25.05.2012 19:00 | Meine Presse Merkliste 0

Wenn der Schein die Mittel heiligt

WALTRAUD PROTHMANN (Die Presse)

Die Forderung aus Oberösterreich, einen „Kultusbeitrag“ für Kirchensteuer-Flüchtlinge einzuführen, ist höchst verwegen.

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Als ich den Schriftsteller Michael Köhlmeier interviewte und auf seine biblischen Erzählungen ansprach, betonte er, mit Religion „absolut nichts am Hut“ zu haben: „Ich habe eine solche Distanz zum Katholizismus, dass es mir nicht einmal einfallen würde, Kritik zu üben.“ Diese Einstellung begegnet einem auf Schritt und Tritt.

Ob jemand einer Konfession (noch) angehört oder längst ausgetreten ist, die Kirche interessiert ihn nicht (mehr). Schade! Denn was wir oft nicht erfahren: Welch nachhaltigen Einfluss Religionsgemeinschaften, allen voran die römisch-katholische Kirche, auf politische Entscheidungen nehmen und welche Unsummen sie jeden Steuerzahler kosten.

 

Unkontrollierbare Kollekte

Die Forderung nach einem „Kultusbeitrag“ ist in höchstem Maße irreführend! Aufgrund des unzeitgemäßen Konkordats zwischen dem Vatikan und Österreich bezahlen wir ohnehin Millionenbeträge in Form gigantischer Subventionen und Sonderprivilegien, unter anderem für das kirchliche Lehramt, die Sanierung von Bauten; für Privatschulen, „Bildungshäuser“, Kirchentage und Initiativen, vor allem für die fortwährende monströse Selbstdarstellung und den feudalen Lebensstil mancher Kleriker.

Die zusätzliche (!) Kirchensteuer wurde von den Nazis eingeführt und einfach beibehalten. Zusammen mit unkontrollierbaren Kollekten, Spenden und Steuerprivilegien verfügt die Kirche – trotz scheinheiligen Jammerns über Engpässe aufgrund der Austritte und Bußzahlungen für ihre schweren Vergehen – in Wahrheit über einen immensen Reichtum, mit dem sie vor allem ihre Macht und den gesellschaftlichen Einfluss sichern und mit Mega-Events idealistische Jugendliche anlocken kann.

Nur ein kleiner Anteil wird mit lautem Getöse durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (mehr oder weniger unklaren) karitativen Zwecken zugeführt. Aber selbst dazu werden Kinder instrumentalisiert: Nicht etwa Bischöfe und Kardinäle in ihren sündteuren Verkleidungen lassen sich herab, die „Weisen aus dem Morgenland“ zu spielen. Kinder erledigen diese Bettelei – unter dem Deckmäntelchen des „Brauchtums“.

 

Religion ist Privatsache

Den Maulkorberlass im ORF habe ich selbst erlebt: Zum Thema „Flucht aus der Kirche“ nahm ich an der Fernsehsendung „Im Zentrum“ teil. Als ich die Frage nach der politischen Verantwortung des Staates, der die Kirche durch das Konkordat schützt und deckt, stellen wollte, vertröstete mich der Moderator Peter Pelinka auf eine „spätere Runde“ und sorgte dafür, dass sie nicht mehr angeschnitten werden konnte.

Nach der Sendung erklärte er mir freundlich, dass es in Absprache mit den Stiftungsräten unerwünscht sei, dieses Thema anzusprechen. Als öffentlich-rechtliche Anstalt sei der ORF gezwungen, kirchenfreundlich zu berichten und Österreich als „katholisches Land“ nicht infrage zu stellen.

Aber Religion ist Privatsache! Und Demokratie beruht auf keinem Mythos und keinem Glauben. Dass Politiker dies begreifen mögen, dafür kämpfen sogar Islamisten, wie der tunesische Dichter Moncef Ouhaibi, der eindringlich vor der Ausnutzung demokratischer Spielregeln für religiöse Zwecke warnte.

 

Engagierte Distanz fehlt

In Österreich fehlt die engagierte Distanz zu einer immer noch viel zu mächtigen Institution, die Menschenrechte – vor allem die von Frauen – verletzt. Das wird nicht ausreichend thematisiert. Eine rigide Ideologie muss immer noch von ihren Opfern, Kritikern und Gegnern mitfinanziert werden. Das ist einer Zivilgesellschaft unwürdig.

Waltraud Prothmann-Seyersbach ist Kommunikationspädagogin und freie Journalistin in Salzburg.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2012)

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8 Kommentare
Gast: icke
13.01.2012 17:32
1 0

Das ist...

