25.05.2012 18:58 | Meine Presse Merkliste 0

Streit um ELGA: Keine Angst, die Patienten bleiben angezogen

GERALD BACHINGER (Die Presse)

Die Elektronische Gesundheitsakte als Vehikel, um ärztliche Schreckensvisionen und ärztekämmerliche Alpträume auszuleben.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Das österreichische Gesundheitswesen war schon immer ein fruchtbarer Boden für Geschichtchen, Mythen, düstere Prophezeiungen, Halbwahrheiten und sogar Lügen. Was sich aber derzeit um ELGA (Elektronische Gesundheitsakte) rankt, lässt selbst altgediente Verschwörungstheoretiker blass aussehen. Ein neuer „Skylink“, ja sogar die Stasi wird aus den Untiefen der Geschichte hervorgeholt („Presse“-Gastkommentar von Marcus Franz vom 21.11.) und in die aktuelle Diskussion eingebracht.

Die Frage drängt sich auf: Von welcher ELGA ist hier die Rede? Denn mit dem aktuellen und seit Jahren entwickelten Projekt hat sich offenbar keiner der Kommentatoren inhaltlich beschäftigt.

Es scheint, dass ELGA ein lohnendes Vehikel ist, um ärztliche Schreckensvisionen, standespolitische Verfolgungsneurosen und ärztekämmerliche Alpträume auszuleben. Wir haben nunmehr auch ein österreichisches Ungeheuer von Loch Ness, das die Ängste und Emotionen wie ein Magnet an sich zieht. Der gläserne Patient, der gläserne Arzt und der Datenklau erleben ihre Auferstehung.

Man muss sich nur die APA-OTS-Aussendungen anlässlich der Einführung der E-Card im Jahr 2005 ansehen. Die damaligen düsteren Weissagungen haben sich nicht erfüllt. Dies zeigt eindrucksvoll, wie glaubwürdig die „Propheten des Daten-GAUs“ wirklich sind. Übrigens, der sogenannte „Tiroler Datenklau“ war kein „Hacking“ eines zentralen Servers.

 

Eine Desinformationskampagne

Den Vogel hat aber die jüngste „Informationskampagne“ der Ärztekammer abgeschossen. Die Darstellung von entblößten Menschen in großformatigen Inseraten soll wohl vor allem die Emotionen ansprechen und Urängste, die mit dem Bild des gläsernen Patienten verbunden werden, verstärken. Es handelt sich aber um keine Informationskampagne, sondern schlicht um eine Desinformationskampagne.

Der Wahrheitsbeweis kann leicht angetreten werden, denn zu ELGA wird kein Patient zwangsverpflichtet, es wird auch keinem Patienten das letzte Hemd geraubt. Die Behauptung, dass mehr als 100.000 Personen Zugang zu den Krankheitsdaten der Patienten bekommen, ist schlichter Unsinn.

 

Bevormundung durch Funktionäre

Heerscharen von Ärztekammer-Funktionären waren seit Jahren in einzelne Projekte einbezogen, haben die verschiedenen Arbeitskreise von ELGA und E-Medikation „bereichert“. Sie wissen genau, dass diese Behauptungen schlicht die freche Unwahrheit sind. Wenn die Ärztekammer-Funktionäre ihre eigenen Mitglieder falsch informieren, ist das eine interne Angelegenheit. Problematisch wird es aber dann, wenn das Vertrauensverhältnis und das anhaltend hohe Ansehen der Ärzteschaft bei den Patienten missbraucht werden.

Patienten und Bürger werden aus standespolitischen Zwecken instrumentalisiert und sollen für Partikularinteressen einer relativ kleinen Gruppe von Gesundheitsdiensteanbietern mobilisiert werden. Wie jüngste Umfragen (Ökonsult, Dezember 2011) deutlich zeigen, verwahren sich Bürger und Patienten gegen die Bevormundung durch Ärztekammer-Funktionäre.

