"Fast geplatzt" statt "fast geil": Wie man eine Schulreform ruiniert

Die Bildungsreform könnte am Streit über die Verwaltung scheitern. Angesichts der 10.000 Jugendlichen, die kaum lesen können, wäre das zynisch.

Es ist fast ein bisschen zynisch, wie SPÖ und ÖVP sich angesichts des jüngsten Zeugnisses fürs heimische Schulsystem – fast 10.000 Jugendliche sind nicht in der Lage, sich in einer modernen Gesellschaft zurechtzufinden – selbst zur Lösung gratulieren: Mit der Bildungsreform sei man auf dem richtigen Weg! Dass die vor drei Monaten präsentierte Reform inzwischen weniger „fast geil“ anmutet (Zitat Staatssekretär Harald Mahrer) als „fast geplatzt“, wird dabei generös unter den Tisch fallen gelassen. Tatsächlich sind momentan aber berechtigte Zweifel angebracht, ob aus der Reform noch etwas wird.

Nun: Es ist ja nicht so, als hätte man das nicht irgendwie erwartet. Dass die teils im Husch-Pfusch-Verfahren und in der allerletzten nächtlichen Sitzung ausverhandelten Überschriften noch für einige Diskussionen sorgen würden, war von Anfang an klar. Dass die Regierungspartner es keine zwei Wochen ausgehalten haben, bis der erste Streit ausbrach – es ging um die Dimension der Gesamtschulmodellregionen –, überraschte dann aber sogar die Hartgesottenen. Und dass darüber hinaus nun seit Ende Jänner wieder über die leidige Frage der Schulverwaltung gestritten wird, stimmt nicht gerade optimistisch.


Immerhin war die Tatsache, dass die (ÖVP-)Länder und der Bund sich bei diesem Thema nicht und nicht einig werden konnten, schon einmal Grund genug, die Bildungsreform fast platzen zu lassen. Man erinnere sich an den akkordierten Ausstieg der Landeshauptmänner Erwin Pröll und Hans Niessl. Und eigentlich hatte man sich ja auf eine (auch eher halb gare) Notlösung verständigt: Bildungsdirektionen, Zwitterbehörden von Bund und Ländern, mit denen sich machtmäßig eigentlich kaum etwas ändern würde. Was bei manchen den Verdacht einer Hidden Agenda nährt.

Welche auch immer das ist: Jetzt kann man sozusagen live beobachten, was der OECD-Experte Andreas Schleicher bei der Präsentation der aktuellen Pisa-Auswertung für die bisher durchgeführten Neuerungen im österreichischen Schulsystem konstatiert hat: Viele Reformen seien zwar interessant – aber sie seien nicht in der nötigen Konsequenz durchgeführt worden. Die verschiedenen Ebenen in Österreich, Bund und Länder – und hier müsste man hinzufügen: natürlich auch die angeblichen Regierungspartner – hätten nicht an einem Strang gezogen.


Auch wenn es vielleicht utopisch ist: Man könnte hoffen, dass die aktuellen Zahlen die heimische Politik wieder ein bisschen aufrütteln. Obwohl Österreich diesmal nicht bei den Schlusslichtern ist – dass elf Prozent der 15-Jährigen ernste Probleme sowohl beim Lesen als auch beim Rechnen und in den Naturwissenschaften haben, zeigt deutlich, dass das, was bisher geschah, zu wenig war. Noch etwas, das Ansporn für Verbesserungen sein könnte, ja sollte, ist der Blick in andere Länder: Es ist nicht so, dass man nichts tun könne. Deutschland ist es etwa gelungen, sich stärker zu verbessern als nur ein kleines bisschen.

Zumindest könnte man jetzt versuchen, das, was von der groß angekündigten Bildungsreform übrig geblieben ist, auf den Weg zu bringen, statt aus womöglich nur vordergründigen Streitereien über die Gestaltung der Schulverwaltung und die Größe der Gesamtschulversuche politisches Kleingeld schlagen zu wollen.

Beginnen könnte man beispielsweise mit einer Maßnahme, deren Sinnhaftigkeit auch die aktuelle Pisa-Auswertung belegt und bei der man sich – wohl dank einer etwas absurden Opt-out-Möglichkeit nach drei Monaten obligatorischen Kindergartenbesuchs, aber sei's drum – doch einig ist. Eigentlich sollten SPÖ und ÖVP all ihre Kräfte bündeln, um irgendwie das Geld für den Reformschritt aufzustellen. Denn die Finanzierung ist offen – trotz angeblich „freundlicher Nasenlöcher“ des Finanzministers.

Sollte die Bildungsreform scheitern, wäre das jedenfalls wirklich zynisch. Denn demnächst sind da die nächsten 10.000 Jugendlichen, die im Lesen und Rechnen so schwach sind, dass sie nicht wirklich zurechtkommen. Und dann die nächsten. Und die nächsten.

bernadette.bayrhammer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2016)

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