25.05.2012 22:44 | Meine Presse Merkliste 0

Was fehlt, ist Bewusstsein für das Risiko neuer Technologien

ANDREAS WETZ (Die Presse)

Wirtschaft und Politik besingen die Segnungen computergesteuerter Stromnetze. Auf IT-Sicherheit wird – wie fast immer – vergessen. Ein Fehler, der acht Mio. Bürger trifft.

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Keine Technologie hat die Welt in den vergangenen Jahren derart verändert wie das Internet. Die weltweite Vernetzung stürzte Diktatoren, veränderte Arbeitsprozesse und verschob die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit.

Auch Österreich hat von der Vernetzung von IT-Systemen profitiert. Nicht nur im Bereich der PCs. Im Zuge der Errichtung anderer Systeme ist die Republik jedoch gerade dabei, grundlos die Sicherheit einer wichtigen Infrastruktur aufs Spiel zu setzen. Die Rede ist vom Stromnetz. Denn dass neue Technologien auch neue Gefahren mit sich bringen, hat sich hierzulande noch nicht wirklich herumgesprochen.

Bisher wurde die Einführung des sogenannten Smart Meterings (was so viel wie intelligentes Messen bedeutet) als Segen verkauft. Durch den Tausch mechanischer Stromzähler gegen vernetzte Kleincomputer verspricht man sich bei den Endkunden Energieeinsparungen von mehreren Prozentpunkten. Warum allein das Messen schon Strom sparen soll, hat allerdings noch niemand erklärt.

Der tatsächliche Grund für die Einführung ist, dass nur so die Nutzung alternativer Energiequellen effizient möglich wird. Erst die automatisierte Kommunikation zwischen Stromzählern und Netzbetreibern ermöglicht das zeitgerechte Zu- und Abschalten von Stromerzeugern wie Windrädern. Das ist eine gute Idee. Nur: Wie so oft im IT-Bereich blieb das Thema Sicherheit (und damit Zuverlässigkeit) bisher auf der Strecke.

Es scheint, als glaubten viele Bürger und Entscheidungsträger an die digitale Vollkaskogesellschaft. Die fahrlässige Praxis, wertvolle Daten wie Kreditkartennummern mit völlig Unbekannten zu teilen (Stichwort Online-Shopping) spricht dafür und setzt sich in allen Lebensbereichen fort. Was fehlt, ist das Bewusstsein für die Gefahren, die Netzwerke und Computertechnologie mit sich bringen. Richtiges Handeln kommt dann von selbst. Die Angriffsziele reichen vom Stromnetz bis zum Smartphone, die Szenarien von Unerreichbarkeit bis zum Blackout einer ganzen Nation.

Ja, es ist praktisch, Kundendaten beim Inkassoservice des ORF via Mausklick zu ändern. Weniger praktisch ist, wenn eine Gruppe pubertierender Computerfreaks eben diese Daten aufgrund unprofessioneller Sicherheitsvorkehrungen stiehlt. Bankdaten inklusive. Vater Staat ist nicht weniger blauäugig. Im Verfassungsschutz greifen sich Spitzenbeamte an den Kopf, wenn sie erzählen, wie Ministerien der Republik defekte Festplatten mit geheimen Daten von völlig unbekannten Firmen reparieren lassen.

Die Neuorganisation des Stromnetzes passt da gut ins Bild. Um überhaupt auf die Risken aufmerksam zu werden, brauchte es den Aufschrei einer weitgehend unbekannten NGO namens Cybersecurity Austria (CSA). Doch der fehlende Bekanntheitsgrad macht die Kritik nicht weniger wertvoll. CSA ist eine Ansammlung der hellsten IT-Köpfe des Landes. Hier treffen sich Spitzenkräfte aus Software- und Telekomindustrie mit Experten der Nachrichtendienste von Polizei und Militär. Weil die politischen Spitzen der Ressorts ihre Bedenken nicht hören wollen, hat man sich eben anderweitig organisiert. Gut so.