Eine neue Dimension von Qualität und Patientensicherheit, integrierter Versorgung und evidenzbasierter Patientenentscheidung kann nur durch ein effektives Werkzeug, wie es E-Health, ELGA und E-Medikation sind, erreicht werden. Wer an einer seriösen Diskussion interessiert ist, sollte sich zuerst über das aktuelle Projekt ELGA informieren.

Dr. Gerald Bachinger, NÖ Patientenanwalt, Mitglied im Beratungsgremium E-Medikation und im Nutzerbeirat ELGA sowie in einer Vielzahl von Arbeitsgruppen.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

9 Kommentare
Gast: Cui bono
14.12.2011 09:01
0 0

Überwachungsstaat

ELGA/ESPOS sind utopische Monsterprojekte: Kostenexplosion und finanzielle Abhängigkeit von der Industrie sind vorprogrammiert. Die Ärzte waren bisher willfährige Handlanger: Kodierung der Diagnosen und Behandlungsschritte-, d.h. Reduktion des Menschen auf (s)einen? Datensatz. Ob die Daten wirklich dem Pat. gehören ist mehr als fraglich: Wer kann es den (Sozial)-Versicherungen verübeln, den Effekt ihrer Bemühungen sehen zu wollen: Zahlt der Gesundheitsprophylaxe – Verweigerer in Zukunft mehr Versicherungsprämie? Aber die ELGA GmbH ist als Österreichisches Kompetenzzentrum Projektpartner in epSOS. – die Weitergabe in die EU ist also schon beschlossen. Datensicherheit : Sicher wie das Bankgeheimnis: Durch Verknüpfung mit der Versicherungsnummer ist heute jeder Kontoinhaber identifizierbar. Daten sind die Goldminen: Man spricht von Datamining! Zur innovative Nutzung von Gesundheitsdaten: „An information sharing partnership between health services, police, and local government in Cardiff,Wales, altered policing and other strategies to prevent violence based on information collected from patient”( BMJ 2011;342:d3313).Ärzte versuchen durch ihren Aufschrei die leise Umwandlung in den Überwachungsstaat zu stoppen. Wir haben so unsere historischen Erfahrungen! Hinter den Befürwortern von E- Health steckt Kommerz: “Patients Know Best“ eine „Company that uses information technology to enhance patient clinician partnership- „- Cui bono?

Arethas
13.12.2011 18:23
0 0

Werbung?

Abgesehen von den Risiken, welchen Nutzen bringt das Projekt?

"Eine neue Dimension von Qualität und Patientensicherheit, integrierter Versorgung und evidenzbasierter Patientenentscheidung kann nur durch ein effektives Werkzeug, wie es E-Health, ELGA und E-Medikation sind, erreicht werden."

Das ist jetzt Werbesprech, aber keine Information.

refisch
13.12.2011 09:09
0 2

Gläserner Patient

Endlich eine vernünftige Stellungnahme zu der idiotischen Werbekampagne der Äeztekammer!
Offenbar haben einige Angst vor der Möglichkeit nachträglich Fehler zu beweisen.

Gast: Dekorant
12.12.2011 22:13
2 0

Warum die Gesundheitsakten gestohlen werden und warum jeder davon betroffen sein wird.

Erstens: Gestohlen wird, was wertvoll ist!
Wertvoll sind die Gesundheitsdaten weil jeder Arbeitgeber lieber gesunde als potentiell krankheitsanfällige Mitarbeiter beschäftigt. Wenn wir annehmen, dass ein Mitarbeiter einem Arbeitgeber 80.000€ pro Jahr kostet, lassen sich hierdurch schon Millionenbeträge an Einsparungspotential (in dem Fall für Arbeitgeber) berechnen. Hierbei sind Begehrlichkeiten von Versicherungen noch gar nicht berücksichtigt. Daher: Diese Gesundheitsakte ist hunderte Millionen von € wert.

Zweitens: Es gibt keinen absoluten Schutz!
Wie viele Mitarbeiter haben Zugang zu diesen hochbrisanten Daten (Systemverwalter)? Es reicht hier ein Mitarbeiter (mit Zugang) welcher erfolgreich bestochen oder unter Druck gesetzt wurde.

