25.05.2012 22:49 | Meine Presse Merkliste 0

Weniger Bauchgefühl, mehr Kopfarbeit

ULRIKE WEISER (Die Presse)

Die Politik zeigt sich beim Thema Fortpflanzungsmedizin bisher notorisch ideenlos. Doch von allein verschwinden weder offene Fragen noch Risken.

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Es ist eine Situation, über die man erst nachdenkt, wenn man drinsteckt: Dann, wenn einem der Gynäkologe mit professionellem Bedauern mitteilt, dass es „auf natürlichem Weg“ mit dem Baby nicht klappen wird. Und dass andere Optionen nicht erlaubt sind, zumindest nicht in Österreich. Erst in diesem Moment bekommt ein Wort wie „Eizellspende“ eine reale Bedeutung.

Zirka 500 Frauen (und ihre Partner) bräuchten Schätzungen zufolge eine Eizelle von einer anderen Frau, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Das Gesetz versperrt diesen Weg – zu Recht, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte jüngst festgestellt hat. Wenn man das Urteil genau liest, sagt es jedoch nur, dass das Verbot in den 90ern – damals kam der Fall vor Gericht – rechtmäßig war. Ausdrücklich weist der Gerichtshof darauf hin, dass sich der europäische Trend seither in eine andere Richtung entwickelt hat.

Das ist ein guter Grund, aber nicht der einzige, das Thema nicht hurtig vom Tisch zu wischen. Die Eizellspende steht nämlich pars pro toto für einen schon notorisch ideenlosen Umgang der Politik mit der Fortpflanzungsmedizin. Eine Politik, die regelmäßig Entscheidungen an Höchstgerichte auslagert – im Dezember steht wieder ein Urteil an, diesmal vom Verfassungsgerichtshof. Der „lästige“ Staatsbürger, so scheint das Motto, soll sie sich durch die Instanzen quälen. Erst danach, und nur wenn es nicht anders geht, wird debattiert.

Dabei ist die aktuelle Gesetzeslage so widersprüchlich, dass es auch ohne Urteile Stoff für Diskussion gibt. Um bei der Eizellspende zu bleiben: Ist es denn logisch, dass Samenspenden (mit Einschränkung) erlaubt sind, Eizellspenden aber nicht, nur weil Samen einfacher zu spenden sind? Und wäre eine Aufspaltung der Mutterrolle in eine genetische und eine gebärende wirklich so schlimm – oder so neu? Auch eine Adoption spaltet die Rollen und beim Split der Vaterrolle im Fall von Samenspenden sah man bisher ebenfalls kein Problem. Tatsächlich haben Mütter, die ihr Kind einer Eizellspende zu verdanken haben, durch die Geburt wohl eine engere Bindung zu ihm als ein Vater zu einem Kind, das aus einer Samenspende stammt. Überhaupt wird man mit Blick auf das Wohl des Babys sagen müssen: Mehr gewünscht kann ein Kind kaum sein. Immerhin nehmen seine Eltern physisch, psychisch viel in Kauf.

Auch finanziell. Die Fortpflanzungsmedizin ist ein Geschäft, das merkt man vor allem jenseits der Grenze. In Tschechien und Spanien floriert der „Befruchtungstourismus“. Statt zu überlegen, wie ein Modell aussieht, das nicht dazu führt, dass Frauen unter wirtschaftlichem Druck ihren Körper ausbeuten, exportiert Österreich sein Problem. Das erspart ethische Unbequemlichkeiten und auch Geld. Denn Befruchtung im Ausland zahlt man natürlich privat, das heißt: Wer es sich leisten kann.

Freilich, um Geld geht es bei der staatlichen Trägheit höchstens am Rande. Die Antwort liegt eher im Menschlich-Diffusen. Man könnte auch sagen: in der Angst. Die Fortpflanzungsmedizin führt uns plakativ vor Augen, dass wir immer mehr Entscheidungen, die uns früher die Natur abnahm, selbst treffen könnten. Weshalb manche alles, was Potenzial zum Missbrauch hat, verbieten wollen. Da Missbrauch fast überall möglich ist, kommt man so aber nicht weiter. (Nebenbei gesagt ist diese Haltung auch nicht ganz unzynisch, weil sie Betroffene unter Generalverdacht stellt). Darüber hinaus hat das Wegschauen für Politiker aber auch konkrete Vorteile. Sie können so elegant heiklen Fragen, die mit der Medizin zusammenhängen, ausweichen. Wie etwa der: Dürfen Eizellspenden ein Weg sein, sich viel später im Leben den Kinderwunsch zu realisieren, den man wegen der Karriere nach hinten verschoben hat?