CSA kritisiert nicht das Smart Metering an sich, sondern die Art und Weise, wie der Gesetzgeber die Technologie einführen will. Unter Nennung zahlreicher Beispiele legen die Experten dar, dass die niedrigen Sicherheitsstandards der Geräte geradezu eine Aufforderung für Kriminelle und Terroristen sein werden, sich im Hacken des Stromnetzes zu versuchen. Was bisher wegen seiner wenigen Angriffspunkte als sicher galt, wird künftig ein Computernetz mit fünf Millionen Schwachstellen. Ein Smart-Meter in jedem Haushalt macht es möglich.

Dabei ist das Risiko mit klaren Vorschriften zur Sicherheit minimierbar. Deutschland zeigt es vor. Hierzulande wurde – vermutlich auf Druck der Hersteller – darauf verzichtet. Denn Sicherheit kostet Geld. Geld, das Unternehmer und Politiker lieber anderswo ausgeben. Die IT-Chefs zahlreicher Firmen können ein Lied davon singen. Das ist eine Strategie, über die Bund und Netzbetreiber angesichts der horrenden Kosten für einen Tag Stromausfall noch einmal nachdenken sollten.

 

E-Mails an: andreas.wetz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2011)

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13 Kommentare
Westend
23.08.2011 00:53
0 0

Kann man damit auch den Stromanbieter stündlich wechseln?

Da wäre der Spaß auf beiden Seiten.

Westend
23.08.2011 00:52
0 0

Kann man damit auch den Stromanbieter stündlich wechseln?

Der Verbraucher soll jederzeit zum momentan billigsten Anbieter wechseln können! Dann wäre der Spaß und Nutzen nämlich auf beiden Seiten gegeben.

0 0

ad Warum allein das Messen schon Strom sparen soll...

...weil die Verbrauchsanzeige bei Autos auch hilft, Sprit zu sparen - da gibts jede Menge belegter Daten dafür.
Auch die Weight Watchers messen Kalorien - auch das führt dazu , dass weniger gefressen wird.

Antworten texx
22.08.2011 21:04
0 0

Re: ad Warum allein das Messen schon Strom sparen soll...

Sehr schlau. Die Verbrauchsanzeige im Auto führt dau, dass man anstatt im vierten Gang womöglich im 5. oder 6. fährt. Sie leitet dazu an, den Fahrstil zu optimieren. Das ist im Betrieb von Elektrogeräten jedoch nicht möglich. Sagen Sie mal Ihrem Fernseher, er soll mal halblang machen. Das gleiche gilt für Waschmaschine und Geschirrspüler. Ja, man kann Glühbirnen gegen Energiesparlampen tauschen, nur dafür braucht es nun wirklich nicht die Erkenntnis eins angeblich intelligenten Messgeräts. Auf die Idee kommt sogar Werner Faymann in einem lichten Moment allein.

Temudjin
22.08.2011 11:44
0 0

Warum allein das Messen schon Strom sparen soll, hat allerdings noch niemand erklärt.

leider scheinen sie sich nicht ausreichend informiert zu haben!

nicht der verbrauch steuert die produktion sondern umgekehrt: die produktion (und somit der preis) steuert den verbrauch.

das jedenfalls ist der hintergrund für einen feldversuch in deutschland:
strom wird laufend zu unterschiedlichen preisen angeboten, je nach produktionsmenge und nachfrage.
die intelligenten strommessgeräte erkennen den angebotenen preis und schalten bei geringem preis großverbraucher (wie zb waschmaschine) automatisch ein. in extremis kann das bedeuten, dass um 3 uhr morgens gewaschen wird, wenn der strom gerade gratis angeboten wird...

Antworten Gast: barra
23.08.2011 02:58
0 0

Re: Warum allein das Messen schon Strom sparen soll, hat allerdings noch niemand erklärt.

super nachtruhe wenn alle um 3 in der nacht zum waschen anfangen.

wo ist die ersparnis wenn sich die maschine einschaltet obwohl gar keine wäsche oder geschirr drinnen ist?

wenn der preis nicht sinkt verweigert sie dann das waschen?


Antworten Gast: Dschingis
22.08.2011 17:44
1 0

Re: Warum allein das Messen schon Strom sparen soll, hat allerdings noch niemand erklärt.

Das nennt man auch Rationierung, habe das im und nach dem Krieg erlebt.
Alle doppelbelasteten Hausfrauen werden sich freuen - wenn die Wäsche fertig ist nicht wann sie es brauchen sodern wenn der große Bruder es will ...