Drittens: Kann man wirklich aus dem System aussteigen?
Selbst wenn 20% der Versicherten sich entschließen nicht mitzumachen, stehen noch immer 80% an Datensätzen zur Verfügung. Ein Arbeitgeber wird daher nur noch Gespräche mit potentiellen Mitarbeitern führen, wo er Daten zur Verfügung hat (ähnlich Versicherungen). Hier die Kernforderung: Unbedingt ein freiwillige Anmeldung und auf keinen Fall ein aufgezwängtes Abmeldungsverfahren!

Viertens: Die Belastung der nächsten Generation
Daten, welche mal weitergegeben wurden, sind für immer im Umlauf. Daten über Erbkrankheiten können daher noch Jahrzehnte gegen jedes betroffene Kind verwendet werden.

Ein zurecht verärgerte Patient!

Antworten joquer
13.12.2011 12:59
0 0

Re: Warum die Gesundheitsakten gestohlen werden und warum jeder davon betroffen sein wird.

Ad zweitens:
http://www.elga.gv.at/index.php?id=faq
Vorhandene Verschlüsselungs- und Authentifizierungstechnologien bieten heutzutage eine gute Basis um die Daten vor unberechtigtem Zugriff zu schützen. Für unberechtigten Zugriff auf die Daten ist damit ein beträchtlicher Aufwand und Know-How notwendig, die Protokollierung der Zugriffe verbindet die unberechtigte Weitergabe der Daten mit einem erheblichen Risiko.
Da fallen mir vorher eine Menge anderer Dinge ein, um die man sich beim Thema Datenschutz sorgen machen müsste.
Dem steht allein mit der Reduktion redundanter Befundungen schon ein beträchtlicher Gegenwert gegenüber.

Antworten Antworten Gast: Dekorant
14.12.2011 18:38
0 0

Re: Re: Warum die Gesundheitsakten gestohlen werden und warum jeder davon betroffen sein wird.

Es ist auch ein hoher Aufwand ein Haus zu bauen. Ein Blick aus dem Fenster sagt mir: Sehr viele Menschen haben sich diesen Aufwand angetan - Warum? Weil Sie einen entsprechenden Vorteil dadurch hatten.

Bei der Datensicherheit besteht nun folgende Probelmstellung:

1) Es reicht 1 Person welche sich den Aufwand antun will sich die Daten zu besorgen (Sozusagen derjenige welcher sich eine Villa leistet).

2) Diese Person kann die Daten am Markt meistbietend verkaufen (also - diese Villa muss ich bezahlen und kann nicht in Ihr wohnen)

3) Als letztes: Eine Villa könnte wenigstens abgerissen werden und derjenige welcher sie verbotener Weise gebaut hat bestraft werden. Derjenige welcher meine Daten stiehlt bekommt Umgangssprachlich einen Klaps aufs Händchen und meine Daten bleiben für alle Zeit im Umlauf. (natürlich interessiert sich niemand im speziellen für meine Gesundheitsdaten - jedoch die Gesundheitsdaten aller Österreicher sind höchst begehert)

Antworten Gast: Der Verschwender
13.12.2011 07:29
0 0

Re: Warum die Gesundheitsakten gestohlen werden und warum jeder davon betroffen sein wird.

Richtigstellung : der Arbeitgeber hat KEINEN Zugriff auf ELGA-Daten!

Antworten Antworten Gast: Dekorant
13.12.2011 11:15
0 0

Re: Re: Warum die Gesundheitsakten gestohlen werden und warum jeder davon betroffen sein wird.

Zum Nachdenken: Es ist derzeit kein "legaler" Zugriff zu den ELGA-Daten geplant. (wurde ja auch nie behauptet)

nachdenken
12.12.2011 22:09
0 0

Geldgier und Machtgier!

Das ist nur ein Symptom für den unerträglichen "Lobbyismus" der in Österreich das Parlament handlungsunfähig macht und das zum Schaden des Bürgers und Steuerzahler - siehe unsere wahnsinnigen Haushaltsschulden!!!

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

Mehr Gastkommentare:

Top-News