin ein Interessent an der Gemeinwohlökonomie. Was ich bisher recherchiert habe kommt mir echt vor. Ich finde die Idee super, und kann mir vorstellen, dass das Konzept funktioniert, wenn man wirklich das große GANZE vor das eigene stellt (neben bei: im großen GANZEN ist man immer selber auch mit drinnen! Automatisch steht man also mit allen anderen auf gleicher Ebene!)

Also habt keine Angst vor dem großen Ganzen, ihr könnt Teil davon sein, ohne Euch aufgeben oder ausliefern zu müssen :-)

Alles Gute uns allen!!


Antworten Gast: Robert Laabmayr
29.03.2012 00:09
0 0

Re: Wir schätzen Ihren Idealismus, Herr Felber !

während im Nationalsozialismus die Ideale eines Wahnsinnigen, einem unreifen und unbewußten Volk unter dem Vorwand eines Wohlstandes vekauft wurde, der in seiner Art obendrein höchst fragwürdig war, wurde mit dem Kommunissmus eine Vorstellung von Gemeinwohl einem Volk übergestülpt, ohne es als zum tragfähigen Faktor dafür zu entwickeln. Die Eigentumsbeschränkung ist sicher nicht die Lösung, da es wieder nur ein Eingriff wäre, der - wenn aufgezwungen - Unfrieden und Spannungen hervor bringt. Der Umgang mit Eigentum ist vielmehr ein Resultat der Herzensbildung. je ausgeprägter diese ist, um so eher wird man eher teilen statt horten, fair handeln statt vorteil schinden, Profitdenken reduzieren und Beziehungsdenken ausbauen. Ob unsere Gesellschaft die kritische Masse endlich erreicht hat, dass solch gesinnte Menschen aus allen wirtschaftlichen und öffentlichen Bereichen sich organisieren (zB. in einem Netzwerk einer Gemeinwohl-Ökonomie) und durch positives Miteinander und Füreinander verändernd in die bestehenden Strukturen hinein wirken wird sich zeigen. Auch wenn der Mensch in der Vergangenheit zu verhehrenden Aktionen fähig war, ich möchte nicht die Hoffnung aufgeben, dass der Mensch in seiner Herzensbildung schon am Ende der Entwicklungsfähigkeit angekommen ist. Im Gegenteil! Noch nie ist es uns so gut gegangen und trotzdem leidet unsere Gesellschaft an einem Sinnvakuum. Das ist gut so, denn das braucht es um neues entstehen lassen zu können... Ende Teil 1

Antworten Gast: perdolfo
04.05.2011 17:28
3 2

Re: Wir schätzen Ihren Idealismus, Herr Felber !

zynischer geht`s wohl nicht mehr Herr Fuchs !
der Großteil der österr. Arbeitnehmer ist wertschöpfend unterwegs und viele "verarmen "dabei !
Da von Umverteilungsträumerei zu schreiben zeugt von Unkenntnis oder Blindheit den Menschen gegenüber.
Wenn Wohlstand nicht mehr von Leistung, Können und Bildung abhängt ist wohl kaum der Gewerkschaft die Schuld zuzuweisen.
Lernen Sie mal nicht Geschichte, sondern die Gegenwart kennen !

TAGWACHE !!!

Gerald
03.05.2011 12:08
8 1

"Die Eigentumsfreiheit muss genauso begrenzt werden wie alle anderen Freiheiten"

Aber mit Kommunismus hat das laut Hrn. Felber natürlich überhaupt nichts zu tun. Die Gemein-Wohl Ökonomie ist nichts anderes wie eine weitere faule Frucht des selben morschen Baums namens Sozialismus. Nichts gegen bessere soziale, ökonomische oder ethische Standards in der Wirtschaft, aber letztendlich müssen auch diese sich kapitalistisch bewähren. Denn wenn der Kunde nicht bereit ist für diesen gemeinwohlen Mehraufwand mehr zu bezahlen, dann wird die Firma pleite gehen. Abstimmung mit den Füßen nennt man das und die hat auch schon der Kommunismus verloren.

8 1

Ja, ja , das Gemeinwohl ..

was ist das, wie definiert es sich? Bestimmt wird es zwar demokratisch. Aber was wird da bestimmt? Die millionenfach unterschiedlichen Vorstellungen, was alles zum Gemeinwohl gehört, wohl nicht. Das schießt sich doch von selbst aus. Also dann etwas Vorgelegtes, das von irgendeiner überschaubaren Gruppe von Menschen festgelegt wurde, und vom großen Rest abgenicktwird. Was aber ist das noch für eine Demokratie? Eine Volsdemokratie vielleicht,

Gast: 1. Parteiloser
03.05.2011 08:38
1 1

Lass mal die Kirche im Dorf!

Es steht doch außer Zweifel, dass das Handeln der Menschen dem Gemeinwohl dienen soll, wenn man die Gesellschaft weiterbringen will.

Diesen Grundsatz zu verwenden um den versteckten Kommunismus in Österreich (und Europa, vielleicht sogar Global) weiter treiben zu wollen wird aber scheitern. Er wird deshalb scheitern, weil man die Unternehmen nicht zu einer Gemeinwohlökonomie verpflichten kann ohne alle anderen Personen einer Gesellschaft mit ins Boot zu holen. Auf jeden Fall müssten die Bereiche "Staatlichkeit" und das Finanzwesen erst einmal dazu verpflichtet werden und das wäre für die Gesetzgeber auch recht einfach, nur wollen tun die nicht.

In sehr vielen Unternehmen, der Masse der KMU (Realwirtschaft), werden die wesentlichen Grundsätze der Leistungen für das Gemeinwohl auch verwirklicht. Da stehen Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammen an der Front und kämpfen um die eigene Existenz, welche durch die gesamte Leistung des Unternehmens begründet ist. Es ist nur natürlich, dass die Menschen in den KMU (Arbeitgeber und Arbeitnehmer) sich auch um die Umwelt, Soziales bemühen und eine sehr schöne ethische Bilanz haben.

Es besteht wirklich kein Grund wegen eines durchgeknallten Finanzunwesens und einer voll durchgeknallten Staatlichkeit (geschützte Bereiche) die Masse der KMU zu diskreditieren und in ein Korsett zwängen zu wollen.

Auch wenn wir gewaltige Disbalancen haben, bitte nur die wirklichen Fehlentwicklungen beseitigen.

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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