25.05.2012 18:54 | Meine Presse Merkliste 0

Das Finanzsystem lässt keine Abweichung, gar Kehrtwendung zu

WOLFGANG FREISLEBEN (Die Presse)

Das Ergebnis der jetzigen Bemühungen zur Krisenbewältigung wird sein, dass die Macht der Banken noch größer wird.

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Seit Oktober 2008 geistert immer wieder der kryptische Hinweis über eine „systemische Krise“ durch die Finanzwelt. Zuletzt hat ihn Jean-Claude Trichet anlässlich seines Abschieds von der EZB-Spitze ausgesprochen. Details blieb er schuldig. Die Ereignisse verlangen aber nach gründlicher Durchleuchtung jenes Finanzsystems, das uns seit 2007 in die Subprime-, Banken-, Finanzmarkt-, Weltwirtschafts- und nun die Staatsschuldenkrise führt.

Der freieste aller Märkte, der Finanzmarkt, korrigiert sich offenbar im Gegensatz zu irreführenden Behauptungen unkritischer Theoretiker und neoliberaler Eiferer nicht selbst, er findet auch nicht von selbst wieder ins Gleichgewicht. Im Gegenteil: Ohne massive staatliche Eingriffe und die Sozialisierung des Risikos wären sogar die Wall-Street-Giganten 2008 an ihrer Freiheit zugrunde gegangen.

Die deutsche Wochenzeitschrift „Die Zeit“ titelte schon in den 1980er-Jahren: „Marktwirtschaft ist die Ordnung der Wölfe“. Während Millionen von Menschen die Ersparnisse ihres Lebens und das Dach über dem Kopf geraubt, ganze Staaten und ihre Bürger tiefer in die Verschuldung getrieben wurden, um die Übeltäter zu retten, durften sich die schuldigen Bankmanager weiterhin ungestraft Milliardeneinkommen auf ihren Konten gutschreiben.

 

Es begann in der Londoner City

Das Finanzsystem züchtet mit seiner grenzenlosen Freiheit immer neue Milliardäre heran – in einem gnadenlosen Umverteilungsgemetzel, bei dem es wenige Gewinner und unzählige Verlierer gibt.

Das vorherrschende Geldsystem hat seinen Ursprung in der Londoner City, wo 1694 die Bank of England als private Notenbank gegründet wurde, die in der Folge das System entwickelte: Gelderzeugung durch Bedrucken von wertlosem Papier, das erst durch ein Zahlungsversprechen der Bank oder des Staates einen Wert erhält, und Verleihen dieses Geldes gegen Zinsen. 1914 gelang es einem halben Dutzend Londoner und New Yorker Bankiers durch Bestechung, Täuschung und Verschwörung eine ebenfalls private Notenbank vom US-Kongress gesetzlich verankern zu lassen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg expandierte das System in Festland-Europa.

 

Stets die gleichen Gewinner

Staatliche Zentralbanken bringen Geld entweder direkt über Staatsausgaben in Umlauf oder durch den Ankauf von zinsgünstigen Staatsanleihen. In dem von der Bank of England und der US-Federal Reserve dominierten Finanzsystem gelangt das aus dem Nichts erzeugte Geld der Zentralbank ausschließlich durch Kredit an die Geschäftsbanken in Umlauf. Diese schleusen es ihrerseits mit Krediten gegen entsprechend höhere Zinsen in den Kreislauf der Wirtschaft ein.

Während die Kredittilgung dem zuvor erhaltenen Geld entspricht und der Saldo auf null gestellt wird, bedeuten die Zinszahlungen eine übermäßige Verringerung der umlaufenden Geldmenge der Realwirtschaft. Der Zinsgeldfluss in Richtung der Gläubiger bewirkt wie ein Perpetuum mobile eine Nettoumverteilung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft zur Finanzwirtschaft. Um ein Erlahmen der Wirtschaft und der Staatsaktivitäten zu verhindern, muss der Zinsgeld-Abfluss daher durch ständig neue Kredite ersetzt werden.

Dieses System lässt keine Abweichung oder gar Kehrtwendung zu, solange Regierungen von der Gunst ihrer Financiers abhängig sind – also auf ewig. Die Gewinner sind stets die Gleichen. Und wenn jetzt durch die Zerstörung des Finanzsystems ein Zustand absoluter Verwirrung geschaffen wird, droht als Ergebnis, dass eine noch größere Macht der Banken bedingungslos akzeptiert werden muss.

