Leitartikel

Der Wahlkampf als Zirkusnummer mit flächendeckender Wirkung

Das Medium ist die Botschaft. Unter den neueren scheint die wichtigste zu lauten: Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht?

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(c) APA/BARBARA GINDL

Kann man die Politisierung der Gesellschaft übertreiben? Diese Frage hat sich in der Zweiten Republik mit ihrer sozialpartnerschaftlichen Gemütlichkeit nur ausnahmsweise in Wendezeiten gestellt – etwa 1970, 1986 oder im Jahr 2000. Als Drohkulisse galt Verteidigern der Demokratie sonst eher eine wachsende Politikverdrossenheit, die sich durch niedrige Wahlbeteiligung äußerte. Aktuell aber darf man sich nicht darüber beklagen, dass die SpitzenkandidatInnen für den Nationalrat zu wenig Öffentlichkeit erfahren. Wir erleben gerade den totalen Wahlkampf, besonders im Fernsehen. Die Quoten geben den Programmmachern recht. Der ORF und seine privaten Konkurrenten sind erfindungsreich in allerlei neuen Formaten.

Die Bundespolitik dominiert seit Wochen das Hauptabendprogramm. Jeder unvorsichtige Satz, jede verräterische Geste wird nach all diesen Konfrontationen von Experten im TV sowie parallel dazu in der Presse, im Radio und den sozialen Medien seziert, als ob es um eine große Opernkritik ginge. Es wurde bereits alles gesagt, aber noch nicht von allen.

Man fragt sich, wie die Protagonisten das anstrengende Schauspiel verkraften. Verlassen Kern, Kurz, Strache, Lunacek, Strolz und Pilz überhaupt noch die Studios und Newsrooms? Wird nur mehr nebenher regiert und opponiert, oder erfüllt sich soeben ein Slogan des Philosophen Marshall McLuhan? „The Medium is the message“ hatte er 1964 in „Understanding Media: The Extensions of Man“ geschrieben. Heute bedeutet das in Wahlkämpfen reifer Demokratien wahrscheinlich: „Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht?“ Die Auftritte der Kandidaten im Fernsehen ähneln eher Zirkusnummern oder Quiz-Spielen als seriösen Informationssendungen. Komplexe Inhalte sind störend, wesentlich ist, die Fähigkeiten eines netten Alphatieres vorzuführen, die Gegner mit rhetorischen Taschenspieler-Tricks klein zu reden.

Es dürfte also kein Zufall sein, dass eines der frischesten Formate im ORF derzeit den Titel „Nationalraten“ trägt. Politiker werden zu prominenten Beisitzern für gnadenloses Entertainment mit rätselhaftem Ausgang. Kommt demnächst aus Gründen der Authentizität Schlammcatchen ins Programm? Zwar haben Kampagnen seit jeher Showcharakter, sie versprechen Brot und Spiele, aber noch nie stand die Politik hierzulande derart massiv unter dem Druck permanenter Beobachtung wie heute. Eine persönliche Erfahrung: Als „embedded journalist“ ist man es seit jeher gewohnt, mit Wahlkämpfern durchs Land zu ziehen, um über Wochen hin mehrmals am Tag fast identische Reden mit einigen regionalen Zugnummern zu hören. Das bewirkt Momente der Lächerlichkeit und Absurdität. Nur den schauspielerisch begabtesten Zugpferden der Parteien gelingt es dabei, Spontaneität vorzutäuschen. Aber im derzeitigen politischen Dauerprogramm auf allen Kanälen sind alle Bürger ständig „eingebettet“.

Und so wird der Wahlkampf zu einer schonungslosen Abrechnung ohne Distanz. Diesmal spielen auch die Sozialen Medien eine wesentliche Rolle. Oder sollte man „asozial“ sagen? Auch früher gab es zwar in Kampagnen Apparatschiks, die ausströmten, um Wahlplakate der Gegner zu verunzieren. Heute aber wirken sogar im Umfeld einer staatstragenden Partei Profis, die im Netz strafrechtlich relevante Schmieraktionen durchführen. Flächendeckend. Die Wähler werden nicht nur medial überfordert, sondern auch brutalisiert. In manchen Twitterblasen (die vielleicht nicht repräsentativ sind) betont man bereits verdrossene Unentschlossenheit. Umfragen bestätigen das nicht. Vielleicht drückt sich im Netz derzeit nur Schockstarre bei Stammwählern von SPÖ und Grünen aus.

Was tun in der neuen Unübersichtlichkeit? Der kühne Reformvorschlag einer Erstwählerin sei am Ende erwähnt: Parteien sollte man nicht nur wählen, sondern alternativ auch abwählen können. Dieses Bonus-Malus-System würde Bürger ansprechen, die sonst frustriert fernblieben: Der Partei, die man auf keinen Fall im nächsten Nationalrat haben wolle, dürfte man eine Stimme abziehen. Das schadete nur den Extremen.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2017)

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