25.05.2013 08:33 Merkliste 0

Wiener Blut statt Nabucco: Ein Großprojekt in der Sackgasse

KARIN KNEISSL (Die Presse)

Die wichtigen Partner verlassen nun das Konsortium Nabucco. Aber Nabucco light hat wenig mit dem Konzept von einst zu tun.

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Ein Besuch in der Wiener Staatsoper lieferte den Namen für das ehrgeizige Konsortium. Die Unterzeichner der Vorverträge unter der Führung der OMV sahen 2002 die Oper Nabucco, die Giuseppe Verdi einst gegen die österreichische Fremdherrschaft in Italien komponiert hatte.

Die Teilnehmer erwärmten sich für den Titel in Anlehnung an den italienischen Freiheitsdrang, um die mögliche Unabhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen zu demonstrieren. Die Idee der Konsortium-Mitglieder aus Mitteleuropa und der Türkei war, Erdgas aus dem Kaspischen Raum über die Türkei nach Europa zu bringen.

Die wachsende russische Dominanz in der europäischen Erdgasversorgung sollte mit dieser Diversifizierung gebrochen werden. Auftrieb und politische Unterstützung aus Brüssel erhielt Nabucco nach den Erdgaskrisen im Jänner 2006 und 2009, als russisch-ukrainische Zwiste zur vorübergehenden Unterbrechung der Gaslieferungen nach Mittel- und Westeuropa führten.

Ich erlaubte mir 2006 in einem Buch darauf hinzuweisen, dass das Projekt auch „Wiener Blut“ heißen könnte. Denn die Unwägbarkeiten waren von Anbeginn zahlreich.

Die Wiener, damit ist nicht nur der Mineralölkonzern, sondern die Regierung, Wirtschaftskammer etc. gleichermaßen gemeint, übertünchten aber all die Fragezeichen mit enormem Marketing und den stets gleichen Präsentationsfolien. Kritische Stimmen wurden zurückgewiesen.

 

Konkurrierende Projekte

Die Daten für Baubeginn und Fertigstellung verschoben sich aber konsequent nach hinten. Auf Nebenschauplätzen wurde viel gewerkt, doch die zentralen Fragen blieben offen. Woher soll das Erdgas kommen? Wie viel wird das Projekt letztendlich kosten? Wie hoch wird die Nachfrage zu welchem Erdgaspreis sein?

Von einer Phantomdebatte rund um die Umsetzung von Nabucco sprachen daher einige Analytiker bereits in den vergangenen beiden Jahren. Während über Nabucco auf Seminaren viel diskutiert wurde, gleichzeitig die Kosten für das Vorhaben explodierten, gingen andere Projekte in eine operative Phase. Hierzu gehört unter anderem die Erdgaspipeline South Stream. Diese soll russisches Erdgas über das Schwarze Meer nach Bulgarien und weiter nach Italien liefern. Die Baugenehmigungen liegen vor.

Österreich wurde für sein doppeltes Spiel gegenüber Moskau – nämlich wenn opportun mit den Russen und zugleich mit Nabucco gegen sie – im Falle South Stream vorerst „bestraft“. Der Strang der Pipeline endet in Norditalien und geht nicht wie geplant bis nach Baumgarten. Verantwortung hierfür trägt auch die Europäische Kommission, die unter Bezug auf freien Wettbewerb die Gazprom und ihre Partner, so die OMV, in die Pflicht nahm.

Gerne betonen die Lobbyisten des Nabucco-Projekts, dass die Russen nichts unversucht ließen, dieses zu hintertreiben. Russland war zweifellos aktiv gegen den Iran tätig, als dieser noch für das Projekt als Gaslieferant infrage kam. Bei Gesprächen in Teheran wurde ich vom früheren iranischen Erdölminister Bijan Zanganeh darauf hingewiesen, dass prompt Warnungen aus Moskau eintrafen, wenn er Unterhändler des Nabucco-Konsortiums zu Gast hatte.

 

„Stahl im Sand vergraben“

Die Iraner verstanden es bald, ihre Interessen ostwärts auszurichten, um das russische Treiben in Europa nicht zu stören. Zynisch kommentierte Präsident Wladimir Putin vor Jahren die hektische Nabucco-Diplomatie: „Wenn Erwachsene Stahl im Sand vergraben wollen, soll man sie nicht daran hindern.“ Infolge des vom UN-Sicherheitsrat sanktionierten Nukleardossiers fiel der Iran als Option völlig aus.

Aserbaidschan und Turkmenistan sowie die Errichtung einer transkaspischen Pipeline waren die neuen Ziele. In völliger Unterschätzung des Territorialstreits um die Aufteilung im Kaspischen Meer beziehungsweise der Kaspischen See – denn als solches wurde das Gewässer völkerrechtlich klassifiziert – wollten die Unterhändler für Nabucco eine transkaspische Pipeline. Erdgas aus Turkmenistan sollte westwärts verfrachtet werden. Doch der Iran und Russland legten abwechselnd ihr Veto ein.