Dr. Wolfgang Freisleben ist Finanzberater und freier Finanzpublizist.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2011)

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4 Kommentare
periskop
03.11.2011 21:27
0 0

Diesem "Finanzberater" würde ich mein Geld aber nicht anvertrauen!

Die umlaufende Geldmenge wird ja nicht diurch die zinszahlungen der privaten Schuldner, sondern nur durch die zinszahlungen der Banken an die Nationalbank verringert. die sind aber im Verhältnis zu den ausleihungen, die die Banken bei der Nationalbank vornehmen, verschwindend. Sie sind allerdings die Kosten, die die Banken für Ausleihungen haben, weshalb der Zinssatz der Nationalbank die Menge der ausleihungen und damit den Geldumlauf steuert! Es sind also nicht die zinsen an sich sondern der Zinssatz!
der ganzeArtikel ist Quatsch eines Unwissenden!

P.S.: Der neue EZB-Präsident Draghi hat sofort den Zinssatz, zu dem sich Banken bei der EZB Geld ausleihen können, gesenkt und damit die Vergrößerung der Geldmenge und die Inflation angeheizt. Die erfolgreiche Hartwährungspolitik der Deutschen und aller Staaten, die sich an die D-Mark gekoppelt hatten, wird damit konterkariert und Europa steuert in die hemmungslose Schulden- und Geldvernichtungspolitik der europäischen Südstaaten!

Eigentlich kann man nur hoffen, dass die derzeitige EU so bald als möglich scheitert und einer demokratischen, von verständigen Politikern geleiteten, den Wählern verantwortlichen EU Platz macht!

Antworten Gast: Niederösterreicher
04.11.2011 10:35
0 0

Re: Diesem "Finanzberater" würde ich mein Geld aber nicht anvertrauen!

Den Freisleben würde nicht einmal Karl Marx als Wirtschaftsberater nehmen!

Gast: Luzifer
03.11.2011 10:20
0 0

Zinsen abschaffen?

Und wie wird dann die Quintessenz der produktiven Verwendung gemessen? Etwa durch Beschluß der Genossen oder gar der "Apparatschiks", wie weiland in der Pleite-DDR?

Ich halte mich lieber an das "Erfolgsmodell" China, das in 20 Jahre "Kapitalismus" dieses Land zu einer der führenden Weltmächte gemacht hat, während die vorangegangenen 50 Jahre "Staatswirtschaft" die Bevölkerung kaum mit dem Nötigsten versorgen konnte!

Gast: 1. Parteiloser
02.11.2011 19:00
2 0

Sehr naiv!

Und dann noch mit nebulosen Schlagworten wie "neoliberaler Eiferer", "Sozialisierung des Risikos", "Marktwirtschaft ist die Ordnung der Wölfe", "gnadenlosen Umverteilungsgemetzel" garniert. Würde perfekt zur kranken Propaganda einer Regierungspartei passen, welche nur dazu dient das eigene Totalversagen zu kompensieren.

Tatsächlich ist es ja so, dass die irre überblähte Finanzsystem nur durch die irren Staatsschulden möglich wurde. In der Eurozone sprechen wir schon über offizielle 10.000.000 Mio. Euro, welche die Staaten vom Finanzunwesen gebraucht haben um das eigene Totalversagen und die gewaltige Selbstbedienung der Parteibonzenhochburgen zu finanzieren. Garniert wurde das mit einer Geldschöpfung, welche in den letzten 10 Jahre die Geldmenge M3 um etwa 70% erhöht hat. Auch die Bilanzsumme der EZB ist ein gutes Indiz für die notwendige Geldschöpfung, eben auch um mehr als 100% gestiegen.

Das Finanzunwesen wurde also nur das Staatsunwesen geschaffen. Die Geldschöpfung, also der Diebstahl am Sparer war unter voller Kontrolle der Parteibonzen und nicht der Banker. Zu bemerken ist noch, dass das Ö Bankensystem weitgehend Genossenschaftsbanken sind, also auch Parteienkontrolliert.

Bei den Zinsen muss man das auch real sehen, also um die Teuerungsrate bereinigt. Das wären dann aktuell als negative Zinsen und damit können die Gewinner auch nicht die Gleichen sein.

Der Staat hat das Monster geschaffen, der Staat wird die Monster auch beseitigen, weil Zahlungsausfall!

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