Deutschpflicht? Wissenschaft vs. Hausverstand

07.10.2012 | 18:16 |  BARBARA HERZOG-PUNZENBERGER (Die Presse)

Eltern sollten mit ihren Kindern zu Hause jene Sprache sprechen, die sie selbst am besten können – und nicht zwingend Deutsch.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Gastkommentar

Wenn Aussagen vonseiten der Politik besonders breite Zustimmung erfahren, sind sie oft von einer Qualität, die der eingängigen Billa-Werbung entspricht – unser Hausverstand fühlt sich geschmeichelt. Würde aber unser Hausverstand ausreichen, um Lösungen für komplexe Problemstellungen zu finden, brauchte es keine Wissenschaft.

Wissenschaft ist oft faszinierend, genauso oft aber auch anstrengend. Sie zeigt die Zusammenhänge, die im Hintergrund von offensichtlichen Erscheinungen wirken und hilft zu bestimmen, welche Faktoren relevant sind und wie langfristige Prozesse wirken. Sie widerspricht immer wieder mal dem Hausverstand. So verhält es sich auch mit der eingängigen Forderung, dass alle Eltern, egal wie gut oder schlecht sie Deutsch sprechen, mit ihren Kindern Deutsch sprechen sollten. Forschungsergebnisse aber besagen, dass es besser sei, wenn Eltern die Sprache sprechen, die sie selbst am besten können. Das bedeutet nämlich, dass sie den gesamten Reichtum dieser Sprache den Kindern weitergeben und nicht eine im Vokabular, in den Wendungen, Sprichwörtern, Reimen, Witzen und Ähnlichem reduzierte Zweitsprache, die unter Umständen mit vielen Fehlern in Grammatik und Syntax gesprochen wird.

Viel wichtiger als der Druck auf die Eltern, ihre Mehrsprachigkeit zu verleugnen, wäre der Blick auf die individuelle Förderung des Kindes. Es sollte an den jeweiligen Stärken und Schwächen angesetzt werden. Der Einsatz diagnostischer Testverfahren von Erst- und Zweitsprache könnte die Effektivität der Sprach(en)förderung deutlich erhöhen. Die Ergebnisse dieser qualitätsgesicherten Verfahren sowie regelmäßig dokumentierte Fortschrittsberichte sollten in den individuellen Sprach(en)portfolios gesammelt werden und so die Kontinuität über Institutionen(wechsel) hinweg sicherstellen. Betreuungs- und Lehrpersonen könnten jeweils dort ansetzen, wo es das jeweilige Kind gerade braucht. Das bedarf einer Aus- und Weiterbildung von Pädagog(inn)en, die darauf eingestellt ist, dass die Gesellschaft vielfältiger geworden und die Mehrsprachigkeit zunehmend der Normalfall ist.

Äußerst bedenklich und gegen die UN-Konvention der Rechte des Kindes ist, das Recht auf Schulbildung an bestimmte Kenntnisse der Unterrichtssprache zu knüpfen. Im kanadischen Kontext, in dem der Anteil der Schüler(innen), die zu Hause eine andere als die Unterrichtssprache sprechen, bedeutend höher ist als in Österreich, wäre eine solche Regelung undenkbar. Der Leistungsunterschied zwischen den ein- und mehrsprachigen Schülern beim Lesen ist in Kanada gering. In Australien war beim PISA-Test 2009 überhaupt kein Leistungsunterschied zwischen Schülern, die zu Hause die Testsprache gesprochen haben, und jenen, die das nicht taten, festzustellen. Das sollte uns zu denken geben. Vielleicht geht es doch anders als mit einem „Daham red ma olle Deitsch“.


E-Mails an: bildung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.10.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News

  • Israels „Tor zur Welt“ geschlossen
    Der Abschuss einer Boeing über der Ostukraine hat die Fluglinien unter Zugzwang gebracht: Europäische und US-amerikanische Gesellschaften stellen ihre Flüge nach Tel Aviv ein.
    Die andere Version des Unglücks
    In russischen Medien wird der ukrainischen Armee die Schuld am Flugzeugabsturz des Fluges MH17 gegeben. Auch vor Verschwörungstheorien schreckt man nicht zurück.
    Wie bunt trieb es Sprayer „Puber“?
    Prozessstart gegen Schweizer, der 232 Fassaden beschmiert haben soll. Der Angeklagte spricht von höchstens 20 bis 30 Fällen. Privatbeteiligte nennen bemerkenswerte Schadenssummen.
    Costa Concordia: Wrackschiff zum letzten Mal auf Kurs
    Der havarierte Kreuzer wird in den nächsten Tagen zur Verschrottung nach Genua gebracht – begleitet von mehr als einem Dutzend Schiffen.
    So viel kosten die ÖBB
    Finanzminister Michael Spindelegger kritisierte die Bahn mit falschen Zahlen. Wie viel die ÖBB kosten, ist zum Teil aber Ansichtssache.
    Asyl-Reform: Pühringer gegen Pröll
    Oberösterreichs Landeschef stellt sich gegen seinen niederösterreichischen Kollegen und gegen Innenministerin Mikl-Leitner.
AnmeldenAnmelden