Ein Denkmal für die Deserteure

Wo könnte besser als auf dem Wiener Heldenplatz auf diese furchtbare Bilanz der Wehrmachtsjustiz hingewiesen werden?

Denkmäler sollen klug sein, schrieb Kurt Scholz am 5.Juli in seinem „Quergeschrieben“ in der „Presse“. Recht hat er. Die Ansprüche an Erinnerungszeichen im öffentlichen Raum haben sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Das traditionelle Schema „Sockel plus Figur“ wird den komplexen erinnerungspolitischen Anforderungen in postnationalsozialistischen Gesellschaften nicht länger gerecht.

Gefragt sind nicht Symbole nationaler Identitätsstiftung, sondern Denkmale, die kritisches Nachdenken in Gang zu setzen und auf produktive Weise zu irritieren vermögen. Neben Originalität und Kreativität sind bei der künftigen Gestaltung eines Deserteursdenkmals inhaltliche Argumente entscheidend: Es muss ebenso an die Leiden erinnern wie die Leistungen derer würdigen, die aus ganz unterschiedlichen Motiven und auf je eigene Weise geholfen haben, der NS-Herrschaft und dem Vernichtungskrieg ein Ende zu setzen.

Dabei ließe sich auf anklagende oder gar bußfertige Metaphorik zugunsten einer Betonung des Rechts auf Widerstand verzichten. Und überhaupt: Wer sagt denn, dass man vor Denkmalen immer betroffen Kränze ablegen muss? Was spricht dagegen, diese Zeichen im öffentlichen Raum als Treffpunkte für Picknicks oder Demonstrationen zu wählen?

 

Projekte sollen inspirieren

Das Denkmal darf aber keinesfalls als Endpunkt der noch jungen Auseinandersetzung um die Deserteure missverstanden werden. Vielmehr soll es Projekte inspirieren, die sich Fragen nach den Grenzen von Befehl und Gehorsam – oder allgemeiner: von Zumutung und Fügsamkeit in unterschiedlichen historischen und sozialen Kontexten widmen.

Von hoher Relevanz wäre ein Konzept, das von einem zentralen Denkmalstandort aus auf die Topografie der militärjuristischen Verfolgung in Wien mit seinen etwa 30 Gerichtsstandorten, Gefängnissen und Hinrichtungsstätten Bezug nimmt.

Wien war ein Zentrum der Wehrmachtsjustiz, der insgesamt zehntausende Männer und Frauen zum Opfer gefallen sind. Und wo könnte besser auf diese furchtbare Bilanz hingewiesen werden als auf dem Heldenplatz, auf dem die Republik vorwiegend der Gefallenen der Weltkriege und nur en passant der Toten des Widerstands gedenkt?

Die rot-grüne Wiener Koalition hat sich auf ein Deserteursdenkmal geeinigt. Zahlreiche Wortspenden aus Politik, Kunst, Kultur, Wissenschaft illustrieren darüber hinaus breiten Konsens – nicht nur prominente Deserteurssöhne, auch Kardinal und Kommunist, Schriftstellerin und General setzen sich für das Projekt ein (siehe www.deserteursdenkmal.at). Was diese Allianz bewirken kann, wird sich weisen.

66 Jahre nach Kriegsende wäre es höchste Zeit, dass sich zu den hunderten Kriegerdenkmälern im ganzen Land endlich ein Denkmal für Wehrmachtsdeserteure gesellt. Die Zeit drängt – nur wenige Opfer der NS-Militärjustiz sind noch am Leben. Dies sollte Grund genug sein, die beschlossenen Pläne zügig umzusetzen – wobei das Wiener Denkmal das erste sein, aber keinesfalls das einzige bleiben soll.

Magnus Koch lebt in Hamburg. Er ist Historiker und Kurator der Wanderausstellung „,Was damals Recht war...‘ – Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“, die im September in Dornbirn zu sehen sein wird.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.07.2011)

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