Darauf bräuchte eine kluge Politik zur Fortpflanzungsmedizin Antworten. Und sie braucht natürlich auch mehr Wissen. Medizinische Fragen werden durch Ignoranz nicht verschwinden. Und auch nicht dadurch harmloser, dass man sich nicht auskennt. Kurz gesagt: Es braucht weniger Bauchgefühl, mehr Kopfarbeit in dieser Sache. Denn nur, wenn man weiß, wovor man sich fürchtet, besteht zumindest die Chance, Risken in den Griff zu bekommen.

 

E-Mails an: ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2011)

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6 Kommentare
Gast: Werd
07.11.2011 13:37
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Kein Problem

Für alle mit unerfülltem Kinderwunsch: Fahre sie nach Tschechien, z.B. nach Brünn. Die Autofahrt dauert eine Stunde hin und eine zurück. Insgesamt müssen sie zwei Mal dort hinfahren, beim zweiten Mal wird die gespendete Eizelle eingesetzt - und mit etwas Glück werden sie neun Monate später Eltern. Alles sehr seriös, sauber, vertrauenswürdig und hochprofessionell.

Gast: Österreicher
07.11.2011 11:09
1 0

Haha! im Zusammenhang mit der Fortpflanzung

sollte man MEHR "Baugefühl" statt weniger verlangen!

Gast: caco
07.11.2011 09:53
0 0

Antwort an mens sana

Selbstverständlich existieren zu dieser Thematik noch unzählbare weitere ethische Momente, die zu beleuchten offensichtlich nicht Sinn dieses Artikels waren. Trotzdem folgende Frage an mens vermeintlich sana: Aus welchem Grund haben Sie (mutmaßlich problemlos) Ihre Kinder bekommen? Weil Sie welche wollten? Oder haben Sie dabei nur an das Wohl der Kinder gedacht? Vermutlich nicht, denn auch damals gab es schon Krieg, Überbevölkerung und Hunger auf der Welt. Ich finde Ihren Beitrag ehrlich gesagt abmaßend und kann nur wiederholen, was im Artikel schon erwähnt wurde: Diese Kinder sind absolute Wunschkinder, und Ihre Interessen werden sicher mehr berücksichtigt als in vielen Familien mit auf natürlichem Weg zeugbaren Kindern...

freeman
07.11.2011 08:36
1 1

Sehr richtig.

Mögen die selbsternannten Scheinmoralisten doch bitte über ihr eigenes Leben bestimmen, und alle Anderen damit in Ruhe lassen.

Das ist keine moralische, sondern eine rein technisch- wissenschaftliche Frage.

Gast: unhold
07.11.2011 06:27
0 4

bauchgefühl

ab der zeugung wird gestorben!

das leben ist der sicherste weg ins grab!

abtreibung ist eine frühzeitige schmerzfreie erlösung, die dem individuum einen suizid bzw. eine lange wartezeit ersparen!

was soll die ganze kinderwunschromantik und die perversen neuzeitlichen laborsextechniken?

leider sind die frauen dazu geschaffen geliebtes leid zu gebären!

Gast: mens sana
07.11.2011 01:00
2 2

Bitte etwas mehr Differenzierung!

Warum muss man in einer angeblich seriösen Zeitung wie der Presse einen derart undifferenziert-primitiven Propagandabeitrag lesen? Der Redakteurin sind ihre persönlichen Meinungen natürlich unbenommen, aber als Leser dieser Zeitung hätte man sich schon eine etwas ausgewogenere Darstellung der Argumente und Gegenargumente erwartet.

Eines gibt jedenfalls zu denken: dass bei Frau Weiser nur "die Frau" und "ihr Kinderwunsch" vorkommen. Dass auch das Kind Rechte hat, die nicht verletzt werden dürfen, liegt von vornherein jenseits ihres feministischen Denkhorizonts.


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