... Satire, oder?

liber
13.01.2012 12:38
0 0

eine absolut

perfekte Darstellung der Situation in der sich die Kirche und das Umfeld befindet.
Frau Waltraud Prothmann-Seyersbach ist zu diesem Artikel zu gratulieren.
Moderator Pelinka zu beschreiben fällt nicht schwer, der ist ja ohnehin als Pharisäer bekannt.
Das Religion Privatsache sein sollte ist der eigentliche Segen.
Wer die Kirche bezw. Religion braucht, sollte dafür bezahlen.
Wer sich lieber einen Psychiater leistet, bezahlt den auch selbst.
Grundsätzlich sollten Institutionen wie die Kirche wegen ihrer Gefährlichkeit der Hetze verboten sein.
Jeder Krieg und jede Auseinandersetzung basiert auf religiöser Ursache und Diskrepanz.


Vollste Unterstützung

Relogion ist privatsache nd private Angelegenheiten sind auch privat zu finanzieren. Deshalb Abschaffung aller staatlichen Zuschüsse und Steuerbegünstigungen für alle Religionsgemeinschaften. Die röm.kath. Kirche lukriert immer noch mit der Angst der Leute nicht in den "Himmel" zu kommen unglaubliche Erbschaften.

1 0

Die arme Frau Prothmann tut mir wirklich Leid!

Da muß ich mich aber schon sehr wundern: Seit wann läßt sich eine freie, und obendrein auch noch kirchenkritische Journalistin, als Gast in einer ORF-Diskussion so dermaßen widerstandslos das Wort verbieten? Frau Prothmann hätte ganz einfach die ihr so wichtig scheinende Frage stellen sollen; schließlich handelt es sich ja um eine LIVEdiskussion und nicht um eine Aufzeichnung! Wenn dann der Herr Moderator "kalmierend" dazwischen quatscht, dann hätte sie diese Frage eben so laut und so oft wie´s nötig ist, WIEDERHOLEN sollen! Viele Zuseher hätte die Dame auf jeden Fall an ihrer Seite gehabt!

Daß die katholische Kirche als größte Religionsgemeinschaft im Lande aus diversen Steuerquellen alimentiert wird, bleibt selbstredend unbestritten. Ebenso aber auch, daß Selbiges für die politischen Parteien ebenfalls gilt! Die leben schließlich auch nicht nur von den Mitgliedsbeiträgen ihrer Fans und Funktionäre!Da wúrde ich noch nie gefragt, ob ich mit meinen Steuereuros und früher Schillingen politische Gruppierungen mitfinanziere, die ich in meinem ganzen Leben nie die Stimme geben würde! Wir bezahlen eben ALLE nicht nur für das, was wir im Staate WIRKLICH WOLLEN! Geld hatte noch nie ein "Mascherl"!

Auf der anderen Seite habe auch ich mich, als praktizierender Katholik, schon sehr darüber gewundert, daß "Denkmalschutz" neuerdings zu den Kernaufgaben des Bauernbundes zählt! Immerhin hat es Max Hiegelsberger mit einer einzigen Forderung effizient geschafft, im Lande bekannt zu werden!

Antworten Free Peach
13.01.2012 09:35
0 0

Re: Die arme Frau Prothmann tut mir wirklich Leid!

Ach, Bekanntheit. Das schaffen viele mit dummen Bemerkungen.
Die Kirche zeigt keinerlei ehrliche Tendenz dazu, sich demokratisch zu verankern, geschweige denn Grundlagen von Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit einzuhalten. Für Förderungen kultureller oder wirtschaftlicher Projekte sowie Forschungen, die im Interesse der Allgemeinheit stehen, kann sich jeder bewerben. Kirchliche Organisationen fallen dabei regelmäßig durch, weil sie demokratische Spielregeln des Zusammenlebens nicht einhalten wollen. Insbesondere bei europäischen Projekten. Deshalb ist eine "Alimentation" (was für eine seltsame Wortwahl in diesem Zusammenhang) ein anachronistisches Privileg, das dem Machterhalt feudalistischer Geheimbünde dient. Das kann weder von Journalisten noch von Moderatoren und schon gar nicht gesetzgebenden Organen gut geheißen werden. Noch eine Frage: Erhält sich der Bauernbund direkt oder indirekt von öffentlichen Geldern? Wie bspw. EU-Förderungen?

Gast: maternus
12.01.2012 18:16
0 0

.

Waltraud Prothmann-Seyersbach. Da ist der Name offensichtlich auch Programm.

Gast: Konfessionsloser
12.01.2012 13:09
1 0

Kunstbeitragstrick

Der Versuch den Kirchenbeitrag in einen „Kunstbeitrag“ umzuwandeln ist eine Heuchelei, da ja, wie sie richtig bemerkt haben, für den Erhalt historischer Denkmäler sowieso andere, von Steuergeldern erhaltene Institutionen zuständig sind. Es ist wohl ein Versuch von hintenrum die Schäfchen bei der Stange zu halten, in der Hoffnung, dass manche, die den Beitrag zum Anlass für einen Austritt nehmen, es dann vielleicht lassen werden.

--

"...die Menschenrechte – vor allem die von Frauen – verletzt." - Beispiele Bitte. und nein das Rollenverständnis der Kirche ist keine Verletzung.

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