Franziskus
22.08.2011 10:54
0 1

"das zeitgerechte Zu- und Abschalten von Stromerzeugern wie Windrädern" ermöglichen

Interessant, und was ist wenn z.B. wochenlang, wie jetzt, kaum ein Wind weht?
Dann hilft mir das "Messen" auch nichts mehr.
Diese Windräder dienen in Wirklichkeit doch nur dazu, die Bauern, die windigen Firmen und die BEWAG zu subventionieren.
Als Stromproduzenten sind sie zu vergessen.
Aber das wollen Berlakovic, Pernkopf, Niessl und die grünen Traumtänzer nicht hören.
Zahlen müssen den Schwachsinn die Bürger über die Ökostromzuschläge.

Gast: ökono-mist
22.08.2011 00:02
1 0

Und sie reiten wieder: Auf Kosten des Bürgers auf dem Rücken der bürgerlichen Freiheiten!


Es gab in den letzten Jahren in der "Presse" eine ganze Reihe von Artikeln zu diesem Thema. Auch die Stellungsnahme der Arge Daten im Zuge des Gesetzesbegutachtungsverfahrens enthielt eine ganze Latte von schweren grundrechtlichen und datenschutzrechtlichen Bedenken. Hätte ich die Zeit dazu, würde ich alle diese Artikel heraussuchen und sie mitsamt den Leserkommentaren hier als Links eintragen. Denn sie haben an Aktualität bis heute nichts verloren. Vielleicht sollte man auch einmal VOR einer solchen schon von vornherein suspekten milliardenschweren Auftragsvergabe eine Art Korruptions-Vorprüfung durchführen, um nicht immer den Korruptionsvorwürfen hintennach und ohne entsprechendes Personal rettungslos hinterherhinken zu müssen.

P. S.: Der "Financial Times Deutschland" war sogar einmal zu entnehmen, daß der Lauschkonzern "ECHELON" maßgebend beim Smart Metering mitmischen soll!

Paramilitärisch gehen die Grundrechte zugrunde...

Gast: Rechner
21.08.2011 23:41
1 0

Schwerer Irrtum

Es geht nicht um das Zu- oder Abschalten der Stromlieferanten sondern der Verbraucher!
Das dämliche Kastl meldet nicht, ob gerade der Kühlschrank, der Fernseher oder der PC läuft, die kommunizieren (noch) nicht, aber es meldet sehr wohl WER gerade wieviel verbraucht. Bei einem Versorgungsengpass kann der Energieversorger dann geziehlt jene "Kunden" abdrehen, die er als unwichtig erachtet, wobei es ihm egal sein wird, ob meine Buchhaltung abstürzt, die Kreissäge steckenbleibt oder die Kühlung für das Insulin beim Teufl ist.
So schaut´s aus!

Gast: amarie
21.08.2011 21:21
2 0

darf ich die werten hacker bitten, ihre angriffe darauf zu beschränken

das komma beim rechnungspreis um 1 oder 2 stellen nach links zu verschieben?

das ist nämlich die einzige antwort auf diesen unfug, den die kommissare und stromlieferanten verstehen.

meinen verbindlichsten dank im voraus.

roger
21.08.2011 18:53
1 0

Keine Abbuchungsaufträge

Angefangen hat es damit, dass die Stromanbieter vor einigen Jahren begonnen haben, den Abbuchungsauftrag obligatorisch zu machen; mir wurde als langjähriger Kunde das Messer angesetzt: entweder dem geänderten Vertrag mit Abbucher zuzustimmen oder Kündigung (!). Dabei trägt gerade der Abbuchungsauftrag bei gehackten Daten ein großes Risiko, wie man am Beispiel der GIS gesehen hat. Und jetzt will man leichtsinniger Weise gleich das ganze Stromnetz "digitalisieren". Es würd ja vollkommen ausreichen, jene, die Strom einspeisen wollen, mit Smartmeters auszustatten; wozu ein stinknormaler Haushalt einen solchen Schmarrn benötigt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Antworten Gast: sepplbauer
21.08.2011 21:03
2 0

Re: Keine Abbuchungsaufträge

Die Antwort auf Ihre Frage ist einfach: Weil Gittl Ederer & Co. dann nicht so viele Geräte verkaufen, sprich nicht ausreichend Geschäft machen würden.

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