 

Planloses Vorgehen

In Turkmenistan wunderte man sich über das teils planlose Vorgehen der Europäer und wandte sich den besser organisierten Chinesen zu. Nach elf Monaten Bauzeit ging im Dezember 2009 die 1800 Kilometer lange turkmenisch-chinesische Erdgaspipeline in Betrieb. China will die Trasse, die durch Kasachstan und Usbekistan führt, bis nach Südchina auf eine Länge von rund 8000 Kilometern ausbauen und das Netz um zusätzliche Erdölpipelines aus Kasachstan erweitern. Die Pipelines drehen seit Langem ostwärts, nur viele Europäer wollen immer noch nicht begreifen, dass sich das geopolitische Gefüge ändert.

 

Unsichere Nachfrage, RWE geht

Infolge der Rezession, der Importe von verflüssigtem Erdgas sowie eines möglichen Überangebots an Gas aufgrund der Schiefergasexploration in Nordamerika sinkt der Erdgaspreis stetig. Zudem hat er sich vom Erdölpreis abgekoppelt. Das Resultat ist eine große Unsicherheit, zu welchem Preis welche Volumina an Erdgas in den EU-Raum zukünftig importiert werden.

Es sind eben diese Zweifel an der Wirtschaftlichkeit von Nabucco, die den deutschen Energiekonzern RWE nunmehr bewegt haben, aus dem Konsortium auszusteigen, wie zuletzt bekannt wurde. Von einer Nabucco-light-Version, also einer verkürzten Trasse innerhalb Europas ohne Verbindung zum Kaspischen Raum, hält man bei RWE nichts. In Essen heißt es klar: „Nabucco light hat nichts mehr mit dem ursprünglichen Konzept zu tun.“

Ungarn kündigte bereits seinen Rückzug an. Damit gäbe es im Nabucco-Konsortium nur mehr vier Partner. Ob diese die auf 15Milliarden Euro angestiegenen Kosten tragen, ist fraglich.

Hinsichtlich der dringend gesuchten Gaslieferungen bliebe noch der Nordirak. Auch hier versuchten die Nabucco-Partner ihr Glück. Man lehnte sich gefährlich aus dem Fenster, denn mit der kurdischen Regionalregierung wurde teils im rechtsfreien Raum verhandelt. Die Bagdader Zentralregierung kritisiert das Vorgehen all jener Energiekonzerne heftig, die mit den Provinzgouverneuren die Deals aushandeln, denen mangels irakischen Erdöl- und Erdgasgesetzes die Rechtsgrundlage fehlt.

 

Russische Umklammerung

Wollte man vor zehn Jahren die EU aus einer russischen Umklammerung lösen, ist diese dank Nord Stream in der Nordsee und nun bald dank South Stream enger als je zuvor. Den Russen wirft man gerne vor, mit Energie Politik zu machen. Dies wird international praktiziert, ob von BP und London, Total und Paris etc. Manche machen es geschickter, andere plumper. Aus Nabucco wurde vorerst Wiener Blut ohne gemeinsamen Schlusswalzer.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin


Karin Kneissl studierte Jus und Arabistik in Wien, war von 1990 bis 1998 im diplomatischen Dienst auf Posten in Paris und Madrid tätig. Danach Lehrtätigkeit. Zahlreiche Publikationen, darunter: „Der Energiepoker“ (2008); soeben erschienen: „Revolution. Testosteron macht Politik.“ [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2012)

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13 Kommentare
Gast: Al Vvi
26.05.2012 01:17
0 0

Oesterreichische Loesung

Es gibt eine Loesung, aber Oesterreich entscheidet sich lieber dumm zu sterben als gescheit zu ueberleben. Die Loesung hat weitreicende Konsequenzen, primaer wuerde Oesterreich ( Europa ) seine eigene Preispolitik machen und jegliche Erpressung abstellen.
Aber das Hirn von Herrn Barusso oder Oesterreichischen Regierungsvertretern geht nun einmal nicht weiter als bis zum einstreifen des monatlichen Gehalts.

Gast: Semjon
25.05.2012 18:42
0 0

Nebenbei aber interessant

Da steht (ich weiß, darum gehts gerade nicht) doch tatsächlich "...sinkt der Erdgaspreis stetig."

Warum merkt man davon nix auf der Rechnung?

Re: Nebenbei aber interessant

Weil sowohl OMV als auch die Versorger euer Geld brauchen damit die unendliche Dummheit ihrer Manager und die Konsequenzen ihrer extremen Missgriffe bequem zugedeckt werden können. Wo kämen wir den hin wenn die Herrschfaten jetzt auch nocht die Verantwortung für ihr tun übernehmen müssten.

