Das Finanzsystem lässt keine Abweichung, gar Kehrtwendung zu

Das Ergebnis der jetzigen Bemühungen zur Krisenbewältigung wird sein, dass die Macht der Banken noch größer wird.

Seit Oktober 2008 geistert immer wieder der kryptische Hinweis über eine „systemische Krise“ durch die Finanzwelt. Zuletzt hat ihn Jean-Claude Trichet anlässlich seines Abschieds von der EZB-Spitze ausgesprochen. Details blieb er schuldig. Die Ereignisse verlangen aber nach gründlicher Durchleuchtung jenes Finanzsystems, das uns seit 2007 in die Subprime-, Banken-, Finanzmarkt-, Weltwirtschafts- und nun die Staatsschuldenkrise führt.

Der freieste aller Märkte, der Finanzmarkt, korrigiert sich offenbar im Gegensatz zu irreführenden Behauptungen unkritischer Theoretiker und neoliberaler Eiferer nicht selbst, er findet auch nicht von selbst wieder ins Gleichgewicht. Im Gegenteil: Ohne massive staatliche Eingriffe und die Sozialisierung des Risikos wären sogar die Wall-Street-Giganten 2008 an ihrer Freiheit zugrunde gegangen.

Die deutsche Wochenzeitschrift „Die Zeit“ titelte schon in den 1980er-Jahren: „Marktwirtschaft ist die Ordnung der Wölfe“. Während Millionen von Menschen die Ersparnisse ihres Lebens und das Dach über dem Kopf geraubt, ganze Staaten und ihre Bürger tiefer in die Verschuldung getrieben wurden, um die Übeltäter zu retten, durften sich die schuldigen Bankmanager weiterhin ungestraft Milliardeneinkommen auf ihren Konten gutschreiben.

 

Es begann in der Londoner City

Das Finanzsystem züchtet mit seiner grenzenlosen Freiheit immer neue Milliardäre heran – in einem gnadenlosen Umverteilungsgemetzel, bei dem es wenige Gewinner und unzählige Verlierer gibt.

Das vorherrschende Geldsystem hat seinen Ursprung in der Londoner City, wo 1694 die Bank of England als private Notenbank gegründet wurde, die in der Folge das System entwickelte: Gelderzeugung durch Bedrucken von wertlosem Papier, das erst durch ein Zahlungsversprechen der Bank oder des Staates einen Wert erhält, und Verleihen dieses Geldes gegen Zinsen. 1914 gelang es einem halben Dutzend Londoner und New Yorker Bankiers durch Bestechung, Täuschung und Verschwörung eine ebenfalls private Notenbank vom US-Kongress gesetzlich verankern zu lassen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg expandierte das System in Festland-Europa.

 

Stets die gleichen Gewinner

Staatliche Zentralbanken bringen Geld entweder direkt über Staatsausgaben in Umlauf oder durch den Ankauf von zinsgünstigen Staatsanleihen. In dem von der Bank of England und der US-Federal Reserve dominierten Finanzsystem gelangt das aus dem Nichts erzeugte Geld der Zentralbank ausschließlich durch Kredit an die Geschäftsbanken in Umlauf. Diese schleusen es ihrerseits mit Krediten gegen entsprechend höhere Zinsen in den Kreislauf der Wirtschaft ein.

Während die Kredittilgung dem zuvor erhaltenen Geld entspricht und der Saldo auf null gestellt wird, bedeuten die Zinszahlungen eine übermäßige Verringerung der umlaufenden Geldmenge der Realwirtschaft. Der Zinsgeldfluss in Richtung der Gläubiger bewirkt wie ein Perpetuum mobile eine Nettoumverteilung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft zur Finanzwirtschaft. Um ein Erlahmen der Wirtschaft und der Staatsaktivitäten zu verhindern, muss der Zinsgeld-Abfluss daher durch ständig neue Kredite ersetzt werden.

Dieses System lässt keine Abweichung oder gar Kehrtwendung zu, solange Regierungen von der Gunst ihrer Financiers abhängig sind – also auf ewig. Die Gewinner sind stets die Gleichen. Und wenn jetzt durch die Zerstörung des Finanzsystems ein Zustand absoluter Verwirrung geschaffen wird, droht als Ergebnis, dass eine noch größere Macht der Banken bedingungslos akzeptiert werden muss.

Dr. Wolfgang Freisleben ist Finanzberater und freier Finanzpublizist.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2011)

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