Guter Protest, schlechter Protest

Wenn deutsche Prognosen stimmen, wird die Zahl von Demonstrationen zunehmen. Grund genug, über eine Protestkultur nachzudenken.

WIENER AKADEMIKERBALL: PROTEST
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WIENER AKADEMIKERBALL: PROTEST
(c) APA/HERBERT P.OCZERET (HERBERT P.OCZERET)


Ist der Akademikerball ein harmloser FPÖ-Ball oder ein Vernetzungstreffen von (inzwischen nur noch heimischen) Rechtsextremen? Ist es für das offizielle Österreich problematisch, dass er im staatstragenden Rahmen stattfindet, oder gehört das zu einer pluralistischen Gesellschaft? Würde die Kritik an dem Event überhaupt verebben, wäre er an einem anderen Ort? Oder macht das gar keinen Unterschied?

Um diese Fragen ging es im Vorfeld der Wiener Demo-Nacht nur mehr am Rande. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand nicht die Botschaft, sondern die Form des Protests, die Rezension der Demonstration: Gehen Scheiben zu Bruch? Wer bedroht wen? Hat die Polizei alles im Griff? Und: Was sagt die live kommentierende Twitter-Community? Zu verdanken war der Angst-Lust-Fokus dem Scherbenhaufen im Vorjahr, aber auch der Ankündigung des NOWKR-Bündnisses, die Ballbesucher „nicht mit Samthandschuhen anzugreifen“.

Einer Meldung, der das Behörden-Nein zur NOWKR-Demo folgte, was erst recht zu Eskalations-Prognosen führte. Die perfekte Drohkulisse für eine laute Nacht also, die dann aber doch relativ ruhig und mit guter Polizei-Koordination startete. Trotzdem hat so eine Demo-Nacht ihre eigene Choreografie: Dinge wie Böllerwerfen gegen Polizisten oder das Einkesseln von Taxis passieren nur bedingt „in der Hitze des Gefechts“. Vielmehr wurzeln sie einerseits in der irrigen Annahme einer Minderheit, dass der eigene Zweck die Mittel heiligt, andererseits sind Ausschreitungen Teil einer Strategie. Denn die Bilder davon bringen Aufmerksamkeit, und nur so, so die extreme Linie, werde der Protest effektiv.

Was Unsinn ist. Wie effektiv friedlicher Protest sein kann, bewies erst kürzlich die deutsche Stadt Wunsiedel, durch die jährlich Neonazis marschieren. Die Bewohner griffen vergangenen November zu einer scharfen Waffe: Humor. Sie funktionierten den Aufmarsch zum „unfreiwilligsten Spendenlauf Deutschlands“ um. Für jeden Meter, den ein Neonazi zurücklegte, gingen zehn Euro an ein Aussteigerprogramm für Rechtsextreme. Die Marschierenden wurden mit Plakaten und Zurufen angefeuert.

Beim Akademikerball hingegen bewies der linke Rand, dass er mit dem rechten mehr gemeinsam hat als vermutet. Wenn etwa Demo-Organisatoren vorab mit Gewalt kokettierten oder Witze übers „Entglasen“ rissen, erinnerte das an etwas, was Linke gern Rechten vorwerfen: das Eröffnen von Interpretationsräumen durch vielsagende Andeutungen. Man provoziert und will das nachher nie so gemeint haben. Im Wissen, dass man zwischen den Zeilen seine Klientel bedient. Auch das Toleranzparadoxon beherrschen beide: Toleranz ja, aber nur für jene, mit denen man einer Meinung ist. Man selbst hingegen ist notorisch Opfer. Der Täter? Natürlich das „System“.

Dieser „Gegen das System“-Haltung hat jüngst die deutsche „Zeit“ das Cover gewidmet. Dort sieht man Protestbewegungen wie Pegida und AfD als Reaktion auf die Konsensgesellschaft. Da die traditionellen Parteien sich immer mehr ähnelten, da der Korridor der sozial erwünschten Meinungen sich verenge, komme es zur Radikalisierung jener, die sich nicht vertreten fühlen. In Österreich lässt die FPÖ zwar wenig Raum für Pegida, und links der SPÖ ist auch keine Konkurrenz in Sicht. Trotzdem liegt ein politisches Ausdifferenzieren der Gesellschaft langfristig wohl auch hier im Trend. In Deutschland zeigen Studien bereits: Die Zahl der Proteste steigt (wenn auch nicht die absolute Zahl der Demonstranten).

Insofern täte auch Österreich gut daran, sich eine Protestkultur zuzulegen. Denn die Freiheit einer Gesellschaft zeigt sich auch darin, dass sie mit Extrempositionen umgehen kann. Dazu gehört eine korrekte Polizei, die sich vor der Aufarbeitung eigener Fehler nicht scheut. Dazu gehört, dass es keinen Raum für Gewaltkoketterie gibt. Dazu gehört vielleicht auch ein Umdenken der Medien. Was wäre, würde man sich als Krawallverstärker verweigern, falschen Protest nicht mit Aufmerksamkeit belohnen, Bilder von Ausschreitungen nicht zeigen, nur nüchtern beschreiben? Wenn man dieser Demo-Show das Publikum entzieht, bekommt die Mehrheit der friedlichen Demonstranten die Bühne zurück und das wäre ein Schritt zum Fortschritt in Sachen Protestkultur.

E-Mails an: ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2015)

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