Moment

Das jetzt alles auf die bösen Russen abzuwälzen oder aber die Lieferländer sind Schuld ist falsch und feige. Die Russen haben hintertrieben aber das war bei weitem nicht so schlimm wie man es heute gerne darstellt. Iran wollte immer lieber mit Europa als mit Asien da sie Europa als ihnen ähnlicher sehen und vor den asiatischen Tigern Angst haben so wie wir. Turkmenistan hat schnell begriffen dass die Nabucco Schnapsidee eine Gaspipeline durch das Kaspische Meer zu legen pure Idiotie war und taten das einzig richtige. Sie wählten die wirtschaftlichere Ost- Route nach China. Und wer sich mit Irak ins Bett legt ist selber Schuld.

Man sollte die Schuld dort suchen wo sie auch wirklich zu suchen ist. Im Nabucco Management. De Typen die dort herumrennen gehören zum rückständigsten was die OMV zu bieten hat. Mitschek lebt immer noch in einer OMV Monopolwelt in der eine gottgleiche OMV Preise und alle Konditionen diktieren konnte und Wirtschaftlichkeit am ehesten ein lästiges Buzzword war. Wenn ich mir die Nabucco Leitfiguren anschaue weiss ich warum das in die Hose ging. Denen würde ich nicht einmal einen Zuckerwattestand überantworten (ich meine das durchaus ernst).

Nabucco ist vor allem ein OMV Fiasko. Ein Projekt das mir seit über zehn Jahren nicht einemal die Idee eines Transporttariffs nennen kann muss schon von besonderen Leuchten geführt werden. Typisch OMV halt.

Europa ertrink !

Nur noch der Kopf ragt übers Wasser und Trotzdem,verweigert man
die rettende Hand der Türkei.
Die geschürte Angst der selbstgerechten Politiker,und die einseitigen Medien,haben es möglich gemacht dass der Hass gegen
den Islam und speziell der gegen den wieder genesenden Mann am Bosporus,so sehr ausartet das man Kamikaze vorzieht.
Es kann nicht sein,was nicht sein darf !

3 1

Re: Europa ertrink !

Vielleicht sollten Sie den Artikel auch mal lesen. Denn für das wahrscheinlich endgültige Scheitern der "Nabucco"-Pipeline gibt es viele Gründe, eine Ablehnung der Türkei ist aber nicht darunter, denn mit der Türkei war man sich eh schon einig.

Nur gibt es eben keinen Lieferanten für das Gas und ist auch nicht sicher, ob man diese Pipeline überhaupt noch brauchen wird. Denn dank großer Schiefergasvorkommen gibt es derzeit soviel Gas wie noch nie und Gas kann man auch als Flüssiggas ber Tankschiff günstig transportieren.

Re: Re: Europa ertrink !

Ich habe auch gemeint,das sich alles Richtung Asien verschiebt !
Und deswegen war ich der Meinung,das die Türkei für die Union der Schlüssel,für zukünftigen
Märkte ist !
Das mit Nabuco wäre nur ein kleines Beispiel.

1 0

Re: Re: Re: Europa ertrink !

"Der Schlüssel für zukünftige Märkte" ist ein schönes buntes Schlagwort welches hirnlose Politiker gerne plappern, jedoch ohne Inhalt. Inwiefern soll die Türkei eine Hilfe sein, wenn man mit Asien handelt?
Wir handeln bereits jetzt jede Menge mit Asien und die Türkei braucht es dazu überhaupt nicht. Sie ist zwar als Absatzmarkt und als Werkbank nicht uninteressant, ein Schlüssel zu irgendeinem anderen Land ist sie aber nicht.

Re: Re: Re: Re: Europa ertrink !

Komisch !
Turkmenistan
Kazakistan
Uzbekistan
Azerbajcan
Kirghizistan
Alles Turkvölker mit viel viel Bodenschätzen,und sprechen alle Türkisch ;D Bald sind wir das Deutschland Asiens !
Mal sehen ob ich mit dem Schlüssel recht hatte oder nicht !

0 1

Re: Re: Re: Re: Re: Europa ertrink !

Mit all diesen Ländern kann man auch direkt handeln. Diese Länder wissen außerdem schon ganz genau was ihre Bodenschätze wert sind. Warum sollten sie mit der Türkei teilen bzw. inwiefern sollte die Türkei da von Nutzen sein?
Dieses "Schlüssel zu..." ist nur hohles Geplapper, wie ich eingangs schon erwähnt habe.

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Europa ertrink !

Die Türkei ist für diese Laender das, was Deutschland für Österreich ist! Kapischko!

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Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Europa ertrink !

Das mag ja sein. Aber um mit Österreich Handel zu treiben, braucht man Deutschland auch nicht...

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Europa ertrink !

Ich verstehe ;D Ja leider bin ich nicht so ein Experte,in Sachen Wirtschaft.Aber ich habe Geduld,und der Tee schmeckt gut ;D

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